"Mutter und Hausfrau - diese Welt wurde mir zu eng"

Die Keramik-Künstlerin Belinda Berger

Mit 33 bricht Belinda Berger aus ihrem alten Leben aus, absolviert ein Studium der Keramik. Jetzt entdeckt die große Welt der Kunst die wunderbare Landserie der Künstlerin.



Belinda Berger, Foto: Andreas Krone/KlickGermanyDrei Schweine tragen eine Schale, Schafe weiden am Tellerrand, eine Kuh grast auf einer Milchkanne -  Belinda Berger holt das Landleben von der Weide auf den Küchentisch. Mit unglaublichem Erfolg: Das Museum „Art & Design" in Manhattan hat einige ihrer Werke aus der fröhlichen  Porzellanserie „Country-Life" ausgestellt. Auf der „Origin Craft" in London, einer der international führenden Kunstmessen Europas, findet ihr elegantes Steinzeug reißenden Absatz. Und nun fliegt Belinda Berger am 27. Januar mit ihren Viechern nach New York zur „Gifts Fair". Als einzige Keramikerin aus Niedersachsen! Die unglaubliche Erfolgsgeschichte einer Frau, die sich vor 15 Jahren von ihrem Ex-Mann anhören musste: „Du machst sowieso alles falsch!"

Ich habe das Lebensmuster meiner Mutter gelebt

Dabei war sich Belinda mit 23 Jahren sicher, dass Mann, Kind und Haus sie glücklich machen würden. „Ich lebte das Lebensmuster meiner Mutter. Sie war immer für uns drei Kinder da. Hatte sogar ihren Traum von einer eigenen kleinen Boutique wieder aufgegeben, als sie merkte, dass ihr zu wenig Zeit für die Familie blieb. In ihren Augen hatte die Frau sich vor allem um Haushalt und Familie zu kümmern, dem Mann den Rücken frei zu halten." Belinda wächst mit diesen Ansichten auf, zweifelt sie nicht wirklich an. Sie macht eine Ausbildung zur Erzieherin, arbeitet in einem evangelischen Jugendheim als Erzieherin. Als Tochter Iona 1990 geboren wird, gibt sie ihren Job auf. Während ihr Mann an seiner Doktorarbeit sitzt, kümmert sich Belinda um die Tochter, hält das Haus in Ordnung, erledigt Einkauf, Wäsche, Kochen. Doch im Laufe der Jahre spürt Belinda, wie ihr eigenes „Ich" immer mehr zwischen Staub wischen und Hausaufgabenkontrolle verloren geht. „Mein Selbstbewusstsein war zerstört. Ich konnte nicht mit Computern umgehen, hatte keine Ahnung von Buchhaltung oder Steuern." Von ihrem Mann bekommt Belinda immer öfter Abfälliges zu hören: „Mach am besten gar nichts. Denn wenn du etwas machst, machst du es sowieso falsch!"

Butterdose, Foto: Andreas Krone/KlickGermanyDer Ausbruch

Schließlich knallt es 1996. „Ich hielt diese ständigen Demütigungen nicht mehr aus."  Belinda trennt sich von ihrem Mann. Als er auszieht, ist sie plötzlich allein. Und ist erst einmal verzweifelt: „Ich konnte nichts, traute mir nichts zu." Zwei Jahre geht sie durch ein emotionales Tief. Sie bewirbt sich in Düsseldorf um ein Kunststudium. „Anfang der 90er Jahre hatte ich mit figürlichem Aktzeichnen begonnen, ein Praktikum in der Metallverarbeitung gemacht, mich in der Metallbildhauerei versucht. Daran wollte ich anknüpfen." Die Ablehnung ist hart: „Sie sind zu alt", heißt es kalt. Wieder zweifelt Belinda: „Habe ich überhaupt Talent?" Trotzdem forscht sie weiter. Ein Studium am bekannten  „Falmouth College oft Arts" in Cornwall wäre möglich. Doch das muss sie selbst bezahlen. Als allein erziehende Mutter? Undenkbar. Ausgerechnet in dieser Zeit stirbt ihre Mutter, hinterlässt ihr ein kleines Erbe. „Es war meine Chance." Belinda Berger zieht nach Cornwall um zu studieren. „Meine Freunde und die ganze Familie schüttelten den Kopf. Du riskierst deine Sicherheit!" Doch Belinda lässt sich nicht mehr abbringen. „Klar zweifelte ich noch einmal, als meine achtjährige Tochter sich ein halbes Jahr weigerte, Englisch zu sprechen."  Trotzdem zieht Belinda das Studium mit dem Schwerpunkt „studio ceramic" durch, schließt es mit dem Bachelor of Art ab. Und zieht dann wieder zurück nach Deutschland - der Tochter wegen, die hier das Abitur machen will.

