„Da geht eine Kuh spazieren!“

Die Archehof-Bäuerin Maria Büning

Maria Büning war mal Zahnarzthelferin. Heute ist sie Bäuerin. Aus einem alten Hof im Münsterland machte sie einen Archehof, züchtet alte Nutztierrassen und bewahrt sie so vor dem Aussterben.



Maria Büning, Foto: Ulrike Dammann(aus: existenzielle 4/2007)

Ein schmiedeeisernes Tor, von zwei Eichen beschattet führt auf den Bauernhof. Am Eingang gackern, scharrende Hühner. Maria Büning, die Bäuerin steht auf dem Hof, umringt von einer Kinderschar. Heute ist Hofführung für die Marienkäfer. Eine Kindergartengruppe aus dem Nachbarort.
Der typische Duft nach Mist kitzelt in der Nase, Grunzen in den Ohren. Der in einem Karree angeordnete Innenhof – ein typischer Vierseithof – ist betoniert. Rechts Garagen für die Landgeräte mit braunen Schiebetüren, flache Ställe mit Solarzellen auf dem Dach, davor der Auslauf mit Schweinen. Über den Ställen ragen Windräder mit rot-weißen Rotorblättern hervor. Links stehen Futtersilos, die aussehen wie Garagen ohne Türen, darin Eicheln, Getreideschrot und Säcke mit Winterweizen und der Aufschrift „Bio-Zertifiziertes Saatgut“. Daneben führen braune Flügeltüren in den Wohnbereich des Hofes. An der grauen verputzten Fassade steht auf einer Schiefertafel: 1896 erbaut von den Eheleuten Heinrich Bettmer und Anna Pröbsting.

Vor siebzehn Jahren kauften sich Maria Büning und ihr Mann Martin den alten Hof bei Laer im Münsterland. Da kommen so Spinner mit viel Geld, erzählten sich die Leute. „Alles nicht wahr. Andere finanzieren sich über die Bank ein Eigenheim und wir haben einen Hof gekauft.“ Die Äcker, Wiesen und Weiden mit einer Größe von 80 Hektar sind gepachtet. Land kann man heutzutage nicht bezahlen. Dabei sind Maria Büning und ihr Mann gar keine klassischen Landwirte. Sie ist gelernte Zahnarzthelferin und ihr Mann Betriebswirt, der weiterhin in seinem Beruf arbeitet. Angefangen hatte alles ganz klein als Hobby. Sie haben schon immer auf dem Land gelebt. Anfangs auf einem kleinen Kotten in Schüttorf. Die Haltung von Schweinen auf Spaltenböden, der Einsatz von Antibiotika und die Fütterung von Tiermehl, hatte ihnen die Lust auf Fleisch verdorben. „Mit dem Wissen schmeckte uns das Fleisch nicht mehr. Unsere Idee: Wir halten eigene Schweine.“ Anfangs waren es nur Felix, Emma und Louise. Hinzu kamen Hühner und Schafe. „Den Platz hatten wir ja. Und das Futter kauften wir in Bio-Qualität ein.“ Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Dann kamen Verwandte und Freunde, die nach Wurst und Fleisch der Bünings fragten. So wurde aus dem Hobby, eine zusätzliche Einnahmequelle und nach dem Kauf des Hofes ein neuer Beruf. Von da an fuhr Maria Büning Trecker, mistete Ställe aus, fütterte Tiere, reparierte Maschinen und bestellte Land. Das nötige Wissen erhielt sie durch Fortbildungen der Landwirtschaftskammer und von Kollegen. Lehrgeld musste sie als blutige Anfängerin trotzdem zahlen. Ein Jahr baute sie Ackerbohnen an. Die wuchsen ihr bis zum Knie, während das Unkraut an die Hüfte reichte. „Keiner hatte mich darauf hingewiesen, dass ich als Zwischenfrucht Hafer oder Gerste hätte säen müsse.“ „Ich dachte du wüsstest das“, war die Reaktion eines befreundeten Bauern.

