Erfolg mit Unkraut
Elfi Braun gründete eine Manufaktur mit Brennesseln
Vor zehn Jahren sollte Elfi Braun in einer Marketingagentur Ideen für neue Jobs im Vogtland entwickeln. Ihr Vorschlag: Die Verarbeitung von Brennnesseln. Doch niemand traut sich. Außer Elfi ...
Morgens, kurz vor halb acht, wenn die Nachbarn aus
Rothenkirchen, Wernesgrün und Lichtenau gerade in ihr Büro fahren, steht Elfi
Braun im Wald des Naturparks Vogtland/Erzgebirge. Sie zieht die Ärmel ein
bisschen tiefer, hält kurz den Atem an. Dann greift sie energisch in die
zarten, grünen Stängel. Elfi Braun pflückt Brennnesseln. Daraus fertigt sie
dann Pesto, Brotbackmehl und Saft. WELLNESSEL®-Produkte mit Bio-Zertifikat, die
sie in ihrer Firma „Grüne Vogtei" verkauft. Dabei hätte sich Elfi nie träumen
lassen, dass sie einmal Erfolg mit einem Unkraut hat.
Elfi Braun ist gelernte Kauffrau, arbeitet erfolgreich in einer Werbeagentur. „Vor zehn Jahren sollten wir Ideen für Jobs im Vogtland entwickeln." Die Arbeitsmarkt-Situation ist nach der Wende im Vogtland eine Katastrophe. Viele Textilbetriebe gibt es nicht mehr, Maschinenbau und Musikindustrie haben es schwer. Jeder Fünfte ist ohne Job. Während Elfi über Alternativen nachdenkt, fährt sie morgens und abends die kurvigen Straßen zwischen plätschernden Bächen, weiten Wiesen, verträumten Dörfern und einsamen Gehöften entlang.
Erinnerungen an Oma Roßberg
„Eines Tages entdeckte ich die Brennnesseln. Überall wuchsen saftige, kräftige Büsche." Elfi erinnert sich an Oma Roßbergs Spruch: „Das Unkraut ist richtig gesund!" Elfi gehen die Nesseln nicht mehr aus dem Kopf. „Ich begann, Rezepte zu sammeln. Befragte Ur-Vogtländer, wälzte Klosterbücher und alte Kochbücher." Elfi findet heraus, wie gesund die Brennnessel ist. „Sie enthält viel Vitamin C, Provitamin A, Vitamin E, B und K, Eisen, Kalzium, Magnesium, Kalium, Phosphor. Ein Heilmittel, eine Liebesdroge, ein Schönheitsmittel." Wow, was für ein Powermittel. Als im Mai 2002 das Konzept steht, sind alle begeistert. Doch: Niemand traut sich, die Idee umzusetzen. Außer Elfi.
Das ist Medizin!
Sie gründet 2008 die Grüne Vogtei. „Ich investierte mein gesamtes Erspartes." Gemeinsam mit einem Keltereimeister entwickelt sie den ersten Saft, ein Mixgetränk aus 40 Prozent Brennnessel-Extrakt von gepflückten Nesseln und Fruchtsaft. „Das Gemisch schmeckte scheußlich. Aber Oma schmunzelte: Das ist Medizin!" Elfi mixt so lange, bis der Saft endlich schmeckt. Zwölf Flaschen packt sie zu einem Set zusammen, verschickt über 300 Pakete an Bio-Märkte und Reformhäuser. Die Kunden sind begeistert. Aber: „Wir dürfen nur Produkte mit Bio-Zertifikat anbieten!" Also beantragt Elfi das Zertifikat. Stellt die Produktion um, sucht sich eine andere Kelterei. Entwickelt nebenbei neue Produkte. „Ich mischte verschiedene Tee-Kreationen. Für Schwangere, zum Wachwerden und als Vitaminschub." Der Verkauf des Saftes läuft gut an, die Teesorten sind beliebt. Der erste Großmarkt ordert größere Mengen, WELLNESSEL-Hotels entstehen.
Sind Brennesseln ein Lebensmittel?
Im März 2009 stellt sie die beiden Frauen Christine Brückner und Annett Beier an. In diesem Jahr soll das Geschäft richtig anlaufen. „Wir schufteten von morgens bis abends, pflückten, verarbeiteten." Doch wieder scheint das ganze Unternehmen zu scheitern. „Ich bekam Anfang Juli einen Brief vom Lebensmittelamt. Der Inhalt: Laut EU-Richtlinie sind die Brennnesselsamen kein Lebensmittel. Alle Produkte sind zu vernichten." Mit schlackernden Knien steht Elfi in ihrer Küche im Hotel „Forstmeister". Die Arbeit von Jahren umsonst. Dafür hatte sie auf Zeit mit ihren Kindern verzichtet, keine Freizeit mehr gehabt, ihr Geld investiert. „Das kann es nicht sein", sagt Elfi und greift zum Telefonhörer. Als Mutter von drei Kindern ist sie gewohnt zu kämpfen, Probleme zu lösen, zu organisieren. Sie wählt sich bis zum Chef des Lebensmittelamtes in Dresden durch. „Wenn Sie nachweisen, dass die Brennnesselsamen schon früher als Lebensmittel genutzt wurde, können wir eine Änderung beantragen."
„Ich habe noch viele Ideen mit meinem Unkraut"
Elfi recherchiert. Findet alte Apothekenrezepte, Teesorten mit Brennnesselsamen, Überlieferungen aus Kräuterbüchern, Fernsehbeiträge. Die Liste schickt sie zum Lebensmittelamt. Die Antwort: Die Brennnessel ist doch ein Lebensmittel. Fast gleichzeitig kommt die Zusage von der Gleichstellungsbehörde für Frauen auf dem Lande über eine Förderung von 5.000 Euro. „Davon kaufte ich drei Maschinen: Einen Trockner für die Samen, eine Knetmaschine und einen Abfüller für den Honig." Wenig später bekommen ihre Produkte das Bio-Zertifikat. Heute verkauft Elfi Braun erfolgreich ihre Produkte im Großhandel, in Bio-Fachmärkten und in Wellnessel-Hotels.
Zufrieden räumt Elfi Braun an diesem Mittag die Küche auf, packt ihre Kiepe und geht mit ihren beiden Kolleginnen zum Feld. Nachmittags, wenn die Sonne die Pflanzen getrocknet hat, wird Brennnessel-Samen gepflückt. Aus den getrockneten Samen wird Elfi morgen Honig ansetzen oder neue Teesorten probieren. „Ich habe noch viele Ideen mit meinem Unkraut", lacht die Frau, die nicht so schnell aufgibt.

Autorin: Jana Schütze
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