»In der Pause wächst der Muskel!«

Birgit Fischer, Olympiasiegerin und Unternehmerin

Birgit Fischer ist die erfolgreichste deutsche Olympionikin aller Zeiten. Erstmals seit 1980 verzichtet sie 2008 auf die Olympischen Spiele. »Keine Zeit mehr!«, sagt sie. Ihre junge Firma »Kanufisch« nimmt sie voll und ganz in Anspruch.



Birgit Fischer bleibt dem Kanu auch nach dem Leistungssport treu, Foto: Eberhard Thonfeld(aus: existenzielle 3/2008)

»Der Sport war nie mein Beruf, wäre es nie geworden«, sagt Birgit Fischer. »Für mich war immer klar: Sport ist die schönste Nebensache der Welt.« Unglaublich klingt dieses Credo, zumindest wenn es aus dem Mund der erfolgreichsten Olympionikin der deutschen Sportgeschichte kommt. Wie kann man so viele Medaillen sammeln, ohne sich voll und ganz dem Sport hinzugeben? »Mit diesem Gedanken fiel es mir relativ leicht, den Sport nicht als Stress zu betrachten.« Denn Birgit Fischer hatte das Ziel, viel unter einen Hut zu bringen. Nach der Schule beginnt sie mit dem Sportstudium, studiert am Ende zweimal, sogar dreimal. Und sie bekommt ihren Sohn Ole und ihre Tochter Ulla. Sie habe sich immer bei dem einen von dem anderen erholt. »Genau das war das Richtige für mich, weil ich so nie ausgepowert war«, erklärt sie ihre Lebensphilosophie. Dass sie das so gut hinbekommen hat, betrachtet sie als ihre größte Leistung. Eine Leistung, die ohne den Rückhalt und die aktive Unterstützung der gesamten Fischer-Familie und ihrer Freunde nicht möglich gewesen wäre.

»Ich mach es aber trotzdem!«

Wenn nicht der Sport, was ist dann Birgit Fischers Beruf? Schon während ihrer glanzvollen Kanutenkarriere hatte sie neue Herausforderungen gesucht und in Angriff genommen. Während der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sydney 2000 fing sie an, Pläne für den Weg in die Selbstständigkeit zu schmieden. Auf ihr Diplomsportlehrerstudium setzte sie 1999 und 2000 das Studium „Sport- und Touristikmanagement“ an der IST in Düsseldorf. Noch während der Olympiavorbereitung gründete sie ihre Firma Kanufisch. »Die Zeit danach war gut geplant in der Zeit davor«, ergänzt sie lachend.
Beruflich hat sich die Brandenburgerin ausprobiert. Sie arbeitete als Trainerin für die Kanu-U23. Für ein Energieunternehmen erstellte sie Nutzermotivationskonzepte, saß am Schreibtisch. Beide Male konnte sie feststellen, dass es »nicht ihr Ding« sei. Sie schrieb einen Businessplan, hatte die Idee, ihre Firma nicht nur mit Kanuverleih und Kanutouren zu bestücken, sondern auf mehrere Säulen zu stellen, »um einfach mal zu sehen, was greift gut, was greift schlechter, was ist gefragt, was nicht«. Wofür sie viel Zeit aufgewandt und wenig Nutzen hatte. Oder was mit wenig Aufwand zum Erfolg führte. Daraufhin verlagerte sie am Jahresende ihre Schwerpunkte. »So ähnlich wie ich es auch im Sport gemacht habe.« Am Saisonende habe sie immer bilanziert: »Was habe ich trainiert?« Dann wurde alles auf den Prüfstand gestellt und analysiert »Was kann ich besser machen?« Geholfen habe, dass sie auch während ihres Sportlerlebens relativ selbstständig, nämlich seit 1988 ohne Trainer und Trainingsgruppe fungiert und ihre Tage selbst geplant habe. Insofern war die berufliche Selbständigkeit durch den Sport gut geübt.

Von sportlicher und unternehmerischer Konkurrenz

Als Sportler sei man 1:1 für sich verantwortlich und setze sein nur für sich selbst um. Als Unternehmerin muss sie ihr Konzept vermarkten, um Kunden zu werben. Aber sie zieht auch Parallelen: Der Erfolg am Ende des Jahres sei im Sport wie im Beruf wichtig, um dran zu bleiben, um glücklich zu sein. »Wenn ich merke, ich habe keinen Erfolg damit, hier gibt es keine Möglichkeiten mehr, mich zu entwickeln oder zu verbessern, dann hört man im Sport auch auf. Ich würde auch mit meiner Firma aufhören, wenn ich sehe, all diese Dinge, die ich da anbiete, sind nicht mehr gewünscht«, sagt sie.
Die Konkurrenz im Sport ist der sportliche Gegner, den man besiegen muss, um Erster zu werden. Heute arbeitet sie mit ihrer Konkurrenz, die sie eigentlich gar nicht so nennen möchte, netzwerkartig zusammen: »Wenn mir ein Boot fehlt, weil ich zu viele Leute habe, dann buche ich das Boot bei meinem Nachbarn, der auch Boote vermietet. Wenn Anfragen da sind und ich keine Boote mehr habe, dann verweise ich eben.“ Heute erlebt sie mehr Netzwerke als zur Sportlerzeit, da war man eben hauptsächlich Konkurrent mit dem Gegner.

