„Meine Figuren verzaubern die Menschen"

Kerstin Drechsel hat im Erzgebirge eine Weihnachtswerkstatt

18 Hände sind nötig, bevor ein Holzmännlein auf Reisen geht. Besonders jetzt - in der Vorweihnachtszeit - herrscht in der kleinen Firma Hochbetrieb. Hunderte Engel, Nussknacker und Weihnachtsmänner müssen noch gefertigt werden. Denn von diesen winzigen Figuren leben zwölf Frauen aus Olbernhau das ganze Jahr.



„Mein Großvater war Holzbrandmaler, Vater und Mutter arbeiteten viele Jahre in einer erzgebirgischen Spielzeugfirma, in der sie auch Figuren entwarfen. Jetzt habe ich selbst eine Weihnachtswerkstatt."

Foto: Andreas Krone / KLICKGermanyAnfang der 90er Jahre - gleich nach der Wende - geht die Spielzeugfirma, in der Kerstin Drechsel (45) als Museologin arbeitet, Konkurs. „Ich war gerade mit meinem zweiten Sohn im Erziehungsurlaub! Da musste ich mir etwas Neues suchen, wovon ich hier leben könnte." Kerstin Drechsel lebt in Olbernhau, einer kleinen Stadt, eingekuschelt in ein Tal im Erzgebirge. Knapp 13 000 Menschen leben hier. Und viele haben irgendetwas mit Weihnachten zu tun. Worauf kommt also eine echte Erzgebirglerin als erstes? Genau, auf Weihnachtsfiguren! Als Kind hatte Kerstin oft dem Vater in seiner Musterwerkstatt zugeschaut. „Ich war schon damals fasziniert, wie an der Drehbank kleinste Teile für Figuren entstehen."

Provisorisch richtet Kerstin in der Wohnung ihrer Eltern eine Werkstatt ein. Während Sohn Florian friedlich im Kinderwagen schläft, entwirft sie zusammen mit ihren Eltern die ersten Figuren: Sieben kleine Engel mit richtigem Engelshaar. Doch Kerstins Figuren haben noch etwas Besonderes: Sie sind winzig - der Nussknacker nicht einmal drei Zentimeter groß!

Werkstatt Flade, Foto: Andreas Krone / KLICKGermany„Abends leimte und bemalte ich die Figuren. Am Vormittag war ich unterwegs, fuhr von Stadt zu Stadt, lief von Laden zu Laden, warb um Kunden." Die Mühe lohnt sich, immer mehr Kunden bestellen. Schon vier Jahre später investiert Kerstin 1,2 Millionen D-Mark, baut ein großes Haus mit einer richtigen Werkstatt. Heute arbeiten zwölf Frauen bei ihr, die über 300 verschiedene Figuren produzieren. Über 1500 Fachgeschäfte in der ganzen Welt und noch einmal so viele Privatpersonen gehören zu ihren Kunden.

Es ist ein langer Weg, bis aus zehn kleinsten Holzteilen ein Engel entsteht. Mit einer Pinzette und hauchdünnem Schleifpapier werden Körper, Arme und Beine bearbeitet. Die Bohrer sind nadelfein, die Pinsel haben feinste Haarspitzen. Mit hauchdünnen Stäbchen werden die Augen getupft und aus Flachs feines Haar genäht. Eine Puzzlearbeit. An die 100 Arbeitsschritte sind für eine einzige Figur nötig! „Deshalb haben unsere Figuren auch ihren Preis: Der kleine Engel mit der Glocke kostet 19 Euro!"

Kerstin Drechsel, Foto: Andreas Krone / KLICKGermanyObwohl Kerstin schon das ganze Jahr mit Weihnachten zu tun hat, freut sie sich immer noch ganz besonders auf den Samstag vor dem 1. Advent. „Dann hole ich die große, verstaubte Kiste vom Boden und packe meine Weihnachtsfiguren aus, stelle Nussknacker, Pyramide, Bergmann und Engel auf. Und wie in Kindertagen pocht auch heute mein Herz etwas schneller, wenn sich meine Stube in ein Weihnachtsland verwandelt. Wenn dann meine neuen Engel auch ihren Platz gefunden haben, setze ich mich auf mein Sofa, schneide mit meiner Familie den ersten Stollen an und freue mich auf den nächsten Tag. Denn am 1. Advent, wenn die Dämmerung hereinbricht, darf ich endlich die Kerzen anzünden. Dann beginnt bei uns im Erzgebirge die Weihnachtszeit!"

Autorin: Jana Schütze

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