Bildschön auf dem Bildschirm

Silke Frink, Expertin fürs Klamotten-Coaching der Fernsehmenschen

Silke Frink weiß, was auf der Mattscheibe gut aussieht. Und wie es beim Publikum ankommt: Die Zuschauer merken sich oft nicht, was jemand im Fernsehen gesagt hat. Aber sie vergessen nie, was er dabei anhatte …



(aus: existenzielle 3/2006)

existenzielle: Frau Frink, achten Fernsehjournalisten nicht auf Ihr Äußeres?
SILKE FRINK: Nicht unbedingt. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, für dich zu mehr als 90 Prozent arbeite, war das historisch bedingt. Sie hatten sich über das Wort etabliert. Das Wort und die gründliche Recherche waren das Wichtigste. Man hat gedacht, der gute Inhalt wäre auch das gute Bild und hat erst nicht erkannt und sich später dagegen gewehrt, dass eine Informationsübertragung über das Fernsehen Regeln folgen muss.

Das hat sich mittlerweile geändert, Ihr Wissen wird geschätzt und gebraucht. Wie läuft Ihr Coaching konkret ab?
Zuerst kläre ich mit dem Auftraggeber, was das Ziel ist. Er sagt mir zum Beispiel: „Ich habe vier Moderatoren, die wechseln sich ab.“ Ich stelle dann oft fest, dass ein übergreifender Standard fehlt. Die Präsentatoren treten sehr unterschiedlich auf, weil ihnen bisher niemand eine Orientierung geboten hat, wie sie aussehen sollen. Das ist aber unerlässlich, wenn mehrere Menschen das Gesicht einer Sendung sind. Am Ende eines Coachings steht eine Imagedramaturgie für die Sendung, aus der sich die Looks für die einzelnen Personen ergeben.

Heißt das, ob jemand gut „rüber kommt“, kann an der Jacke liegen?
Leider ja. Und das ist nicht nur schlecht für den Einzelnen, es ist auch schlecht für die Sendung. Die Medienforschung hat jüngst bestätigt, dass man bei Sendungen, die von mehreren Menschen präsentiert werden, keine Imagekennung für die einzelnen Personen machen kann, sondern nur für die ganze Sendung. Umfragen unter Zuschauern haben gezeigt, dass Moderatoren bei namentlicher Abfrage meist nicht erinnert werden.

Wie wichtig ist das Outfit für Verständlichkeit und Zuschauerbindung?
Auch hier kennt die Medienforschung spannende Fakten: Zuschauer wurden gefragt, was den idealen Moderator ausmacht. 25 Eigenschaften sollten nach ihrer Relevanz sortiert werden. Über 80 Prozent der Befragten sagten, dass Wichtigste wäre Kompetenz, dicht gefolgt von Seriosität. Gute Kleidung landete auf dem letzten Platz! Aber: Ein Vergleich von erfolgreichen Moderatoren zeigte, dass die, die bei der Beurteilung ihrer Kleidung hohe Punktzahlen bekommen hatten, auch bei Kompetenz und Seriosität deutlich besser abgeschnitten hatten als jene, deren Outfit schlecht weggekommen war. Kleidung mag den Zuschauern in der Selbstwahrnehmung nicht wichtig sein – aber sie beeinflusst sie unterbewusst massiv.

Wer nimmt Ihren Rat eher an – Männer oder Frauen?
Männer sind einfacher zu „handeln“. Männer kommen historisch gesehen von der Kleiderordnung. Sie sind gewohnt, dass man ihnen Ansagen macht, z.B. durch das Tragen von Uniformen. Sie erleben das nicht als Eingriff in ihre Persönlichkeit. Bei Frauen ist das anders, die kommen von der Etikette. Sie haben abgespeichert, dass Wirkung zählt. Sie haben schon als Mädchen ein anderes Feedback bekommen – Komplimente über die Kleidung hören kleine Jungen eher selten. Frauen haben darum zu ihrem Äußeren meist weniger Distanz als Männer.

Das ist ein sensibler Bereich, oder?
Männer kompensieren Defizite. Frauen sind oft nicht hundertprozentig mit sich zufrieden. Sie versuchen Defizite eher zu verdrängen, anstatt Lösungen zu suchen. Wenn eine Moderatorin meint, sie hätte keine schönen Beine, zieht sie eben keinen Rock an. Sie sagt dem Problem nicht den Kampf an, sondern nimmt es hin. Ich will aber den richtigen Rock finden. Ich möchte einen Prozess unterstützen, an dessen Ende die Moderatorin ihre Stärken und Schwächen genau kennt und daraus eine Stilsicherheit entwickeln kann.

Frauen fühlen sich im Fernsehen in Sachen Optik oft stärker unter Druck als ihre männlichen Kollegen …
Das stimmt leider – die Medienforschung belegt es. Wenn Zuschauer loben, sagen sie: „Die sieht toll aus.“ Wenn sie kritisieren, versuchen sie es zu erklären: „Das ist zu trist, sie sollte mehr Mut zu Farbe haben“ usw. – Frauen bekommen doppelt so viel negative Kommentare in Befragungen.

Wie ist es mit dem Älterwerden vor der Kamera?
Da ist gerade ein Lernprozess im Gange. Der Zuschauer hat kein Problem damit, wenn Moderatoren mit ihm älter werden. Für die, die es durchleben, ist es ein ungeheurer Stress. Leider machen Moderatorinnen oft den Fehler, sich daran zu erinnern, worin sie mit 20 besonders gut ausgesehen haben. Dann frieren sie ihr Image ein, machen einfach so weiter. Das kann nicht funktionieren. Hier muss ein Update her!  

Wie schön muss ein Fernsehgesicht sein?
Schönheit im klassischen Sinne bedeutet nichts. Ich habe mit einer Moderatorin gearbeitet, die nach der Schwangerschaft nicht wieder in ihre alte Form kam. Sie dachte, dass sie es schaffen würde und trug ihre alten Sachen weiter. Es gab heftige Zuschauerreaktionen – aber die betrafen nicht die Figur, sondern die schlecht sitzende Kleidung – die empfanden die Zuschauer als wenig ästhetisch und unprofessionell. Der Zuschauer will keine schönen Leute, die nichts zu sagen haben, das sind Abschalter. Authentizität und Akzeptanz liegen eng beieinander, Zuschauer spüren Glaubwürdigkeit. Der Erfolg von Tine Wittler zeigt, dass der Zuschauer keine konfektionierte Schönheit sucht. Sie langweilt oder macht sogar latent aggressiv. Was der Zuschauer erwartet, ist eine Ausstrahlung, die ihn folgen lässt. Kleidung schafft diese Wirkung durch Passgenauigkeit, eine gute Schulterabformung für den seriösen Auftritt und gerade Linien ¬– das sind die Führungssignale eines Outfits. Einen natürlichen, selbstverständlichen Auftritt zu schaffen ist das Schwierigste, weil er inszeniert werden muss.

Interview: Andrea Hansen








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