Zwei Dutzend alte Autos

Heidi Hetzer, Auto-Pionierin

Heidi Hetzer ist eine Institution in Berlin. Die 1937 geborene Autohändlerin ist leidenschaftlich auf vier Rädern unterwegs. Das Schrauben und den Unternehmergeist hat sie im Familienbetrieb gelernt.



Heidi Hetzer, Foto: Sharon Adler(aus: existenzielle 4/06)

Opel in Berlin, das ist Opel-Hetzer. An der Spitze des mittelständischen Unternehmens mit weit über 100 MitarbeiterInnen steht seit 1964 eine der deutschen Auto-Pionierinnen nach dem 2. Weltkrieg, Heidi Hetzer. Die Tochter des Firmengründers, der 1919 mit einer Zweirad-Werkstatt begann und nach dem zweiten Weltkrieg auf vier Räder umsattelte, ist 68 Jahre jung und ein Energiebündel mit Ur-Berliner Schnauze.
Neben dem Autohaus besitzt die gelernte Kfz-Mechanikerin 23 Oldtimer. Seit 1953, als sie das erste Mal bei einem Rennen auf einer Lambretta an den Start ging, hat sie sich vor allem als Rallye-Fahrerin einen Namen gemacht. Noch heute fährt sie große Oldtimer-Rallyes wie die italienische Mille Miglia oder die Kitzbühler Alpen-Rallye.
Die geschickte PR-Frau hat es immer verstanden, ihre Leidenschaft zum Stadtgespräch zu machen und so zur Etablierung der Marke „Hetzer, der freundliche Autohändler“ beizutragen. Als Fachfrau und Unternehmerin wurde sie immer ernst genommen und es ist ihr eigenes Konterfei – die Rennfahrerin mit klassischer Ledermütze und Brille – das als Logo des Unternehmens für Kompetenz und Autoleidenschaft steht.

Personenkraftfahrzeuge waren und sind Heidi Hetzers Leben. Auch als sie sich Ende der 50er Jahre von der väterlichen Werkstatt verabschiedete, blieb sie ihren Wurzeln treu und eröffnete eine Autovermietung. Nach der schleppenden Anfangsphase des Unternehmens fand sie schließlich den Kniff zum Erfolg – neben der normalen Autovermietung, erfand sie den nächtlichen Service – „Bums-Autos statt Box-Autos“, wie sie grinsend erzählt, wo die Wagen stundenweise für 2,50 DM zu mieten waren. In den 50er Jahren, als die Vermietung eines Hotelzimmers an unverheiratete Paare ebenso wie Damenbesuch in einer Junggesellen-Wohnung per Kuppelei-Paragraph als Beihilfe zum Ehebruch unter Strafe stand, war dies ein genialer Kunstgriff. So viel unternehmerische Findigkeit beeindruckte schließlich auch den Vater, der zwischenzeitlich in seiner eigenen Werkstatt öffentlich ausgehängt hatte, dass er nicht für die Schulden seine Tochter hafte. Die nun florierende Vermietung zog mit väterlichem Segen auf das Grundstück der Hetzer-Werkstatt um.

Nach einem längeren USA-Aufenthalt übernahm Heidi Hetzer das Autohaus Hetzer Mitte der 60er Jahre mitsamt vier Millionen Mark Schulden und sanierte es erfolgreich. Heute hat das Unternehmen drei Filialen in Berlin und neben den Marken des Opel-Konzerns GM auch Hyundai in den Verkaufs- und Werkstattservice aufgenommen. Wer bestehen will, darf sich neuen Trends nicht verweigern, so Heidi Hetzers Devise. Auch in der nächsten Generation bleibt das Unternehmen erstens in der Familie und zweitens in Frauenhand – Tochter Marla Mackay ist vor wenigen Jahren in die Geschäftsführung eingestiegen. Aber noch ist Heidi Hetzer weit davon entfernt, sich aufs Rententeil zurückzuziehen.

Die Oldtimer-Sammlerin?
Ich bin keine Oldtimer-Sammlerin, obwohl ich 23 Autos besitze. Das hat sich mehr so ergeben. Die Frau des alten Hausarztes, der ehemalige Werkstattleiter oder langjährige Kunden, alle stellen ihren Wagen bei mir ab, weil sie möchten, dass ihr Auto in gute Hände kommt – da kann man doch nicht nein sagen. So kommt eins zum anderen, aber ich ziehe nicht los und sage, jetzt möchte ich ein bestimmtes Auto, dafür habe ich gar keine Zeit.
Natürlich gibt es Modelle, die ich gerne besitzen würde, einen 69er Kadett oder ein Cadillac Cabriolet, da gibt es sehr wohl das eine oder andere Traumauto, das ich noch gerne hätte. Aber ich will mich nicht für meine Oldtimer ruinieren. Nein, das Sammeln ist bei mir keine verbohrte Leidenschaft. Die Autos kommen zu mir, das ist Schicksal. Und das ist auch gut so.
Ich besitze das eine oder andere Auto, das ich gar nicht so schön finde, aber die haben so tolle technische Details, dass ich nicht widerstehen konnte. Wenn ich sage, nee, gerade dieses Auto gefällt mir nicht, ist das doch eine Respektlosigkeit dem Konstrukteur des Wagens gegenüber, der sich so viel bei der technischen Entwicklung gedacht hat. Heute wirbt Audi mit Autos aus Aluminium, das gab es schon vor 80 Jahren. In die Karosserie versenkbare Scheiben so wie heute die Dächer bei Tigra und Mercedes oder Elektroautos, all das wurde in den 20er Jahren schon einmal entwickelt.

