Was Leib und Seele gut tut
Im Suppenladen von Sonja Riker
20 Minuten reine Behaglichkeit. So ist ein Besuch in Sonja Rikers Suppenladen in München-Schwabing. Monika Goetsch erzählt die Geschichte der Journalistin, die Suppen-Unternehmerin wurde.
München, Großmarkthalle, 5 Uhr 20. „Um 6", sagt Sonja Riker, „sollten wir wieder weg sein". Es dämmert. Lastwagen drängen ihr Auto zur Seite, von links und rechts drücken sich Gabelstapler vorbei. Ein Gefühl wie auf der Kirmes, im Boxauto. Sonja Riker parkt, lädt ein paar grüne Kisten aus, Eiltempo. Sie läuft los, rein in die Halle, hin zu den Paletten. Fünf Kilo Tomaten, eine Kiste Karotten, eine Kiste Äpfel, Zwetschgen, Aprikosen, die gestapelten Kisten gehen ihr bis zum Nabel. Weiter zu den Melonen. Die Rote Beete prüfen („Altware"). Geldscheine aus der Jeanstasche ziehen, zahlen. Und raus mit der Ware, rein ins Auto. Auf zur Münchner Halle. Dort das Gleiche. Ganz viel Batavia. Schnittlauch. Jetzt doch endlich ein Sack voll frischer Roter Beete. Aber Rucola, wo ist Rucola? Kartoffeln, „bitte große, sonst werd ich verrückt beim Schälen".
6 Uhr 10. Es ist es geschafft. Der Einkauf jedenfalls.
Sonja Riker, knielange Jeans, Regenjacke, braune Crocs lässt den Motor an. Ein
Laster ist im Weg. Sie wird ungeduldig. „Mei, Schatzi, fahr doch zu!"
Gedrängel an der Ausfahrt. Dann Stille. Außerhalb des Großmarkts sind die
Straßen leer. Hellblaues Morgenlicht flutet die Stadt. Man ahnt, wie schön der
Tag wird, sonnig, warm, glitzernd.
Sonja Riker prescht los, nach Schwabing, auf den Elisabethmarkt. Dorthin, wo die 43-jährige Frau mit dem kleinen dunkelblonden Zopf ihre zwei Häuschen hat. Weiße Markthäuschen mit hellgrüner Tür, eins für Suppen, eines für Süßwaren, ein Kindertraum. Im Ofen des Süßwarenhauses „SuSa süße Sachen" backt ein Schokonusskuchen langsam vor sich hin. Sonja Riker hat ihn gegen vier Uhr reingeschoben. Kurz bevor sie aufbrach in die Großmarkthalle. Sie holt den Kuchen raus, prüft mit einer Nadel, ob er fertig ist. Teig bleibt kleben. „Ein paar Minuten braucht er noch", sagt sie und macht den Ofen wieder zu.
Noch vor fünf Jahren hat Sonja Riker als Journalistin für den Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Dann wurde der Wunsch übermächtig, „nicht mehr in Hierarchien zu arbeiten, wo jede Entscheidung unendlich lang dauert". Aber was tun? Kochen vielleicht? Das hat sie schon immer gern getan. Für sich, für ihre Tochter, für ihren Mann und den Sohn, den er in die Patchworkfamilie mitgebracht hat. Jetzt kocht sie für alle, die ihre Suppen lieben. Und das sind nicht wenige. 30 bis 40 Liter Suppe gehen täglich über den Tresen, dazu gibt es Überraschungssmoothies und Orangenbuttermilch, wunderbaren Milchkaffee und verschiedene Säfte. Ihre Eltern helfen an manchen Tagen. Ihre Tochter. Ihre Schwiegermutter. Aber das Allermeiste macht sie allein. Planen. Schleppen. Schrappen. Gemüse kiloweise aus dem Keller schaffen. Im Laden stehen. In gewaltigen Töpfen rühren. Knochenarbeit. Eine ungeheuere Energie braucht sie da. Eine Zuversicht. Und zugleich die Geduld, die ein Mensch haben muss, der Suppe kocht. Dieses tröstliche Gericht, herz- und magenwärmend, sättigend und dabei so leicht, dass man sich danach richtig wohl fühlt, wie ausgeruht.
„Manche Leute sagen: Suppe selbst kochen macht ja viel Arbeit. Sicher. Es macht Arbeit. Das ist nun mal so. Aber das ist doch kein Zeitverlust!" Dass die Esskultur „unter die Räder kommt", befürchtet sie. Gemeinsam am Tisch sitzen und essen, in welchen Familien geschieht das noch? Dabei geht es doch gar nicht nur um Nahrungsaufnahme, sondern auch darum, einen Ort zu haben, an dem man sich wohl und sicher fühlt. Und so genügt es Sonja Riker nicht, feine Karotten-Kokos-Aprikosensuppen zu kochen oder Hühnersuppen mit Nudeln. Sie stellt auch hübsche Korbstühle vors Häuschen und lackierte Tische und am Stand gegenüber hat sie Holztabletts zum Runterklappen angebracht und dicke Polster gekauft, damit man gemütlich sitzen und Suppe und Saft und Kaffee bequem abstellen kann. Drinnen, am Holztisch, sitzt man gut unter einer Lampe aus Suppenlöffeln, ganz nah am Tresen und umgeben von im Frühlicht schimmernden Himbeeressigflaschen, von roten Salzen und feinen Gewürzmischungen, die Sonja Riker für ihre Kunden abgefüllt hat, weil sie danach fragten.
Eine Suppe, ein Saft, zwanzig Minuten reine Behaglichkeit -
und dann brechen SuSas Kunden wieder auf in ihre Büros und Läden, in die Schule
und nach Hause. Sonja Riker kann sich Pausen nicht gönnen. Nach zwei Jahren
Suppenladen hat sie den benachbarten Süßwarenladen in Gang gesetzt und in den
vergangenen Monaten ein wunderbares Suppenkochbuch erarbeitet ( „Suppenglück.
Ein Suppenkochbuch von Sonja Riker", Antje Kunstmann Verlag). Ein weiterer
Kraftakt. Was als nächstes kommt? „Müssen Unternehmerinnen immer schneller,
höher, weiter gehen? Ich bin so stolz und zufrieden und zutiefst dankbar, dass
ich mich einfach an dem freue, was gerade ist." Vor Stillstand hat die aktive
Frau keine Angst: „Man muss ohnehin immer am Ball bleiben, optimieren und
verbessern und sich fragen, was außerdem spannend sein könnte", sagt sie.
Aber ist es nicht doch ein wenig langweilig, tagtäglich Suppe zu kochen? Wo sie doch früher Interviews geführt hat und Reportagen gemacht, eine kreative Kopfarbeiterin? Sonja Riker lacht und zeigt auf einen dieser hochwandigen, chromschimmernden Töpfe: „Ich bin sicher: In diesem Topf stecken noch viele geistige Herausforderungen!"
Autorin: Monika Goetsch
existenzielle 9/2010
Zur existenzielle-Rezension:
"Suppenglück. Ein Suppenkochbuch von Sonja Riker"
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