„Machen Sie mich von der Seite an?"
Gitte Härter über Nervensägen
Nerv-Typen gibt es viele, beruflich und privat. Wie Sie den Gesprächs-Faden in der Hand behalten, weiß Gitte Härter. Im Interview spricht sie über gute Strategien – auch für Heulsusen.
Frau Härter, was bringt Sie
von Null auf Hundert?
Was ich wirklich
nicht vertrage, das ist Geschmatze. Wenn jemand neben mir sitzt und laut
schmatzt, das macht mich wahnsinnig!
Was machen Sie dann?
Wenn's geht, wie in
der U-Bahn, dann entferne ich mich. So schnell wie möglich.
Vom Reden her macht
mich wahnsinnig, wenn Leute nicht zum Punkt kommen. Wenn ich mir alles Mögliche
anhören muss, nicht folgen kann und auch nicht weiß, wo das Gerede hinführen
soll.
Dann entfernen Sie sich aber
nicht ...
Da warte ich aber
auch nicht. Denn je länger ich warte, desto angekratzter bin ich und desto
unsachlicher werde ich auch. Nein, ich steuere das Gespräch, unterbreche und
sage: „Sagen Sie mir doch mal, worum es geht."
Unterbrechen ist okay?
Ja,
selbstverständlich und das kann man auch gut in Worten und mit Gesten
freundlich tun. Die meisten Menschen machen Gesprächspausen, da kommt man
dazwischen. Bei denen, die beim Sprechen gar keine Luft holen, hilft die
Körpersprache: Eine Hand heben, Luft holen, den Mund öffnen: Das sind alles
Gesten, mit denen Sie zeigen, dass Sie zum Sprechen anheben. Wenn Sie selbst
klare Signale senden, dann bekommen Sie die Pause schon. Der andere ist ja kein
Teufel ...
Wie meinen Sie das?
Menschen sind nicht
aus Bosheit nervig. Auch ein Choleriker schreit nicht rum, weil er böse ist und
Sie unbedingt nerven will. Er kann vermutlich nicht anders. Ich bin auch
manchmal eine Furie, wenn mich etwas aufregt.
Sie haben ein ganzes Buch über nervige
Gesprächspartner geschrieben. Warum macht es denn Sinn, sich die Nervensägen
genauer anzuschauen?
Es geht in
Gesprächen immer auch um Beziehungen. Es gibt vielleicht unsympatische
Marotten, aber es gibt auch Dinge, die Beziehungen wirklich beeinträchtigen,
die für Streit oder Konflikte sorgen und die lohnt es sich anzuschauen.
Ein Angriff von der
Seite stört mich zum Beispiel nicht so sehr, damit kann ich gut umgehen, weil
ich weiß, was ich kann. Aber Leute, die so überhaupt nicht nicht auf den Punkt
kommen, die finde ich so schlimm, die kann ich zum Beispiel nicht coachen. Ich
plädiere dafür, mit nervigen Situationen nicht einfach umzugehen, sondern immer
auch zu fragen: Was hat das mit mir zu tun?
Wenn mich ein Besserwisser
nervt? Was hat das mit mir zu tun?
Wenn
ich das Gefühl habe, dass andere auf mich runterreden, bin ich entweder gerade
unsicher oder mache mich selbst klein. Es kann auch sein, dass ich in der
Sache, um die es gerade geht, nicht hundertprozentig sicher bin. Oder der
Klugscheißer zeigt mir gerade etwas auf, wo ich tatsächlich schlampig war, und
ich bin eigentlich genervt, weil ich mit einem Fehler konfrontiert bin.
Kann ich von einem Obszönling
was lernen?
Grenzen zu ziehen
und zwar sofort. Außer Sie erzählen selbst gerne dreckige Witze, dann können
Sie sich von ihm vielleicht was abschauen ... Aber wenn Ihnen die Sprüche
unangenehm sind, dann sollten Sie schnell, klar und freundlich signalisieren:
Das möchte ich nicht hören. Denn darum geht es grundsätzlich: Sachlich bleiben,
eine kurze Antwort geben und sich auf keinen Fall rechtfertigen.
Warum nicht rechtfertigen?
Wenn Sie sich
rechtfertigen und anfangen zu erklären, warum Sie eine Grenze setzen, dann
begeben Sie sich in eine Opferposition, die nicht angebracht ist. Wenn Sie
dagegen kurz bleiben, dann werden Sie erstens besser wahrgenommen, zweitens
verwässern Sie nichts durch lange Reden und drittens hilft es Ihnen, freundlich
zu bleiben.
Das ist nicht immer
leicht. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin zum Beispiel eine totale Heulsuse.
Wenn ich emotional bin, zornig oder aufgebracht, dann kann ich schon mal in
Tränen ausbrechen ...
Wenn Ihnen das bei Ihrer
Mutter oder der Freundin passiert, ist da ja nicht so schlimm ...
Glauben Sie mir,
ich habe auch schon vor einer Trainingsgruppe und vor Chefs geheult. Aber das
ist ein Lernprozess. Wenn ich versuche, das Heulen zu unterdrücken, dann
verschwende ich Energie auf das, was man längst schon sieht: Ich habe rote
Flecken im Gesicht, Tränen in den Augen, eine zitternde Unterlippe. Wenn ich
aber kurz und klar sage: „Haben Sie mal ein Taschentuch? Das hat mich jetzt
angegriffen", dann habe ich die Fassung schnell wieder.
Das gilt umgekehrt
genauso. Wenn Sie zum Beispiel das Bedürfnis haben zu schreien, sagen Sie klar
und deutlich: „Ich bin jetzt total stinksauer!" Dann müssen Sie das nicht mehr
schreiend rauslassen.