»Einfach den Kopf einschalten«

Birgit Fischer hat sich in ihrer Sportlerkarriere für viele ehrgeizige Ziele erfolgreich eingesetzt: acht olympische Gold- und vier Silbermedaillen beweisen es. Das Siegen sei vor allem mentale Geschichte. Ein Beispiel: »Man belächelte mich immer, als ich sagte: In der Pause wächst der Muskel!« Es gebe viele Sportler, die viel zu viel trainieren. Man müsse dem Körper auch mal Ruhe lassen.
Seit ihrem zwölften Lebensjahr führte Birgit Fischer ein Trainingstagebuch und stellte irgendwann fest, dass sie immer besser wurde, je weniger sie trainierte. »Einfach den Kopf beim Training ein wenig einschalten«, rät sie. Der Kopf gibt ebenso den entscheidenden Ausschlag, ob man ein Rennen gewinnt oder nicht. Das betreffe schon die Vorbereitung, man wisse mit dem Trainingsalter immer mehr, was einem gut tut. Was man tun muss, damit man auf den Punkt fit ist. Man lässt sich nicht mehr beunruhigen, wenn es mal stürmischer ist. In ihrem langen Sportlerleben habe sie immer mehr mit dem Kopf gearbeitet. Heute gibt sie ihre Erfahrungen in Vorträgen an Manager, andere Sportler und jeden, der davon profitieren möchte, weiter.

Wie ein Kanufisch im Wasser

»Ich habe viel angekurbelt in den letzten drei Jahren, denn ein Kanute muss nach dem Ende der Sportlerkarriere arbeiten, der hat nichts auf die hohe Kante gelegt«, betont die achtfache Olympiasiegerin. Kanuten und auch viele andere Sportlerinnen und Sportler müssen, wenn sie aufhören, irgendwie weiter machen.
Nach der Kanu-Weltmeisterschaft 2005 hat Birgit Fischer viel Energie in ihre Firma gesteckt. Das ist auch der Grund, warum sie sich dagegen entschied, noch einmal den Gewaltakt Olympiavorbereitung in kürzester Zeit – so wie 2004 vor Athen – in Angriff zu nehmen. Auch wenn sie diese Absage schon irgendwie »schweren Herzens« erteilen musste.

Motivationsvorträge und Podiumsdiskussionen bilden eine der sechs Säulen von »Kanufisch«. Daneben bietet sie Incentives und Kanu-Events für Firmen an – »ein bisschen was auf dem Wasser, ein bisschen was an Land« – auch Projektarbeit zum Beispiel in Schulen, und sie gibt Paddelkurse für Anfänger und Fortgeschrittene auf ihrem heimatlichen Beetzsee bei Bollmansruh. Kanuwanderungen in Zusammenarbeit mit den Ländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind ein weiterer Pfeiler ihres kleinen Unternehmens, die Thementouren drehen sich je nach Wunsch um Erholung oder Kultur, Geschichte oder Natur. Freizeit- sowie »Profipaddler« können den Fischerschen Bootsverleih nutzen. Die sechste Säule Personal Training bietet Wettkampf- und Hobbysportlern einen persönlichen Trainer oder eine fachliche Begleitung, um Wohlbefinden, Kondition und Körperbewusstsein zu steigern sowie leistungsfähiger und aktiver für Beruf, Familie und Freizeit zu werden.  
Warum gleich »sechs Kanufische«? »Eine Sache war mir immer zu wenig«, lacht Birgit Fischer. Wenn die eine Säule von Kanufisch mal nicht greift, dann greift eben die andere. »Das ist eine gute Mischung. Denn nur die Trainerin alleine, das wäre es auch wieder nicht gewesen!« Am besten laufen die Vorträge und die Kanu-Events „und das am liebsten in Kombination.“ Das heißt abends hält die Unternehmerin einen Vortrag über Motivation und Teambuilding und am nächsten Tag setzen sie das um – auf dem Wasser oder am Wasser.

Autorin: Monika Huber



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