Zwei Schwestern polieren Traditionen auf
Sternkopf Holzkunst
„Warum sehen Weihnachtsengel bloß immer so altmodisch aus?" fragten sich die Schwestern Sylva und Vivien. Gemeinsam entwarfen sie Alternativen.
Im Frühjahr 2006 sitzen Sylva (35) und Vivien (26) in der Küche ihres Elternhauses in Gahlenz im Erzgebirge. Das 110. Firmenjubiläum der Sternkopf-Holzkunst steht bevor. „Wir wollten etwas zur Erinnerung an unseren Papa machen. Es sollte aber kein steifer Lichthalter mit Schürze werden, der dem heimkehrenden Bergarbeiter-Ehemann brav die Lampe hält, so wie es der traditionelle Erzgebirgsengel tut. Wir wollten etwas Modernes schaffen."
Die Liebe zur Holzkunst wurde den beiden Schwestern in die Wiege gelegt. Schon als kleine Mädchen sitzen sie oft stundenlang im Betrieb ihres Vaters. „Wir spielten in seinem Büro mit den alten Holzdrehstühlen, die wie ein Karussell waren. Die Sekretärinnen klapperten lustig auf ihren Schreibmaschinen." Der schönste Tag war jedoch, wenn Papa Paul sagte: „Heute fahren wir in die Werkstatt." Aufgeregt saßen dann die beiden Mädchen im Skoda. Die Werkstatt war einige Kilometer vom Wohnort entfernt. „Wenn wir durch die große Tür gingen, tauchten wir in eine Märchenwelt. Es duftete nach Holz und Farben. Überall lagen Späne. Aufgeregt schauten wir den Frauen zu, wie sie den Holzfiguren bunte Kleider anmalten. Strich für Strich bekamen sie Augen und Mund und ein reich verziertes Kleid. Es war eine romantische Stimmung in der Werkstatt. Dort war immer Weihnachten." Vater Paul Sternkopf ist ein angesehener Geschäftsmann in Gahlenz. Schon mit 21 Jahren ist er Chef der Holzfirma, in der neben Bürstenhaltern, Spardosen, Flaschenverschlüssen und Serviettenringhaltern auch erzgebirgischer Weihnachtsschmuck produziert wird. Hier entstehen Schwibbögen, Pyramiden, Räuchermännchen. 1972 wird seine Firma jedoch von DDR-Behörden enteignet. „Das tat Papa bis zur letzten Minute weh. Er blieb zwar in der Geschäftsleitung, war immer der heimliche Chef. Aber es war nicht mehr sein Unternehmen." Trotzdem geht Paul Sternkopf jeden Tag in die Firma. Erst mit 87 Jahren hört er endgültig auf.
Obwohl sie so eng mit der Erzgebirgsfirma des Vaters verbunden sind, gehen Sylva und Vivien ihre eigenen Wege. Sylva studiert Anglistik, wird Inhaberin und Kreativchefin einer sieben-köpfigen Marketing- und Übersetzungsagentur. Vivien studiert Internationales Informationsmanagement in Hildesheim, arbeitet in der Online-Abteilung eines großen Textilunternehmens. An diesem Tag im März 2006 jedoch skizzieren die beiden Frauen übermütig junge Frauen mit Brust und Hintern. Frauen, die einen tiefen Ausschnitt tragen und hoch geschlitzte Röcke. „Es waren Figuren, die wir schön finden, mit denen man sich als junge, moderne Frau von heute identifizieren kann. Nichts süßliches, kindliches, sondern modern und selbstbewusst." Aus Salzteig modellieren sie die ersten Modelle. „Stolz brachten wir sie am nächsten Tag in den ehemaligen Betrieb unseres Vaters. Betriebschef Berger schmunzelt, als er die skurrilen 3-D-Modelle sieht. „Nett, aber geht nicht. Wir sind hier keine Keramik-Bude, sondern drechseln die Figuren. Und drechseln kann man immer nur rund. Wenn ich vorne eine Brust herausarbeite, hat die Frau hinten einen Buckel." Trotzdem denkt er über eine Lösung nach. Und er findet schließlich eine. Mit vielen handwerklichen Tricks entsteht schließlich eine Engelfigur, die doch noch erotisch ist.
Die Überraschung: Binnen kurzer Zeit sind die ersten 100 Figuren vergriffen. Seitdem können die Schwestern nicht mehr von den Engeln lassen. Zwar macht jede hauptberuflich weiter ihren Job, leben hunderte Kilometer voneinander getrennt. „Die Engel verbinden uns." Während Vivien sich um das Internet kümmert, ersinnt Sylva immer neue Marketing-Ideen. „Dieses Jahr im Frühjahr saßen wir wieder zusammen und malten neue Engel." Heraus kam eine sitzende Kollektion mit einer Geigerin, einer Querflötistin, einer Harfinistin. „Wir waren immer Papas kleine Engel. Jetzt haben wir ihm seine Engel zurückgegeben."
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