Foto: Ulrike Dammann

Auf dem Archehof werden alte Nutztierrassen gezüchtet.Maria Büning ist 47 Jahr alt. Sie trägt Jeans und einen blauen Pullover und die grauen Haare stoppelkurz. Die Kindergruppe führt sie heute zuerst zu den Schweinen. „Die haben ja schwarze Flecken“, wundert sich ein Junge. „Das sind auch ganz besondere Schweine“, erklärt Maria Büning. Die weiß-grauen Schweine mit dunklen Flecken sind Bunte Bentheimer, eine alte Haustierrasse. Die Bäuerin hat sich zur Aufgabe gemacht, alte Haustierrassen zu schützen, ihr Hof ist ein so genannter Archehof. Bunte Bentheimer gab es bis in die 50er Jahre häufig hier in der Gegend, inzwischen ist die Rasse vom Aussterben bedroht. „Die Menschen möchten heutzutage lieber Fleisch mit wenig Fett. Deshalb züchteten die Bauern neue Rassen und das Bunte Bentheimer geriet in Vergessenheit.“ Das Fleisch habe zwar mehr Kalorien, schmecke aber besser. Fett sei immer noch der beste Geschmacksträger.
Im Stall stehen in abgetrennten Boxen Sauen mit ihren Ferkeln auf Stroh - der Abferkelstall. Maria Büning nimmt ein drei Wochen altes Ferkel aus der Box. Schwupps liegen 10 kleine Kinderhände auf dem Ferkel und streicheln.

Auf der Rückseite des Hofes klappern an die 20 Schweine am Gatter und stecken neugierig ihre Schnauzen durch den Zaun. „Haben, die alle Namen?“, fragt Emily. Maria Büning lacht: „Nein, dazu sind es viel zu viele, die könnte ich mir gar nicht alle merken.“ Die Kinder wollen wissen, warum sie ausgerechnet Bunte Bentheimer hat. „Ich hatte schon immer ein Faible für alte Haustierrassen. Außerdem haben sie sehr gute Eigenschaften: sind robust, gute Mütter und werden selten krank. Unser Tierarzt trägt Trauer, weil er bei uns so wenig Geld verdient.“
Entlang von ausrangierten Autoreifen, einem Misthaufen und in grünem Plastik verpackter Mais-Silage geht die Führung weiter. Wohin man auch sieht Schweineställe. „Da geht eine Kuh spazieren. Darf die das?“, fragt Pia. Ein weißes Kalb, zupft gemächlich Halme aus einem Strohballen. Die Kinder halten mit Respekt Abstand. Die Mutterkuhherde hat 21 Kühe mit Kälbern der Rassen Charolais, Blond d'Aquitaine und rotem Höhenvieh. „Die Kühe, die ihr hier seht sind auch alte Haustierrassen.“ Die typisch schwarz-weißen Kühe, die sonst unsere Weiden prägen, fehlen.

Die Haltung der Tiere auf Stroh, mit genügend Platz und Auslauf nach draußen gehört zu den Richtlinien eines nach den Kriterien des ökologischen Landbaus arbeitenden Hofes. Maria Büning hat sich dem Verband Naturland angeschlossen. Auch das Futter muss Bio sein. Das heißt kein chemischer Dünger, keine Unkrautvernichtungsmittel und keine Pestizide. „75 Prozent des Futters bauen wir selbst an: Getreide, Mais, Kleegras. Ab März kaufen wir Futter zu.“ Der Anfang war nicht leicht. Da der Hof vorher herkömmlich bewirtschaftet wurde, musste eine Umstellungszeit von zwei Jahren eingehalten werden. Das heißt arbeitsaufwändige Tierhaltung und teures Bio-Futter. Ökologische Landwirtschaft rentiert sich erst nach der Umstellungsphase. „Wir haben damals noch Glück gehabt und unter der rot-grünen Landesregierung umgestellt. Dadurch erhielten wir erheblich höhere Subventionen als das heute der Fall ist.“

 „Anfangs züchteten wir die Schweine für den Weiterverkauf. Die Ferkel boten wir anderen Höfen zur Zucht für die Fleischproduktion an.“ Das stellte sich aber als schwierig heraus. „An unseren Ferkeln, war immer etwas auszusetzen: zu klein, zu groß, zu dick oder zu teuer.“ So konnte es nicht weitergehen. „So lange ihr für andere produziert, funktioniert euer Hof nicht. Ihr müsst das Fleisch direkt vermarkten“, sagte der Besitzer eines Archehofes bei Hamburg. Der Zufall half. Maria Büning wurde Teilhaberin eines Marktwagens. Sie fand einen Schlachthof und einen Metzger in der Nähe. Und seit 1996 steht sie mit Fleisch und Wurstwaren freitags auf dem Ökologischen Bauernmarkt in Münster. Inzwischen sind es fünf Märkte auf denen sie Schnitzel, Braten, Kassler, Schinken und Salami anbietet. Zwei Tage in der Woche verkauft sie direkt ab Hof und beliefert darüber hinaus Naturkostläden.

