"Warum tragen Bestatter immer schwarz?"
Claudia Marschner, Bestatterin in Berlin
Manche nennen sie Event-Bestatterin. Andere eine Alternative. Claudia Marschner sucht nach authentischen Formen des Abschiednehmens.
(aus: existenzielle 4/2005)
Der Tod ist ein letztes Tabuthema einer Gesellschaft, in der mittlerweile fast alles salonfähig ist, was vergangene Generationen schamhaft verschwiegen. Doch in gleichem Maße, wie überkommene Traditionen und die christliche Religion an Verbindlichkeit verlieren, steigt das Bedürfnis nach einem anderen Umgang mit dem Tod. Alternative Angebote für Hinterbliebene sind eine Nische, in der sich Frauen erfolgreich etabliert haben.
„Was soll ich in einem Bestattungsunternehmen?“, dachte sich Claudia Marschner, als ihr dort mit 24 Jahren eine Festanstellung geboten wurde. Doch sie sagte zu, weil ein Freund von ihr in dem Unternehmen tätig war – nicht wissend, dass sie in dieser Branche ein erfolgreiches eigenes Geschäft aufbauen würde.
Heute ist Claudia Marschner die Adresse in Berlin, wenn es um alternative Bestattungskultur geht. „Warum sollen Särge immer braun sein? Warum tragen Bestatter immer schwarz?“, fragte Claudia Marschner, nachdem sie einige Jahre angestellt gearbeitet hatte. Den Berufsalltag empfand sie als Routine. Gleichzeitig hatte sie bemerkt, dass ihr die Arbeit an sich gut gefiel. 1992 gründete sie zunächst gemeinsam mit einem Freund ihr eigenes Unternehmen. Die Bank gab Startkapital. Claudia Marschner fand die Verhandlungen nicht schwer: „Frauen, die sagen, ‚es gibt kein Geld’, wollen nicht wirklich gründen.“
Als ihr Partner den stressigen Job nach einem Jahr nicht mehr aushielt, machte sie allein weiter. Sie wollte nicht schrill sein, aber doch vieles anders machen. „Jung, offen, freundlich“ wollte Claudia Marschner sich präsentieren. Dafür verzichtete sie bewusst auf „stockkonservative Kunden“ und sprach gezielt ein anderes Klientel an. Heute führt sie ein Geschäft, das hell und farbig gestaltet ist. „Passanten bleiben stehen und betrachten die bemalten Wände.“
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Branche gewandelt, meint Claudia Marschner. Ein ökologischer Grassarg schocke heute niemand mehr. Die Bestatterin unterstützt die Hinterbliebenen bei ihren Ideen. „Wenn ein Heavy Metal-Fan stirbt, der gerne mal gekifft hat, finde ich es in Ordnung, ihm einen Joint in den Sarg mitzugeben.“
Claudia Marschner beschäftigt sechs Angestellte im Außendienst und vier Springer für Notdienste. Sie verdient mehr als in einem Angestelltenverhältnis in der Branche möglich wäre. Mit ihrem modernen Angebot in Sachen Bestattung steht Claudia Marschner nicht allein. Kerstin Gernig vom „Kuratorium Deutsche Bestattungskultur“ hat einen „radikalen Wandel“ der Branche bemerkt. Mit der Unternehmensnachfolge kommt eine Generation ans Ruder, die offen ist etwa für „Feng Shui-Prinzipien bei der Raumgestaltung“ und die offensivere Öffentlichkeitsarbeit betreibt.
Die Einführung einer Ausbildung für Bestatter führt zu einer Professionalisierung der Branche. Traditionell entstanden Bestattungsunternehmen aus Schreinereien oder Fuhrwerksunternehmen heraus. Meist arbeitete die ganze Familie mit. Deshalb sei Bestatter „weder ein klassischer Männer- noch ein klassischer Frauenberuf“, sagt Kerstin Gernig. In Nordrhein-Westfalen sind von insgesamt 940 Bestattungsunternehmen 267 in Frauenhand, also etwas mehr als ein Viertel. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 4.000 Bestattungsunternehmen.
