Das Material der Engel

Gisa Kürfgen startete mit ihrer Gipsmanufaktur in der Studentenbude

Am Anfang war ein Klo. Winzig klein, mit Waschbecken und Duschecke. Hier rührt Gisa Kürfgen Anfang der 1990er Jahre die ersten Schüsseln Gips an, gießt Wandkonsolen für das Göttinger Altstadtfest. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher über Mineralien, die Erdkruste und Vulkane.



Gisa Kürfgen, Foto: Andreas Krone / KlickGermanyGisa Kürfgen studiert Geologie, Gipsarbeiten sind ihr Hobby. Damals ahnt sie noch nicht, dass sie in diesem Moment den Grundstein für ein erfolgreiches Unternehmen legt.

Gisa Kürfgen ist fasziniert von der Entstehung der Erde. Deshalb studiert sie Geologie. Im Studium lernt sie viele Formeln, auch die von Alabaster-Gips: CaSO4 · 2H2O. Nicht ahnend, dass ausgerechnet dieses Material einmal ihr Leben bestimmen wird. Ein Zufall brachte Gisa Kürfgen vor 17 Jahren dazu, sich mit Gipsfiguren zu beschäftigen. „Eigentlich wollte ich Geologin werden. Ich war fasziniert von solchen Fragen: Wie entsteht Gold? Woraus bestehen Himmelskörper? Was sind die kleinsten Teilchen in Mineralien?" Eines Tages bekam sie von Freunden eine Stuckkonsole aus Gips für Kerzen oder Blumen geschenkt. „Sie gefiel mir so gut, dass ich Lust hatte, selbst solche Konsolen herzustellen." Gisa Kürfgen entwickelt eine Gießform und probiert. Die ersten Konsolen schenkt sie Freunden und Bekannten. "Es machte mir so viel Spaß, dass ich weiter experimentierte."

Gipsmanufaktur, Foto: Andreas Krone / KlickGermany1999 muss Gisa Kürfgen eine Entscheidung treffen: Akademische Laufbahn oder Gips. "Die Arbeit im Büro reizte mich nicht. Ich mietete eine Werkstatt und gründete die Gipsmanufaktur." Weihnachtsmärkte und Kunsthandwerkermärkte waren die erste Verkaufsplattform für das damals vor allem aus Konsolen und Büsten bestehende Sortiment. „Das Tingeln über Märkte war aber nicht mein Ding", sagt sie heute, „das wurde mir nach meinem ersten Bandscheibenvorfall klar. Märkte sind wirklich Knochenarbeit, an Mitarbeiterinnen war aber finanziell noch nicht zu denken."  Zum Glück hatte sich Gisa Kürfgen 2002 schon für die Einkaufstage Hamburg und die Trendset München beworben. Auf Anhieb bekam sie für beide Messen eine Zusage. Und sie hat Erfolg. "Meine Konsolen und Säulen blieben zwar unbeachtet. Aber die Engel waren alle weg." Seitdem sind die Botschafter des Himmels, die kleinen Beschützer und Trostspender das Lieblingsprodukt von Gisa Kürfgen. Viele Geschäfte ordern die knuddeligrunden Babykörpern, mit zarten Flügeln, liebsten Gesichtern und romantischem Lockenhaar. "Ich schenke den Menschen kleine Glücksmomente."

Brillenhalter und Engel-BilderSeitdem erweitert Gisa Kürfgen ständig ihre Angebotspalette. Fröhliche Wandbilder kommen dazu, lustige Charakterköpfe. Die Nasszelle der Studentenbude genügt als Produktionsraum bald nicht mehr. Die neuen zwei lichtdurchfluteten Hallen im Süden Göttingens bieten der kleinen Manufaktur viel Platz für Kreativität und Service. Obwohl Gisa Kürfgen heute vier Mitarbeiterinnen beschäftigt, ist sie ihrem Arbeitsstil treu geblieben. Alle Produkte der Gipsmanufaktur werden genau wie zu Anfang ausschließlich in Handarbeit gefertigt. Die Kooperation mit der ortansässigen Werkstatt für behinderte Menschen ist für Gisa Kürfgen seit Jahren selbst­verständlich. Wann immer dies möglich ist, arbeitet die Manufaktur außerdem mit Zulieferern aus der Region zusammen.

Gisa KürfgenWarum aber ausgerechnet Gips? Gisa Kürfgen: „Gips ist schön. Das Calciumsulfat-Mineral unterscheidet sich in seiner Stofflichkeit wohltuend von industrieller Massenproduktion aus Kunststoff. Der seidige Glanz des Materials strahlt bereits beim Betrachten eine Wertigkeit aus, die beim Berühren bestätigt wird. Gips bezaubert nicht nur durch seine Formen, sondern vor allem durch seine haptische Feinheit. Gips ist das Material der Engel."

 

Autorin: Jana Schütze

existenzielle 9/2010

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