Gibt es im beruflichen Kontext
andere Nervtypen als im privaten Umfeld?
Ob mich etwas
nervt, hängt zunächst mit mir selbst zusammen. Und da unterscheiden sich
berufliche oder private Situationen nicht. Die Reaktion ist aber vielleicht
eine andere. Zu einem Kunden, der Sie rumkommandiert, können Sie keine gute
Kundenbeziehung aufbauen. Aber Sie könnten ihm auch sagen: Ich will nicht, dass
Sie so mit mir reden.
Selbstständige haben es da
besser?
Ja, ich plädiere
schon dafür, dass wir uns unsere Kunden selbst aussuchen. Ich zum Beispiel
arbeite nur mit Menschen, die freundlich sind. Ich möchte keine Kunden haben,
die mir das Gefühl geben, ich müsse dankbar dafür sein, dass sie mir den
Auftrag geben.
Was sagen Sie denn den
Unfreundlichen?
Ich nenne einen
inhaltlichen Grund, warum ich den Auftrag nicht annehme und wenn ich jemanden
weiß, nenne ich einen anderen Anbieter. Dann ist der Kunde ganz zufrieden und
hinterfragt auch gar nicht mehr, warum ich's nicht mache. Die Taktik: Antworte
an der Sache vorbei, aber ganz nah.
Nicht lügen?
Im normalen Umgang
schaue ich, dass ich nicht lüge oder etwas vorschiebe, um mir etwas zu ersparen.
Natürlich lügt jeder Mensch jeden Tag, ich muss ja einem Kunden nicht sagen:
Ich war auf dem Klo, wenn ich nicht rechtzeitig am Telefon war. Aber ich finde
es schon sehr wichtig, aufrichtig zu sein. Das macht das Leben - beruflich und
privat - leichter: Man steht zu sich selbst und lernt, dass man jedem alles
sagen kann, es kommt nur auf das Wie an.
Welche Rolle spielt Humor im Umgang mit
Zutextern, Besserwissern, Hobby-Psychologen oder Lästerern?
Es ist viel
leichter, jemanden humorvoll auf nervige Dinge anzusprechen. Plumpe Direktheit
wirkt oft grob. Wenn Sie etwas humorvoll sagen, dann geben Sie dem anderen die
Möglichkeit, mitzulachen. Humorvoll reagieren zu können, hat mit einer gewissen
Lockerheit zu tun, auch mit sich selbst! Und wenn ich locker bin, nervt mich weniger
oder ich kann mit Nerv-Situationen souveräner umgehen. Aber das kann man nicht
aus Büchern lernen.
Für Schlagfertigkeit gibt es
Ratgeber. Hilft mehr Schlagfertigkeit?
Nein, das hat ja
immer was von Zurückschlagen. Es geht nicht darum, jemanden zurückzusetzen oder
zu besiegen, sondern handlungsfähig zu sein. In den meisten
Schlagfertigkeitsbüchern geht's nur darum, noch eins draufzusetzen oder die
tollste Pointe zu setzen. Mir geht es darum, in einer Gesprächssituation für
mich einzustehen und handlungsfähig zu sein.
Was immer geht und
gut ist: Eine Frage zu stellen, interessiert und sachlich. Sie können zu
jemandem sagen: „Machen Sie mich gerade von der Seite an oder kommt mir das nur
so vor?", so lange Sie es nicht angreifend oder unterstellend sagen. Dann den
Mund halten und freundlich gucken. Sie geben dem anderen die Verantwortung
zurück und das ist tausendmal mehr wert als was Schlagfertiges draufzusetzen.
Auch mal schweigen?
Schweigen
ist total nützlich. Weil es den anderen in die Pflicht nimmt.
Das ist bei Menschen, die
einen zutexten, aber schwierig.
Nicht unbedingt.
Sie formulieren Ihr Statement, schweigen und gucken freundlich - das nimmt den
anderen in die Pflicht, jetzt etwas zu sagen. Die meisten Menschen reden immer
weiter, decken so ihre eigenen Statements gleich wieder zu oder fangen an zu
relativieren. Lernen Sie, an der richtigen Stelle zu schweigen. Schauen Sie
interessiert, als ob jetzt was kommen müsste ... Der andere füllt das Schweigen
dann schon!
Wann nerven Sie denn, Frau Härter?
Ich nerve, weil ich
oft Details dazu sage, die für andere wahrscheinlich selbstverständlich sind.
Wenn jemand mal etwas übersehen hat und es wieder um die gleiche Sache geht,
schreibe ich sicherheitshalber „jeden Furz" dazu.
Oh wie nervig!
Ja, sag ich doch.
Aber ich kann's nicht lassen. Das wäre noch ein Tipp, um mit Macken, die andere
nerven, offen umzugehen: Sagen oder schreiben Sie einfach: „Ich kann grad nicht
anders, das muss ich jetzt einfach dazu sagen, auch wenn's vermutlich
selbstverständlich ist." Dann glaubt ihr Gegenüber nämlich nicht, dass Sie ihn
für blöd halten.
Interview: Andrea Blome
existenzielle 5/2010
Gitte Härter arbeitet seit über zehn Jahren als Coach und Trainerin. Sie ist Mitinhaberin des Unternehmens „objektiv.", das sie gemeinsam mit Christine Öttl führt. Zuvor war die beiden angestellte Kolleginnen in einem Medienunternehmen. Gitte Härter betreibt die Internetplattform unternehmenskick.de, bietet Selbstlernkurse und Online-Workshops für Selbstständige und kleine Unternehmen an. Seit 2000 hat sie über 20 Business- und Persönlichkeitsratgeber in namhaften Verlagen veröffentlicht.
Zur existenzielle-Rezension von Gitte Härters Buch „Nerv nicht!"
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