"Dein eigenes Programm ist das beste"
Verlegerinnen, Frauen-Traditionen und kleine feine Verlage
Für Frauen, die Bücher machen wollen, ist die Gründung eines eigenen Verlags oftmals die einzige Möglichkeit, sich mit einem eigenen Programm zu profilieren. Viele kleine literarische und Sachbuch-Verlage werden von Frauen geführt. Eine von ihnen ist Ulrike Helmer.
(aus: existenzielle 3/05)
60 Namen liefert Wikipedia. Und eine Definition: „Ein Verleger ist ein Unternehmer, der einen Verlag für Bücher, Zeitschriften und/oder Zeitungen betreibt oder leitet.“ Nur: Die 60 „wichtigsten deutschsprachigen Verleger“ der Online-Enzyklopädie sind allesamt männlich, von Rudolf Augstein bis Johann Heinrich Zedler. Wer „wichtig“ ist, hat Großes geschaffen, stand im Vordergrund – mit derartigen Kriterien haben die Frauen der Branche es schwer, es auf Ranglisten wie diese zu schaffen.
berwis / pixelio
Die kleinen feinen Verlage, die anspruchsvolle belletristische und Sachbuch-Programme machen und weniger Masse als Klasse produzieren, sind zwar nicht überwiegend, aber deutlich häufiger in Frauenhand. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmete den Verlegerinnen in diesem Sommer gleich eine ganze Porträtserie und stellte Frauen wie Tanja Graf (SchirmerGraf Verlag), Katharina Wagenbach (Friedenauer Presse), Katharina E. Meyer (Merlin Verlag) oder Elisabeth Sandmann (Elisabeth Sandmann Verlag) vor. „Längst sind es Frauen, die unsere Bücher machen“ hieß es dort und: „Frauen, die verlegen, sind gefährlich“. Ob von den Verlegerinnen Gefahr ausgeht? Gemeinsam ist ihnen zumindest, dass sie mit der Neugründung oder in Fortführung einer Familientradition konsequent eine inhaltliche Linie verfolgen, Entdeckerinnen und Pionierinnen sind, die vor allem schöne Bücher machen wollen.
Und gute, würde Ulrike Helmer hinzufügen. Die Gründerin und Inhaberin des gleichnamigen Verlages im hessischen Königstein setzt „im 18. Jahr“ auf Wissenschaft, Sachbuch, Roman und die Reihe Edition Klassikerinnen. Frauen- und Geschlechterthemen stehen bei ihr im Vordergrund. Der Verlag, in dem zwei feste und viele freie Mitarbeiterinnen beschäftigt sind, ist von seiner Struktur her ein typischer Kleinverlag. „Erfolg hat nichts mit Größe zu tun“, sagt die 48-jährige Verlegerin dazu. „Es gibt eine kritische Größe, bei der die Kosten für die Infrastruktur stark wachsen und man unflexibel wird.“ Denn inhaltlich will sich die Verlegerin die Freiheit bewahren, Bücher zu veröffentlichen, die sie für wichtig hält.
„Ohne eine gewisse Mainstream-Orientierung hat man auf dem Markt keine Chance“, sagt sie, aber der Ulrike Helmer Verlag will auch weiterhin Bücher machen, die „den Blick auf Neues und Veränderbares öffnen“. Das bedeutet, den Büchern mit so genannten Frauenthemen, durch die sich ihr Programm seit Beginn auszeichnet, zu einer neuen Aufmerksamkeit zu verhelfen. Ulrike Helmer positioniert ihren Verlag als "einen der führenden Verlage, die Frauen- und Geschlechterthemen sichtbar machen" und ist davon überzeugt, dass Verlage mit diesem Schwerpunkt „weiterhin Trendsetterinnen sein müssen“ und in Zeiten des Wandels das Thema kreativ umzugestalten haben.
