"Das fühlt sich gut an!"
Gabriele Wander, „Mi Shu“-Erfinderin
Mit Rückenschmerzen und einer eher zufälligen Sitzerfahrung fängt die Geschichte von Gabriele Wander an. Für ihre Idee von einem ganz besonderen Sitzmöbel hat sie jahrelang gekämpft - und gewonnen.
Foto: Andreas Neubauer
(aus: existenzielle 3/2007)
Der zündende Einfall kam in der S-Bahn von München nach Grafing. Auf der Fahrt vom Bahnhof nach Hause machte es sich Gabriele Wander auf dem Doppelsitz so richtig schön bequem. Links eine dicke Tasche, rechts ein Koffer, sie selbst mittendrin, auf der Wölbung zwischen den Sitzen. „Auf einmal wurde ich aufmerksam“, erzählt sie. „Ich rutschte hin und her, auf dieser Kante, und merkte: Das fühlt sich ja gut an!“
Seit Jahren wurde die junge Sozialpädagogin von Rückenschmerzen geplagt. Was ihrer Wirbelsäule gut tut und was nicht, dafür hatte sie im Laufe unzähliger Therapien ein sicheres Gespür entwickelt. Diese Entdeckung war definitiv eine neue Sitzerfahrung! Von ihrem Bruder besorgte sie sich ein Stück halbierten Baumstamm, legte ihn auf ihren Küchenstuhl und saß fortan deutlich lieber am Tisch. Doch das Experiment mit der gewölbten Sitzfläche fing gerade erst an. „Wenn ich noch einen halben drunter mache, habe ich dann gemerkt, kann ich hin- und herschaukeln“, beschreibt Gabriele Wander den Entwicklungsprozess ihres Bewegungsstuhls Mi Shu. „Die Sache ist immer weiter gewachsen.“ Auch ein Freund, der viel am Schreibtisch arbeitet, war begeistert von der Sitzgelegenheit – brauchte allerdings Beine drunter. Damit war der entscheidende Schritt getan. Im April 1996 meldete Gabriele Wander ihren Stuhl als Gebrauchsmuster an, im Jahr darauf als Patent. Die ersten Exemplare entstanden im Rahmen einer pädagogischen Maßnahme. Vier Jahre sollte es noch dauern, bis der Hocker in seiner aktuellen Version entwickelt war, ausgestattet mit Doppelgelenk und einem raffinierten, höhenverstellbaren Stecksystem. Nachdem sie Herstellung und Vertrieb ihrer Erfindung einige Jahre nebenbei betrieben hatte, machte sich die Pädagogin Anfang 2000 damit selbstständig.
Wer die Unternehmerin in ihrer Grafinger Büroetage besucht, dem schlagen nicht nur köstliche Aromen vom Teeladen darunter entgegen. Auch ein Hauch von frisch verarbeitetem Holz mischt sich darunter. Der Blick fällt schon vom Hof aus in einen Lagerraum, in dem bis zur Decke Schemel aus Buche, Kirsche oder Nussbaum gestapelt sind. Ein faszinierender Anblick. Denn das praktische Möbel schmeichelt nicht nur der Bandscheibe, in seiner schlichten Strenge ist es auch ausgesprochen formschön. Asiatisch mutet der Gelenkstuhl mit der gewölbten Sitzfläche und den schmal nach unten verlaufenden Beinen an. Wie der Name, den sich Gabriele Wander aus einem Japanischlexikon zusammengestellt. „Klang und Bedeutung sollten passen“, erklärt sie. „Mi“ bedeutet so viel wie Körper, Seele oder Selbst. Die Vorsilbe „shu“ bezeichnet das Zusammenwirken von Kräften. Ein Begriff aus dem Zen-Buddhismus, wie sie per Zufall von einer Kundin erfahren hat. Aber auch geschäftlich gibt es neuerdings einen ganz konkreten Bezug zum asiatischen Kontinent. „Vor ein paar Tagen ist der erste Stuhl zu einem Großhändler nach Japan gegangen“, freut sich die Erfinderin. Ob sich die Transaktion rechnen wird? „Erstmal ist es eine Investition, die mit einem gewissen Risiko verbunden ist“, räumt die zierliche Geschäftsfrau mit den unbändigen Locken ein. „Aber es fühlt sich toll an!“