Milchkanne, Foto: Andreas Krone/KlickGermanyBelinda bewegt

Die Frau, die nun wieder nach Deutschland kommt, ist eine andere: selbstbewusst, mutig, kreativ. Belinda Berger kauft eine 250 Jahre alte, verfallene Stellmacherei im Ammerland bei Oldenburg, baut das alte Fachwerkhaus zu Galerie und Werkstatt aus. Allein! „Das Studium hatte mich stark gemacht. Geht nicht, gab es nicht mehr für mich. Ich probierte und lernte." Sie reißt Wände ein, klopft alten Putz ab, verlegt Fliesen, malert. Heraus kommt eine gemütliche, feine Werkstatt und eine Galerie, die viel Platz für kreative Experimente bieten. In ihren ersten künstlerischen Arbeiten setzt sie sich mit Ereignissen auseinander, die sie bewegen. In einem Zeitungsartikel las sie von einem Vater, der sein getötes Kind in die Gefriertruhe gelegt hatte. Der Schock lässt sie Nächte nicht schlafen. So entstehen 2007 „Die Kinder in Stein". In der Serie „people" setzt sie sich mit menschlichen Beziehungen auseinander. „So, wie ich meinen Ton in Rillen presse, so pressen wir Menschen in ihre Rollen." Kunstwerke, die berühren, die verstören, die bewegen. Kunstwerke, über die man spricht.

Belinda Berger, Foto: Andreas Krone/KlickGermanyKühe im Garten

Aber: Von Kunst allein ist es schwer, zu leben. Belinda sucht nach einer Idee, die gebraucht wird. „Im Cornwall sind es die Wolken und das Meer, die die Kunst bestimmen. Was könnte es hier im Ammerland sein?" Und dann passiert etwas Kurioses: „Eines Tages kam ich nach Hause und hatte Besuch. In meinem Garten standen 88 Kühe, knabberten an meinen Blumen, trampelten auf der Wiese. Das Gatter der benachbarten Weide hatte sich geöffnet." In diesem Moment ist die Idee zu „Country Life" geboren. „Zu meinem Ammerländer Landleben gehören grasende Kühe, freilaufende Hühner, grunzende Schweine und wollige Schafe." Die handwerkliche Entwicklung der Formen ist zeitintensiv. Belinda studiert die Anatomie von Spielzeugtieren, vergleicht sie mit der Realität. „Die Tiere sollten so naturgetreu wie möglich und so praktikabel wie nötig sein." So bekommt das Schwein eine verschmitzte Schnauze, die liegende Kuh hat die Hufe gemütlich angewinkelt und das Schaf hat neugierige, große Ohren. Trockener Humor, den Belinda Berger aus England mitgebracht hat. Einen kleinen Teil ihrer Herde hat Belinda nun in große Kisten eingepackt. Sie wird Großstadtluft schnuppern - auf der „Gifts Fair" in New York. „Als ich mein Studium abgeschlossen habe, hat mein ehemaliger Professor uns zwei Ziele mit auf den Weg gegeben: man sollte in England auf der Origin und in New York ausgestellt haben. Beides habe ich erreicht." Belinda lächelt ein bisschen stolz. „Wer hätte gedacht, dass eine überzeugte Hausfrau, wie ich es mal war, das schafft."

Im November 2010 zeigt Belinda Berger ihre Werke im Philadelphia Museum of Art in der „Craft Show.


www.belindaberger.de 








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