Edda Ziegler nennt eine solche verlegerische Entwicklung den „individuellen Weg“ auf einem von Konzernen bestimmten Buchmarkt. Die Mitbegründerin der buchwissenschaftlichen Studiengänge an der Universität München kennt viele Beispiele erfolgreicher von Frauen geführter Kleinverlage. Für Frauen, die Bücher machen wollen, sei die Gründung eines eigenen kleinen Unternehmens oft der einzige Weg, verantwortlich ein eigenes Programm zu entwickeln und sich nicht ausschließlich den Gesetzmäßigkeiten eines Bestseller-Marktes zu unterwerfen. „Die Buchbranche ist stark von Konzernen dominiert“, sagt Edda Ziegler, „da regieren in den meisten Fällen die Männer.“ Dabei sei die Buchbranche längst eine Domäne der Frauen. Auf 80 Prozent wird die Zahl der weiblichen Beschäftigten in der Branche geschätzt, „überwiegend im Lektorat, den Abteilungen Presse, Herstellung, Lizenzen und Vertrieb – wie auch die Bücherkäufer zu 80 Prozent Frauen sind.“ Wer sich, wie etwa Tanja Graf aus der Angestelltentätigkeit bei einem großen Verlag verabschiedet, fängt als Selbstständige in einer kleinen Struktur neu an. Und dass diese keinen wirtschaftlichen Absturz bedeutet, beweist die Gründerin des SchirmerGraf-Verlages mit ihrem viel beachteten Programm. „Entscheidend sind die Erwartungen“, sagt Edda Ziegler auf die Frage nach den Perspektiven der Kleinverlage. „Es geht in der Regel gut, wenn der Rahmen überschaubar bleibt.“
„Frauen, die kleine Verlage führen, haben immer wieder versucht zu fusionieren oder sich unter das Dach eines Konzerns zu begeben“, so die Hochschuldozentin. „Dabei eine eigene Linie durchzuhalten, ist schwer, wenn nicht gar unmöglich.“ Christa Spangenberg, die ehemalige Inhaberin der Kinderbuchverlages Ellermann, sei ein solches Beispiel. Lange habe sie eine Konzernanbindung vermieden, schließlich doch an den Kösel-Verlag verkauft, als sie aus Altersgründen aus dem Verlagsgeschäft ausschied. Das eigene Profil des kleinen Verlags sei so verloren gegangen. Wie es anders geht und sich ein Kleinverlag wieder besinnt, habe Monika Thaler von Frederking & Thaler gezeigt. Nachdem sie das Unternehmen an Bertelsmann verkauft hatte und feststellte, dass sie ihre Linie nicht halten konnte, „weil ein Konzern Programme mit anderen Renditevorstellungen macht“, habe sie den Verlag zurückgekauft. Mit dem Ergebnis eines sehr überschaubaren, aber auch erlesenen Programms, in dem hochwertige Bildbände im Vordergrund stehen. „Für kleine Verlage ist es eine Gefahr, über eine bestimmte Größe hinauszuwachsen“, sagt Edda Ziegler. Aber: „Bestimmte Dinge können Kleinverlage nicht machen, weil es ihre Struktur überfordert.“ Das bedeutet auch, von viel versprechenden Bestseller-Titeln möglicherweise die Finger zu lassen, weil man dies „nicht zu stemmen“ in der Lage sei.
Der Ulrike Helmer Verlag war personell nie größer als heute, gewachsen ist vor allem das Programm. Rund fünfzehn neue Titel präsentiert er pro Halbjahr. Gedruckt werden zunächst kleinere Auflagen, auch von den Büchern, die es vielleicht bis in 10.000er Auflagen schaffen können. „Die Spitzenkandidatin“ von Carolin Schairer ist so einer. Aus aktuellem Anlass vorgezogen erzählt der politische Roman die Geschichte einer – fiktiven – ersten Kanzlerkandidatin und einer Journalistin, die sich zuarbeiten und einander näher kommen. Dabei versteht sich der Ulrike Helmer Verlag im Schwerpunkt als wissenschaftlicher Verlag, zu den Titeln im sozialwissenschaftlichen und historischen Bereich kommen in diesem Herbst Neuerscheinungen aus der Geografie und den Naturwissenschaften. Doch auch spezielle Titel wie diese müssen ihre Käuferinnen und Käufer finden. In der Marktorientierung, so Ulrike Helmer, bestehe die Herausforderung darin, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Den Markt im Blick zu behalten, ohne sich von ihm diktieren zu lassen. Das verlange zuallererst eine professionelle Struktur – und die wiederum sei nicht abhängig von der Größe eines Verlages.
„Einen Verlag als Existenzgrundlage kann man nicht allein betreiben“, sagt Ulrike Helmer nach fast 20 Jahren Erfahrung, „egal ob er eine professionelle oder eine familiäre Struktur hat.“ Das Grundrüstzeug – eine professionelle Vertriebsschiene, Vertreter, Programmvorschauen, eine gute Pressearbeit – brauche jeder Verlag, der Arbeitsplätze sichern wolle, allein sei das nicht zu schaffen.
