„Das Geld später umrubeln. Das macht Sinn"

Interview mit Hermann-Josef Tenhagen, Stiftung Warentest

Selbstständige brauchen eine gute Balance zwischen Liquidität und Vorsorge, sagt Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen und rät zur Vorsicht bei Renten-versicherungen mit langen Laufzeiten.



Seit vielen Jahren wissen wir, dass die gesetzliche Rente für die heute Berufstätigen im Alter nicht zum Leben reicht. Trotzdem leben viele weiter in dem Bewusstsein: Dann reicht es eben nicht. Warum ist das so?

Das hat mehrere Aspekte. Je mehr Selbstständige prekäre Selbstständige sind, also sehr geringe Einkommen haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie nichts zur Seite legen, auch wenn das sehr kurzfristig gedacht ist. Bei vielen Angestellten ist es so, dass sie auch keinen Druck verspüren, etwas zu tun, sie leben in dem Bewusstsein: Ich zahle mit dem Arbeitgeber gemeinsam ja schon in die gesetzliche Rente. Bei Selbstständigen mit einem gut gehenden Geschäft ist es häufig so, dass sie ihr Geld lieber in die eigene Firma investieren und diese wiederum als Vorsorge begreifen.

Hermann-Josef Tenhagen, Stiftung WarentestIst das klug?

Wir wissen nicht, wie die Ökonomie in 40 Jahren aussieht. Das Geschäftsmodell, dass das Unternehmen verkauft oder verpachtet werden kann und damit den Lebensabend sichert, ist historisch gewachsen. Und es hat zwei Einschränkungen für die Gegenwart: Der Lebensabend war in früheren Zeiten noch nicht so lang und die Schnelllebigkeit der ökonomischen Rahmenbedingungen ist nicht mehr vergleichbar.

Und es gibt immer mehr freiberuflich Selbstständige. Welche Alternative haben diejenigen, die kein Unternehmen schaffen, das sich veräußern lässt?

Freiberufler, die als Künstler oder Journalist über die Künstlersozialkasse versichert sind, sollten das auch nutzen. Das Einkommen hier künstlich runterzurechnen, um geringere Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge zu zahlen, ist ein Fehler. Man muss den Leuten eigentlich sagen: Wenn du das Privileg hast, hier versichert zu sein, dann ist das sehr gut angelegtes Geld, weil man nur die Hälfte der Beiträge selbst aufbringen muss.

KSK-Versicherte könnten also auf private Vorsorge verzichten?

Nein, sicher nicht. Selbst wer zum Beispiel einen Gewinn von 4.000 oder 5.000 Euro monatlich hat und damit an der Obergrenze liegt, erzielt 1,8 Rentenpunkte. In 30 Jahren sind das mehr als 50 Rentenpunkte und nach heutigem Stand 1.550 Euro Rente. Das hört sich ganz gut an, ist aber, wenn man gewöhnt ist, 3.000 Euro zur Verfügung zu haben, noch immer nur die Hälfte. Grundsätzlich gilt: Wer seinen Lebensstandard halten will, muss immer privat vorsorgen.

Man könnte auch länger arbeiten. Ist die Vorstellung, mit 65 oder 67 in den Ruhestand zu gehen, gerade für die selbstständige Arbeit noch zeitgemäß?

Es ist immer möglich gewesen, dass Menschen, die gern arbeiten, weitermachen. Ob das der Landwirt ist, der mit 75 noch auf den Trecker steigt, auch wenn er Hof schon an den Sohn übergeben hat, der Dorfarzt, der seine Praxis weiterführt oder der Rechtsanwalt, der weiter Mandanten betreut. Man kann jenseits der 65 weiterarbeiten, das ist toll und völlig in Ordnung ...

Aber?

Es kann passieren, dass man aus gesundheitlichen Gründen seinen Job nicht mehr gut ausüben kann. Und es ist auch eine gewisse Hybris zu glauben, dass die Arbeit, so wie ich sie tue, auch weiterhin gebraucht wird. Qualifikationen, auch die eines Grafikers oder Journalisten, veralten. Die Frage ist nicht nur, ob man die Arbeit noch tun kann, sondern auch, ob sie in Zukunft noch honoriert wird.
Wer selbstständig ist, muss für die Situation, in der er seine Arbeit nicht mehr ausüben kann, vorsorgen.

Wie am besten?

Die KSK ist, wie gesagt, eine gute Möglichkeit. Auch Kammerangehörige sind mit den Versorgungswerken gut bedient. Wer weder das eine noch das andere hat, hat ein Problem und muss überlegen, wie er vorsorgt.

In Ihrem Ratgeber steht, welche Versicherungen unbedingt sein müssen. Aber es gibt eben auch immer mehr Selbstständige mit geringen Einkommen. Wie sollen die noch was fürs Alter zurücklegen?

Die Frage kann auch ein Buch nicht beantworten, das kann nur die Prioritäten verdeutlichen. Eine Krankenversicherung muss sein, aber eine private Krankenversicherung ist oft die schlechtere Lösung. Eine Haftpflicht-, vielleicht sogar eine berufsspezifische Versicherung ist wichtig. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist sinnvoll, aber nur, wenn sie Einkommensersatz jenseits der Grundsicherung sein kann. Und wenn dann noch was übrig ist, dann macht es Sinn, etwas fürs Alter zurückzulegen.