So lief es nicht immer. Vier Jahre lang arbeitete Gabriele Wander durch, ohne Urlaub, ohne Wochenende. Bis Mitternacht brannte in ihrem Büro jede Nacht das Licht. Trotzdem schien der Endpunkt erreicht. Die Bank kündigte das Darlehen, weil die Unternehmerin nicht tilgen konnte. „Der Kredit, der ursprünglich für die ganze Anlauffinanzierung reichen sollte, war nach einem Jahr verbraucht“, beschreibt Gabriele Wander rückblickend die Situation. Die Stückzahlen stiegen, das Interesse der Kunden auch – immerhin war Mi Shu bereits mit dem Holzkreativ-Preis 2001 (BUND) und im Jahr darauf mit dem Einfach-Genial-Preis des Mitteldeutschen Rundfunks ausgezeichnet worden. Trotzdem reichte es einfach nicht. „Jeder Stuhl ist Handarbeit“, sagt die Rückenspezialistin und streicht mit der Hand über die glatte Sitzfläche. „So ein Produkt bestellt ein Kunde nicht sofort. Man schaut es sich an, behält es im Kopf und kauft es dann vielleicht zu einem Geburtstag oder zu Weihnachten.“ Als das Geschäft auf der Kippe stand, kam von unvermuteter Seite Hilfe. Der Mann ihrer Mitarbeiterin, ein auf Krisenunternehmen spezialisierter Wirtschaftsberater, bot kostenlose Unterstützung an und initiierte einen außergerichtlichen Vergleich. Parallel dazu stellte ein Kunde Kontakt her zu einem Möbelhersteller, der in Indonesien produziert. „Der kritische Punkt sind die Herstellungskosten“, weiß Gabriele Wander heute. „Aufgrund der hohen Lohnkosten in Deutschland war die Gewinnspanne war einfach zu klein.“ Auf Abstriche bei der Qualität wollte sie sich jedoch auf keinen Fall einlassen. Nachdem sich die Deutsche vor Ort vergewissert hatte, dass die Arbeitsbedingungen bei dem indonesischen Hersteller auch in Ordnung sind, nahm sie ein preisgünstigeres Modell mit ins Programm und setzte bei den heimischen Hölzern dafür ein wenig drauf. Die Stückzahlen brachen nicht ein, unterm Strich stimmte nun auch der Gewinn.
Das Billigmodell ist inzwischen wieder ausgemustert. „Die Qualität der heimischen Produktion hat sich durchgesetzt.“ Inzwischen sind die Stückzahlen stabil und die Nachfrage steigt. „2006 hatten wir doppelt so viele Anfragen wie 2005 und bislang haben wir die Ergebnisse vom Vorjahr auch schon wieder verdoppelt“, fasst die Unternehmerin die aktuelle Geschäftslage zusammen. Neun Frauen arbeiten für sie, die meisten in Teilzeit, einige als Mini-Jobberinnen. Ihre erste Mitarbeiterin ist inzwischen Teilhaberin. „Wir sehen vieles aus ganz unterschiedlichen Perspektiven“, sagt Gabriele Wander. „Das ist manchmal anstrengend, aber auch sehr bereichernd.“ Während die Gründerin Schritt für Schritt das therapeutische Potenzial ihres Bewegungsstuhls als zusätzliches Geschäftsfeld erschließt, hat ihre Partnerin die Finanzen fest im Blick. Und wie steht es mit dem Erfindergeist? „Ich experimentiere jetzt seit sieben Jahren mit dem Stuhl und entdecke immer wieder Details, die sich verbessern lassen“, sagt die Unternehmerin und lächelt. Seit einiger Zeit lebt sie selbst frei von Rückenschmerzen. „Der Stuhl ist gut“, stellt Gabriele Wander fest. „Aber er ist nicht das Wundermittel schlechthin.“
Autorin: Gunda Achterhold
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