Foto: Ulrike Dammann

Blonde d'Aquitaine heißt die französische Fleischrasse, die Maria Büning auf ihrem Hof züchtet.Für Maria Büning ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Hofführungen gehören zum Konzept eines Archehofes, um auf die Bedeutung von alten Haustierrassen aufmerksam zu machen. Geld muss trotzdem verdient werden und morgen ist wieder Markttag. Das Fleisch und die Wurstwaren hat Maria Büning bereits am Vormittag beim Schlachthof und Metzger abgeholt, die meiste Arbeitszeit fließt in die Vorbereitung der Märkte. Für die Hofarbeit hat Maria Büning inzwischen nur noch wenig Zeit. Die erledigt Jakob, der Angestellte. Auch für die Märkte hat sie Mitarbeiterinnen eingestellt. Maria Büning verabschiedet sich. „Morgen muss ich früh raus.“ Der Markt in Münster beginnt um sieben Uhr.

Es ist sechs Uhr, dunkel und das Thermometer zeigt null Grad. Ein kalter Herbstmorgen, mit vereisten Autoscheiben und klarer Luft. Maria Büning und ihre Mitarbeiterin Annette öffnen die Klappe des Marktwagens und räumen die Ware in die Auslage. Schweinebraten, Putenschnitzel, Bratwürste, Filet, Hähnchen im Ganzen und zerlegt, sowie Leberwürste, Fleischwürste und Schinken liegen zum Verkauf bereit. Um halb 4 ist die Bäuerin aufgestanden, um sich auf den Weg zu machen. Die ersten Frühaufsteher finden sich bereits punkt sieben Uhr ein, erst ab zehn wird es richtig voll. Zwischendurch geben Marktbeschicker ihre Bestellungen auf Zetteln ab oder lassen sich ihre mitgebrachten Brötchen mit Schinken und Salami belegen. Der neueste Klatsch wird ausgetauscht und man wünscht sich gute Geschäfte. Zwischendurch bereitet Maria Büning in blauer Schürze, mit blauem Schal und blauen Einmalhandschuhen weiter vor – blau scheint ihre Lieblingsfarbe zu sein. Der Knochenschinken wird aus dem Knochen gelöst, die Schwarte abgeschnitten und ein Schweinebraten mit getrockneten Cranberries und Sauerkirschen gefüllt. Die Arbeit in der Zahnarztpraxis habe ihr auch Spaß gemacht, sagt sie. „Aber jetzt bin ich mein eigener Herr und den ganzen Tag an der frischen Luft. Ich muss heute mehr arbeiten und habe kein festes Einkommen. Wenn ich Spaß an der Arbeit habe, gucke ich nicht auf die Uhr. Ich bereue nichts“ Auch wenn ihr Arbeitstag wie heute bis 17.00 Uhr geht. Und sie ihre Hängematte dieses Jahr nur dreimal benutzt hat.

Autorin: Elke Langer

INFO: Archehöfe
Etwa 70 Nutztierrassen stehen in Deutschland auf der Roten Liste und sind vom Aussterben bedroht. Archehöfe haben es sich zur Aufgabe gemacht, die alten Rassen zu erhalten. Thüringer Wald Ziege, Glanrind, Coburger Fuchsschaf, Dt. Sattelschwein, Schwäbisch- Hällisches Schwein, Diepholzer Gänse, Westfälischer Totleger, Poitou-Esel, Skudde, Buntes Bentheimer Schwein oder Schwarzbuntes Niederungsrind. Die Liste der Nutztierarten, die auf deutschen Archhöfen erhalten werden, ist noch viel länger.
84 Archehöfe verzeichnet die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) in Deutschland. Das Arche-Hof Projekt gründete die GEH 1995 und unterstützt damit Arche-Höfe im landwirtschaftlichen Haupt- oder Nebenerwerb.








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