Das Material der Engel
Gisa Kürfgen startete mit ihrer Gipsmanufaktur in der Studentenbude
Am Anfang war ein Klo. Winzig klein, mit Waschbecken und Duschecke. Hier rührt Gisa Kürfgen Anfang der 1990er Jahre die ersten Schüsseln Gips an, gießt Wandkonsolen für das Göttinger Altstadtfest. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher über Mineralien, die Erdkruste und Vulkane.
Gisa Kürfgen studiert Geologie, Gipsarbeiten sind ihr Hobby. Damals ahnt sie noch nicht, dass sie in diesem Moment den Grundstein für ein erfolgreiches Unternehmen legt.
Gisa Kürfgen ist fasziniert von der Entstehung der Erde. Deshalb studiert sie Geologie. Im Studium lernt sie viele Formeln, auch die von Alabaster-Gips: CaSO4 · 2H2O. Nicht ahnend, dass ausgerechnet dieses Material einmal ihr Leben bestimmen wird. Ein Zufall brachte Gisa Kürfgen vor 17 Jahren dazu, sich mit Gipsfiguren zu beschäftigen. „Eigentlich wollte ich Geologin werden. Ich war fasziniert von solchen Fragen: Wie entsteht Gold? Woraus bestehen Himmelskörper? Was sind die kleinsten Teilchen in Mineralien?" Eines Tages bekam sie von Freunden eine Stuckkonsole aus Gips für Kerzen oder Blumen geschenkt. „Sie gefiel mir so gut, dass ich Lust hatte, selbst solche Konsolen herzustellen." Gisa Kürfgen entwickelt eine Gießform und probiert. Die ersten Konsolen schenkt sie Freunden und Bekannten. "Es machte mir so viel Spaß, dass ich weiter experimentierte."
1999 muss Gisa Kürfgen eine
Entscheidung treffen: Akademische Laufbahn oder Gips. "Die Arbeit im Büro
reizte mich nicht. Ich mietete eine Werkstatt und gründete die Gipsmanufaktur."
Weihnachtsmärkte und Kunsthandwerkermärkte waren die erste Verkaufsplattform
für das damals vor allem aus Konsolen und Büsten bestehende Sortiment. „Das
Tingeln über Märkte war aber nicht mein Ding", sagt sie heute, „das wurde mir
nach meinem ersten Bandscheibenvorfall klar. Märkte sind wirklich Knochenarbeit, an Mitarbeiterinnen war aber finanziell
noch nicht zu denken." Zum Glück hatte
sich Gisa Kürfgen 2002 schon für die Einkaufstage Hamburg und die Trendset
München beworben. Auf Anhieb bekam sie für beide Messen eine Zusage. Und sie
hat Erfolg. "Meine Konsolen und Säulen blieben zwar unbeachtet. Aber die
Engel waren alle weg." Seitdem sind die Botschafter des Himmels, die
kleinen Beschützer und Trostspender das Lieblingsprodukt von Gisa Kürfgen. Viele
Geschäfte ordern die knuddeligrunden Babykörpern, mit zarten Flügeln, liebsten
Gesichtern und romantischem Lockenhaar. "Ich schenke den Menschen kleine
Glücksmomente."
Seitdem erweitert Gisa Kürfgen ständig
ihre Angebotspalette. Fröhliche Wandbilder kommen dazu, lustige Charakterköpfe.
Die Nasszelle der Studentenbude genügt
als Produktionsraum bald nicht mehr. Die neuen zwei lichtdurchfluteten Hallen
im Süden Göttingens bieten der kleinen Manufaktur viel Platz für Kreativität
und Service. Obwohl Gisa Kürfgen heute vier
Mitarbeiterinnen beschäftigt, ist sie ihrem Arbeitsstil treu geblieben. Alle
Produkte der Gipsmanufaktur werden genau wie zu Anfang ausschließlich in
Handarbeit gefertigt. Die Kooperation mit der ortansässigen Werkstatt für
behinderte Menschen ist für Gisa Kürfgen seit Jahren selbstverständlich. Wann
immer dies möglich ist, arbeitet die Manufaktur außerdem mit Zulieferern aus
der Region zusammen.
Warum aber
ausgerechnet Gips? Gisa Kürfgen: „Gips ist schön. Das Calciumsulfat-Mineral unterscheidet
sich in seiner Stofflichkeit wohltuend von industrieller Massenproduktion aus
Kunststoff. Der seidige Glanz des Materials strahlt bereits beim Betrachten
eine Wertigkeit aus, die beim Berühren bestätigt
wird. Gips bezaubert nicht nur durch seine Formen, sondern vor allem durch
seine haptische Feinheit. Gips ist das Material der Engel."
Autorin: Jana Schütze
existenzielle 9/2010
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