In den Anfangsjahren ihrer verlegerischen Tätigkeit profitierte Ulrike Helmer vom Boom der Frauenbücher. „Die Frauenforschung etablierte sich an den Universitäten, es gab eine Bewegung, es wurden Themen entdeckt und öffentlich gemacht.“ Ihre Idee zur bis heute fortgeführten „Edition Klassikerinnen“ entstand in diesen Anfangsjahren. „Viele Bereiche der Frauengeschichte waren schon angesprochen worden, aber die Primärtexte gab es nicht.“ Also verlegte sie die dreibändige Lebensgeschichte der Schriftstellerin Fanny Lewald, die bis heute lieferbar ist, veröffentlichte in den vergangenen Jahren Texte von Frauenrechtlerinnen und Literatinnen, zuletzt erschienen Texte der Schriftstellerin Sophie la Roche.
Die Publikationen der Frauenbuchverlage fanden in den 80er und 90er Jahren in den Buchhandlungen den Weg in die Frauenregale. Kaum ein Buchladen kennt diese Rubrik heute noch, die in den 70er Jahren gegründeten Frauenbuchläden lassen sich an zwei Händen abzählen. „Bücher machen, schreiben und verkaufen birgt ein Problem, das der Kanonisierung“, sagt Ulrike Helmer dazu. „Die Buchhandlungen stehen vor der Frage: Was passt wohin? Was passt in welches Regal? Wo gehört das hin?“ Ein Programm, der aus Sicht seiner Verlegerin Bücher "mit kritischer Sympathie für Frauen" macht und Stereotype meidet, ist nicht immer leicht einzuordnen – zwischen den Stühlen macht Ulrike Helmer allerdings auch Freiräume aus. Für neue Denkweisen und für neue "Frauenliteratur", „die heute anders daher kommen will und muss“. Das Etikett "Feminismus" lässt sie sich gefallen, "wenn der im Plural gedacht wird".
Dass Frauen Verlage gründen und leiten, ist historisch gesehen eine relativ junge Entwicklung. Die erste Frau, die einem Verlag in Deutschland ihren Namen gab, war Ingeborg Stahlberg, die 1946 mit Unterstützung der französischen Besatzer den Stahlberg-Verlag in Karlsruhe gründete. „Davor waren es die familiären Bande, die Frauen in die Verlage brachten, ohne dass sie allerdings selbstständige Verlegerinnen waren.“ Die Wissenschaftlerin Edda Ziegler forscht seit Jahren zur Geschichte der Verlegerinnen in Deutschland. Und hat es dabei mit einer spärlichen Quellenlage zu tun. „Es ist eine Nische, über Frauen im Verlagswesen zu forschen, weil sich wenig erforschen lässt.“ In den deutschen Verlagen, so Edda Ziegler, waren es zuerst die Witwen und Töchter, dann die Frauen der Verleger, die im familiären Kontext an ihre Position gekommen sind „und diese dann ausgefüllt haben“. Wie Katharina Kippenberg im Leipziger Insel-Verlag, die Ansprechpartnerin für Rilke war und ihren Mann während des ersten Weltkriegs in der Verlagsleitung vertrat. Oder Hedwig Fischer, die das „Zentrum des Familienverlags war und seelenvolle Briefe schrieb“.
In ihrer Arbeit als Dozentin an der Universität München bietet Edda Ziegler regelmäßig Seminare zur Geschichte der Verlegerinnen an. Angefangen bei Anna Vandenhoek, „die die erste war“, über Helene Unger, die „Frauen des Kiepenheuer Verlages“, die „Frauen um Eugen Diederichs“ bis zu Marguerite von Schlüter arbeiten sich die Studierenden durch Quellenmaterial. Den aktuellen Abschluss der Veranstaltung bildet ein Gespräch mit Münchner Verlegerinnen.
Lernen können aus der Geschichte der Verlegerinnen in Deutschland allerdings nicht nur die Studierenden. Auf die Frage, was Verlegerinnen heute von ihren Ahninnen lernen können, hat Edda Ziegler zwei Antworten parat: „Es ist gut, aus dem richtigen Hause zu sein – das gilt auch heute noch.“ Und: „Dein eigenes Programm ist das Beste.“
Autorin: Andrea Blome
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