Möbel ‚made in Germany'
Katja Kleinschmidt ging mitten ins Risiko und rettete die Firma ihrer Eltern
Der Großvater hatte die Firma Solling Möbel 1924 gegründet. Doch nach fast 80 Jahren brachen seit Anfang 2005 die Umsätze stark ein. Einzige Chance: Frische Ideen. Katja Kleinschmidt verdrängt ihre Ängste und übernimmt die Firma der Eltern.
„Kann ich es
zulassen, die Firma unserer Familie in fremde Hände fallen zu lassen?
Darf ich meine Eltern, die über 30 Jahre ihre ganze Zeit und Kraft in die Firma eingebracht haben, jetzt im Stich lassen?" Vieles geht Katja Kleinschmidt aus Beverungen im Winter 2005 durch den Kopf. „Die Umsatzzahlen unserer Gartenmöbel-Firma sind innerhalb der letzten Jahre stark zurück gegangen. Wenn wir jetzt nicht schnell handeln, wird das Lebenswerk meiner Eltern einfach zerstört".
Schon als Kind stand Katja in den großen Produktionshallen, schaute fasziniert zu, wie aus rohen Brettern Holzbänke, Tische und Stühle für den Garten wurden. Großvater Heinrich hatte die Firma 1924 gegründet. Angefangen hatte er mit einfachen Holzliegestühlen und Zeltsitzbänken. Dann, 1976, übernimmt Vater Theodor den Betrieb ‚Solling Möbel'. Die Gartenmöbel sind vor allem wegen der zuverlässigen Qualität gefragt. Obwohl Katja beruflich ihren eigenen Weg geht, sie arbeitet als Handelsfachwirtin in einem großen Konzern, ist sie an den Wochenenden oft in der Firma.
Das „Aus" für die Firma droht
Anfang der 90er Jahre kommt der schreckliche Einbruch. Der Markt wird mit Billigangeboten aus Asien überschwemmt. Qualität zählt immer weniger. Plötzlich werden die Gespräche am Küchentisch ernster. „Immer öfter erzählen meine Eltern, dass es schwerer wird, Möbel ‚Made in Germany' zu verkaufen." Trotzdem vertrauen die Eltern den Vorzügen der soliden Qualität der Möbel, bauen auf langjährige Kundenkontakte. Doch die Verkaufszahlen werden immer schlechter. Mitte 2005 ist die Situation katastrophal. Die Banken wollen nicht mehr mitziehen. Es droht das ‚Aus' für die Firma. „Was sollen wir nur tun?", fragt sich Katja. „Wir brauchen neue Ideen, neue Modelle. Doch einen Neustart kurz vor der Rente - das ist zu viel für meine Eltern." Immer stärker wird klar: Katja muss die Firma übernehmen. „Anfangs zuckte ich bei dem Gedanken zusammen: Soll ich wirklich meinen sicheren Job als Handelsfachwirtin aufgeben? Soll ich mich in dieses ungewisse Abenteuer stürzen? Die Verantwortung für Mitarbeiter übernehmen? Klar, die Herausforderung reizte natürlich." Auch Katjas Mann bestärkt sie, sagt ihr immer wieder, dass sie es anpacken soll. Vieles ist ja bereits vorhanden: Ein treuer Kundenstamm, ein sehr gutes Team mit jahrzehntelanger Erfahrung und mit ‚Solling Möbel' ein bekannter Markenname.
Die fünfte Bank zieht mit
Katja entwickelt ein Konzept. Doch als sie es bei verschiedenen Banken vorlegt, winken diese nur ab: Keine Chance, der Markt ist übervoll mit Gartenmöbeln. „Einige Banken haben mich noch nicht einmal zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Ich war enttäuscht, wie wenig die Banken an junge Unternehmer glauben." Erst die fünfte Bank ist bereit, mitzuziehen. Interessanterweise sitzt Katja hier zum ersten Mal einer Frau gegenüber. Endlich ist die finanzielle Seite für einen Neustart gesichert. Und so wird Katja am 1. April 2006 als neue Eigentümerin der Firma ‚Solling-Möbel' eingetragen. Die Enkelin des Gründers ist die neue Chefin.
Katja schuftet - mit Erfolg
Sie arbeitet zwölf, 14 Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Zwar kann Katja von einst 18 Mitarbeitern nur drei fest und vier Angestellte als Aushilfen übernehmen, aber es ist ein Neubeginn. Und die ganze Familie hilft. Die Mutter kümmert sich um die Buchhaltung, der Bruder leitet die Produktion, Katjas Mann unterstützt sie am Wochenende. Es gibt Tage, da sehnt sich Katja nach ihrer geregelten Arbeit im Büro. „Wenn mal eine Weile kein neuer Auftrag kommt oder es in der Produktion einen Engpass gibt, dann werde ich unruhig." Aber diese Tage werden immer seltener.
In den
letzten fünf Jahren hat Katja viel geschafft: Neue, sehr edle Modelle für den
Garten wurden entwickelt, die Homepage ist neu gestaltet, die Verkaufsausstellung im Werk ausgebaut. Auf
Messen bekommt Katja immer mehr Aufträge. „Ich spüre deutlich, dass Möbel ‚made
in Germany' wieder gefragt sind. Heute bin ich froh, dass ich den Schritt gewagt
habe, unseren Familienbetrieb zu übernehmen."
Autorin: Jana Schütze
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