In der Branche rumort es. Kerstin Gernig, promovierte Germanistin, verzeichnet eine Zunahme der Konkurrenz durch Billigbestatter, die eine aggressive Preispolitik verfolgen. „Diese Entwicklung spiegelt eine Entsorgungsmentalität.“ Umfragen zeigten, dass es vor allem in Großstädten vielen Leuten gleichgültig sei, wie sie bestattet werden. „Discount, Konkurrenz der Krematorien, Gewinnstreben der Friedhöfe“, nennt auch Rudolf Knoche vom „Berufsverband der Trauerrednerinnen und Trauerredner“ als Beleg für eine sich verschärfende Wettbewerbssituation. Andererseits nehme auch der Wunsch nach einer individuell gestalteten Bestattung zu. Die Zahl von etwa 500 Trauerrednerinnen und -rednern in Deutschland zeige den Bedarf an einer persönlichen Form des Abschiednehmens. Im Verband, dem Rudolf Knoche vorsteht, sind 75 Mitglieder organisiert, darunter 31 Frauen.
Ein Trauerredner benötigt etwa fünf Jahre, um seine Tätigkeit als Vollzeitberuf ausüben zu können, schätzt Rudolf Knoche. Die häufigste Art, sich zu etablieren, ist die „Übernahme“ von Kontakten eines Kollegen, der sich zur Ruhe setzt. Eine Ausbildung für den Beruf des Trauerredners gibt es nicht. Rudolf Knoche empfiehlt Kurse in Rhetorik, Buchhaltung und Gesprächsführung. Ohne Erfahrung im Umgang mit Menschen sei der Beruf schlichtweg nicht möglich. Und er ergänzt, dass Frauen zwar mehr Einfühlungsvermögen zugesprochen werde, von Männern aber eher erwartet werde, führen zu können. Trauernde befinden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation, in der sie sich auch nach Anleitung sehnen – insofern kommt das Rollenverständnis auch in diesem Beruf Frauen nicht unbedingt entgegen.
Neben den Trauerrednern haben sich Trauerbegleiterinnen etabliert. Ulrike Woogk aus Wiesbaden bietet in Mainz Trauerbegleitung und systemische Familienberatung an. Weil sie damit nicht ausgelastet ist, arbeitet die ausgebildete Industriekauffrau außerdem halbtags in einem Büro. Zeitweise vermittelte eine Klinik ihr Kundinnen, doch momentan muss sie ihr Angebot selbst vermarkten. Keine leichte Aufgabe: „Bei den Ärzten verschwinden meine Handzettel in einer Schublade“, ist sich Ulrike Woogk sicher. Ärzte rieten ihren Patientinnen nach dem Verlust eines Kindes in der Regel zu einer sofortigen erneuten Schwangerschaft, um den Schock zu überwinden. Doch Ulrike Woogk weiß, dass ein weiteres Kind die Trauer um ein verstorbenes nicht dämpft.
Sie unterstützt auch Eltern, die sich gegen die Geburt eines als schwerbehindert diagnostizierten Kindes entschieden haben. „Da kommen nach einem Eingriff Schuldgefühle hoch, mit denen keiner gerechnet hat.“ Ulrike Woogk kümmert sich zum Beispiel darum, eine ordentliche Beerdigung für das Kind zu organisieren. „Später sind die Eltern dankbar dafür, dass sie Abschied nehmen konnten.“
Das Einkommen aus der Beratung allein reicht momentan nicht für den Lebensunterhalt aus. Seit 1997 zahlen die Krankenkassen für die Beratung nicht mehr, deshalb müssen die Kundinnen sie aus eigener Tasche finanzieren. Ulrike Woogk plant nun den Aufbau einer eigenen Praxis gemeinsam mit einer Kollegin. Dann will die 51-Jährige ihr Angebot auf allgemeine Familienberatung ausweiten.
So vielfältig die Berufe rund um Trauer und Bestattung sind, so vielfältig ist auch der Berufsalltag. Wer glaubt, er sei nur trist und deprimierend, irrt gewaltig. Die Berliner Bestatterin Claudia Marschner sagt, ihr Beruf „berge Heilsames.“ Sie richte ihr Augenmerk nicht auf die Verstorbenen, sondern auf die Hinterbliebenen. „Die Menschen, die zu mir kommen, sind immer authentisch.“ Bei einem Trauerfall kümmern sich Trauernde nicht mehr darum, die Fassade aufrecht zu erhalten. Claudia Marschner hat für sich ein Fazit aus ihren Erfahrungen gezogen, das ihr hilft, bewusst in der Gegenwart zu leben: „Die Zukunft ist eine Illusion, sie kann in Erfüllung gehen oder nicht.“
Autorin: Charlotte Schmitz
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