... die Milch kippt auch nicht mehr

Angela Hartig, „Leselotte“

Angela Hartig hatte beim Lesen im Bett eine Produktidee. Ihre Leselotte hat längst den Weg in die Buchläden - und fremde Betten - gefunden.



(aus: existenzielle 2/07)

"Ich lag auf dem Sofa und ärgerte mich, dass mir beim Lesen ständig die Arme einschliefen. Mir kam die Idee, dass man eine Art Ball haben müsste, um das Buch richtig anzulehnen. Eine Möglichkeit Kunststoff zu gießen hatte ich nicht, ich musste mir also etwas anderes überlegen. Ich nähte ein Kissen und einen Umschlag – und merkte ziemlich schnell, dass diese Lösung viel besser war als die ursprüngliche Idee. Das Buch wird mit den Buchdeckeln in einen Umschlag geschoben und mit einem Klettband an das Kissen geheftet. So rutscht es nicht mehr weg, die Finger werden nicht mehr kalt und beim Frühstück kippen auch keine Milchtüten mehr um, weil man die Lektüre daran angelehnt hat.

Die Leselotte

Bis Weihnachten war die Sache so weit ausgereift, dass wir fünfzig Stück davon an Freunde verschenken konnten. Meine Schwester Ursula, eine Architektin, war inzwischen mit eingestiegen. Gemeinsam haben wir die 'Leselotte' aus der Taufe gehoben, einen Gebrauchsmusterschutz angemeldet, haben Logo und Namen schützen lassen und die Firma 'aniversal' gegründet. Das war im Jahr 2000. Investieren mussten wir nicht viel, den Geschäftseinstieg konnten wir mit Bordmitteln bestreiten. Wir haben Näherinnen gesucht, uns guten Stoff besorgt und losgelegt. Der Vertrieb funktionierte nach dem Schneeballprinzip: Jede verkaufte Leselotte brachte ein paar neue Interessenten. Fünf Jahre haben wir den Gewinn immer wieder reingesteckt, jetzt bleibt langsam etwas übrig. Vertrieb und Lizenz haben wir inzwischen weitergegeben, an einen Partner in Hamburg und an einen ebenfalls von zwei Schwestern geführten Betrieb, die Kunstschule in Berlin.

Nach wie vor bestellen allerdings viele Käufer die Leselotte über's Internet bei uns. Dazu muss man aber sagen: Wir hatten von Anfang an nicht vor ein Geschäft zu führen, sondern wollten die Idee verkaufen. Für einen Handel im größeren Stil fehlen uns die kaufmännischen Voraussetzungen ebenso wie die Strukturen – und die wollen wir auch gar nicht ausbauen, schließlich haben wir beide unsere Berufe. Als Künstlerin besteht mein Part eher darin, Ideen zu haben und weiterzubewegen. Ich sehe mich nicht unbedingt als Erfinderin, aber wenn man als kreativer Mensch mit wachen Augen durch die Gegend geht, kommen die Einfälle wie von selbst.

Ich hatte auch früher schon einige Ideen, die sich aber nicht umsetzen ließen. Vor zehn Jahren habe ich mir zum Beispiel ein elektronisches Buch überlegt, in das man fünf oder sechs Romane einspeichern könnte – tja, da war ich wohl zu früh dran. An die Firma 'aniversal'sind wir aber im Grunde gekommen wie die Jungfrau ans Kind. Wir waren selber völlig überrascht, dass unser Produkt auf Anhieb so gut angenommen worden ist. Von Anfang an sind die Medien auf uns zugekommen, ohne dass wir jemals Werbung machen mussten. Ich würde sagen es liegt daran, dass dieses Produkt einfach sympathisch rüberkommt, ein witziges Image hat und sehr gerne als Geschenk genommen wird. Das zeigt uns jedenfalls das 'Lottenlob' auf unserer Homepage."

Protokoll: Gunda Achterhold








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