Die Auto-Liebhaberin?
Im Auto bin ich unabhängig und frei, kann gehen, wann ich will und fahren wohin ich möchte. Ich bin ja sozusagen im Auto aufgewachsen, für mich ist das fast wie ein Ehepartner. Im Auto fühle ich mich sicher und aufgehoben, bin ich beschützt und kann alles verriegeln. Wenn mir danach ist, kann ich einfach in den Wald fahren, mich zurückziehen, lachen, singen und weinen.
Ich halte mich mehr hinterm Steuer auf als Zuhause auf und habe das Glück, dass ich das Auto der Tagesstimmung entsprechend wählen kann. Wenn ich in der Stadt fahre, nehme ich eher einen Kleinwagen, für eine Fahrt nach Westdeutschland den Signum, dann mal ein Cabrio, wenn’s schneit nehme ich einen mit Allrad-Antrieb und manchmal nehme ich auch einfach das, was gerade frei ist. Und wenn gar nichts frei ist, nehme ich einen Oldtimer.
Kürzlich musste ich zu einer piekfeinen Veranstaltung und konnte nur einen Automatikwagen fahren, weil mir den Fuß verstaucht hatte. Da hatten wir gerade nur einen kleinen Corsa verfügbar. Nach der Veranstaltung stieg der eine in seinen Jaguar, der andere in seinen Mercedes, der nächste in den BMW – und ich ging zu meinem Corsa. Au weia, mir war das wirklich ein bisschen peinlich. Aber dann gab es dort einen riesigen Stau vor dem Tor und die konnten mit ihren dicken Schlitten nicht vor und nicht zurück. Nur ich mit dem Corsa habe einfach gewendet und den Hinterausgang genommen. Im Nachhinein dachte ich, das kann doch nicht wahr sein, dass ich mich für das Auto geschämt habe und ich mich so beeinflussen lasse. Ob großer oder kleiner Wagen, das macht mich doch nicht zu einem anderen Menschen. Das Auto ist ein enormes Statussymbol und auch ich muss mich von diesem Dünkel immer wieder frei machen. Es ist ja albern, das eigene Wertgefühl ans Auto zu knüpfen – das sage ich so einfach, dabei leben wir Händler davon, dass es so ist!

Die Auto-Feministin?
Für Frauen sind Autos ganz wichtig, ohne das eigene Auto wäre die Emanzipation doch nur halb so weit, wie sie heute ist. Nicht mehr darauf angewiesen sein, dass einen jemand abholt, ist ganz wichtig für die Unabhängigkeit. In meinem Geschäft habe öfter mal Kundinnen, die sind sträflich anspruchslos – vor lauter Glück, dass sie überhaupt ein Auto besitzen.
Ich frage: „Kommen Sie gut mit dem Auto zurecht?“
Sie sagen: „Ja, ja, alles bestens“.
„Und sitzen Sie auch gut?
„Na ja, könnte besser sein.“
„Und ist die Schaltung gut eingestellt?“
„Na ja, das hakt schon manchmal.“
„Und warum sagen Sie dann nichts?“
„Ach, ich bin so froh, dass ich es überhaupt habe, da will ich mal nicht mäkeln.“

Autos für Frauen?
Oft verstehe ich die Konstrukteure nicht. Jetzt lassen sie aus Sparsamkeitsgründen wieder den Spiegel an der Sonnenblende des Fahrersitzes weg. Wie kann man behaupten, man baut auf den Wachstumsmarkt Frauen und dann so eine Dummheit begehen? Angeblich hat die Industrie verstanden, dass es immer mehr Frauen mit dickem Portemonnaie gibt, aber ich frage mich, wie ernst die Ansprüche von Frauen tatsächlich genommen werden. Wenn ich mir die Polsterbezüge von Autos anschaue, kommt mir das Grausen, die sind so hässlich. Kann man da nicht mal Frauen ranlassen?
Hier fehlt es wirklich noch an Phantasie. Jetzt werden bei den Autos die Konsolen immer dicker, weil die Technik immer mehr Platz braucht, aber noch niemand ist auf die Idee gekommen, an ein Fach für die Handtasche zu denken oder an einen festen Platz für den Regenschirm.
Frauen haben meistens weniger Erfahrung mit schnellen Autos, deswegen kaufen sie nicht unbedingt große Autos, aber auch das ändert sich. Kürzlich hatte ich eine Kundin, Berufsfahrerin, die sich fast für den Astra Caravan entschieden hatte. Am Ende sagte sie aber, nein, der hat keinen Getränkehalter. Ich sitze so viel und lange im Auto und muss meinen Becher abstellen können... In dieser Hinsicht gibt es noch viel zu erfinden.

Autorin: Silke Buttgereit

Das Porträt ist eine leicht gekürzte Fassung aus: Sharon Adler, Damenwahl. Frauen und ihre Autos, Lardon Verlag 2006.








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