Und dann investieren viele Selbstständige das Geld zunächst in die Firma ...

Die Unternehmensentwicklung ist ein wichtiger Aspekt und für viele Selbstständige ein Grund, sich für eine Anlage zu entscheiden, die liquider ist. Die Frage ist: Habe 100.000 Euro auf meinem Konto, um sie in eine neue Filiale zu investieren oder komme ich da nicht dran, weil sie in der Altersversorgung festliegen? Wer mit 55 liquide ist, kann das Geld immer noch sinnvoll in einem Rürup-Vertrag anlegen.
Denn: Sobald was übrig ist, was zu Seite zu legen - daran führt kein Weg vorbei. Auch wenn das Cabrio noch so sehr lockt.

Geringverdienende Selbstständige werden lächeln ...

Langfristig kann das Prekariat ja kein Geschäftsmodell sein. Wer klein anfängt, in einer Nische sitzt und daran arbeitet, dass diese größer wird, der kann die Altersversorgung in den ersten Jahren rechts liegen lassen.

Wenn ich dann anfange, Geld zurückzulegen, lautet der vielfache Rat, viele unterschiedliche Produkte zu kombinieren. Mit der Folge, dass ich bei jedem neuen Vertrag Verwaltungs- und Provisionskosten zahle, oder?

Ich empfehle, andersherum vorzugehen. Fragen Sie sich: Was ist für mich die richtige Kombination von Anlagen? Wo will ich wieder rankommen können? Habe ich eine Basisversorgung? Dann könnte ich im nächsten Schritt sagen: Das andere soll liquide zur Verfügung stehen und ist dann sinnvoll in einem Fondssparplan oder sogar einem Banksparplan investiert. Es hängt davon ab, ob man ein Versicherungstyp ist ...

Was ist das denn?

Jemand, der einen Vertrag abschließt, am liebsten mit einer Laufzeit von mindestens 25 Jahren, monatlich zahlt, sich sonst nicht darum kümmern will und dann auf die Auszahlung wartet. Mehr Rendite und Risiko dagegen machen Arbeit. Den Versicherungen geht es so gut, weil sich so viele Menschen wenig Arbeit machen wollen und das lassen jene sich gut bezahlen.

Eine Unternehmerin sollte also lieber kein Versicherungstyp sein?

Wer die Geschäftsentwicklung im Auge hat, das Unternehmen weiterentwickeln will und möglicherweise größere liquide Mittel braucht, sollte keine Versicherung zur Altersvorsorge abschließen. Ich würde als 30-Jähriger keine Rentenversicherung abschließen. Es sei denn, ich bin so privilegiert, dass ich weiß, dass ich das Geld, das ich dafür zur Seite lege, im Alltag  nie brauchen werde.
Die grundsätzliche Regel für Selbstständige lautet: Sie müssen sich über die Liquidität Gedanken machen und das Geld später in die Altersvorsorge umrubeln. Das macht Sinn.

Interview: Andrea Blome

Zur existenzielle-Rezension "Altersvorsorge für Selbstständige"


Stiftung Warentest wurde 1964 auf Beschluss des Deutschen Bundestages gegründet, um Verbraucher durch den vergleichenden Test von Waren und Dienstleistungen eine unabhängige Unterstützung zu bieten. 1966 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift "Der Test", geprüft wurden damals Nähmaschinen und Handrührer. Und auch das erste Buch der Stiftung war ganz dem Haushalt gewidmet: Der erste Ratgeber 1983 hatte das Thema "Küche". Die Zeitschrift finanztest erscheint erstmals 1991. Frauen lesen hier bevorzugt Zinsthemen, so die Einschätzung der Redaktion, Aktien lassen sie liegen. Bei Immobilien dagegen sind sie immer dabei. www.stiftung-warentest.de

(existenzielle April 2010)








Frauen Wirtschaft News

VdU-Präsidentin legt Amt nieder

Petra Ledendecker, seit 2007 Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU), hat ihr Amt zum 31.12.2011 aus persönlichen Gründen niederlegt. mehr...


Alternative Nobelpreise 2011

Ina May Gaskin, eine amerikanische Hebamme, Jacqueline Moudeina, eine Menschenrechtsanwältin aus dem Tschad, Huang Ming, ein chinesischer Solarunternehmer sowie Henk Hobbelink und Renée mehr...


IDEE Förderpreis für Michaela Nachtrab

Der mit 75.000 Euro dotierte IDEE Förderpreis des Hamburger Kaffeeunternehmens Darboven wurde am 10. November an die Unternehmerin Michaela nachtrab verliehen. Sie ist Gründerin der mehr...


ANZEIGE



Neues von unseren Beraterinnen

Gibt es den Gründerinnen-Typ?

Wie ausschlaggebend sind Charaktereigenschaften für eine Gründung? mehr...

Kein Ende für politisches Engagement

„Scheitern, besser scheitern, weitermachen ..."  mehr...

Ihre Waffe ist ihr Wissen

Wie Literaturagenten beim Schreiben und Vermarkten helfen mehr...

Neu auf dem Marktplatz

Daniela Sauermann

FcF Institut
Profil ansehen...

Bärbel Stender

Ambiente Gartengestaltung
Profil ansehen...

Jutta Bissinger

Journalistenbüro
Profil ansehen...