Wer blau mag, muss auch Schoko sagen

Birgit Hass, Chocolate Blue

Die Hamburger Medien- und Marketingagentur Chocolate Blue hat die Krise der Werbeindustrie gut überstanden – dank der klugen Strategie ihrer Gründerin Birgit Hass.



Birgit Hass, Foto: Tinka und Frank Dietz(aus: existenzielle 3/2006)

Hier ist alles Schokolade. Kakaobrauner Linoleumboden, eine mokkafarbene Couchgarnitur, auf dem Konferenztisch liegen Schokotafeln in Vollmilch, Weiß und Zartbitter. Draußen fließt träge die Elbe vorbei, die Agentur liegt mitten im Hamburger Hafen. Drinnen steht Birgit Hass im gläsernen Konferenzraum, perfekt gestylt, mit langen brauen Haaren. Sie fragt: „Darf es ein Eis sein? Oder eine kalte Trinkschokolade?“ Man merkt: Das macht sie nicht zu ersten Mal.

Drei Jahre ist es her, dass Birgit Hass die Agentur Chocolate Blue gegründet hat. Keine einfache Zeit, um auf dem Werbemarkt Fuß zu fassen: Noch 2004 sprach der Gesamtverband der Kommunikationsagenturen von steigendem Margendruck und knauserigen Kunden. Doch ums Überleben ist es Birgit Hass nie gegangen. Auf einem ohnehin schon dicht besetzten Markt hat sie sich fest etabliert. Auch international hat ihr Agenturkonzept Wellen geschlagen. Als eine der wenigen Frauen ist sie Mitglied der „Entrepreneurs Organisation“ – einem Netzwerk von Unternehmern, die jünger als 50 sind und mindestens eine Million Dollar pro Jahr umsetzen. Beides trifft auf Birgit Hass zu. Und für beides zahlt sie einen Preis.

Die 36-Jährige hat sich selbst zur Marke gemacht. Feierabend hat sie nie, und egal ob sie im Büro ist oder zuhause – ihr Outfit ist immer braun und blau. Werbefläche ist halt überall. Während viele Menschen ihr Privatleben pflegen wie eine Kostbarkeit, gibt Birgit Hass es preis, wo sie nur kann. Sie ist auf jedem Medienevent und den meisten Kinopremieren. Denn zu ihren Kunden zählen hauptsächlich Filmverleiher.
Große Plakate allein reichen nicht mehr aus, um die Leute ins Kino zu holen. Als im vergangenen Jahr der Film „Hotzenplotz“ in die Kinos kam, entwickelte Chocolate Blue deshalb eine Kooperation verschiedener Werbepartner: Das Produkt „Knorr Fix für Schnitzeltopf Räuber Art“ gab es mehrere Wochen mit einen Aufkleber auf der Tüte. Der verwies auf den Filmstart – und die Möglichkeit, im Internet Eintrittskarten zu gewinnen. Gleichzeitig gab es an Aktionsständen im Supermarkt grüne Minischürzen und Kochlöffel mit dem Filmlogo. Schließlich erwähnte eine Programmzeitschrift die Aktion in ihrem redaktionellen Teil. Damit deckte Chocolate Blue gleich drei Informationskanäle auf einmal ab: Online, Print und die Supermärkte, die so genannten „Points of Sale“. In der Werbesprache nennt sich das Cross-Media-Kooperation.

Hier ist alles Schokolade, Foto: Tinka und Frank DietzBirgit Hass hat mit ihrer Marketing-Idee im vergangenen Jahr über 2,6 Millionen Euro umgesetzt. Ihre Strategie ist einfach: Für eine gezielte Kampagne bietet sie Firmen an, den richtigen Partner zu finden – um damit so viele Märkte und so viele Käufer wie möglich zu erreichen. Chocolate Blue ist deshalb nicht nach Medienformen, sondern nach Kompetenzen aufgeteilt. Für jeden Verbraucherbereich gibt es einen Manager – ob Essen und Trinken, Mode, Auto oder Touristik. Ragnar Riesenkampff zum Beispiel ist der Projektleiter für IT und Consumer Electronics. Zurzeit ist er auf Partnersuche für ein Virenschutzprogramm. Eine aufwändige Angelegenheit: Softwareprodukte sind nicht gerade Verkaufsschlager. „Doch wenn man dem Käufer gleichzeitig ein kostenloses Konto anbietet, werden die Menschen aufmerksam“, sagt Riesenkampff.
Mit dieser Netzwerk-Strategie war Birgit Hass eine der ersten Agenturen in Deutschland. Als Pionierin hat sie Routine: Mit 22 gründete sie in Bayreuth eine Modelagentur, die erste Online-Agentur in Deutschland. Nebenbei studierte sie Betriebswirtschaft, „so einigen Kommilitonen hab ich mit meiner Agentur bestimmt das Studium finanziert“, sagt sie selbstbewusst. Nach neun Semestern ist sie Diplom-Kauffrau und arbeitet für Premiere und das Deutsche Sportfernsehen (DSF).

Die Insiderkenntnisse aus ihrer Zeit als Marketingfrau fließen jetzt in neue Projekte: Branded Entertainment und Programming zum Beispiel, monothematische TV-Magazine wie „bellevue.tv“ – ein Immobilienmagazin, das Chocolate Blue produziert und TV-Sendern verkauft. Dass es dort einen Bedarf gibt, weiß Birgit Hass noch aus ihrer Zeit beim DSF: „Die haben Formate auch nur gesendet, wenn sie bereits refinanziert waren.“ Bei ständig schrumpfenden Produktionsbudgets der Privaten ist gerade das ein Markt, auf dem Chocolate Blue Zuwächse registriert.
Die alten Kontakte aus ihrer Zeit im TV-Marketing pflegt Birgit Hass wie andere Unternehmer die Ahnentafel. Und jeden Tag kommen neue hinzu: Für alle 20 Mitarbeiter ist die Präsenz im Online-Netzwerk „OpenBC“ Pflicht. Dort gibt es bereits eine eigene Chocolate-Blue-Community.

Um in Zukunft jedoch nicht allein von PR-Projekten abhängig zu sein, hat Birgit Hass neue Strategien entwickelt. Es ist eine atemlose Aufzählung, wie so oft an diesem Nachmittag, doch gleichzeitig ahnt man: Auch hiermit wird Birgit Hass erfolgreich sein. Ob es der Single-Schmuck ist, den sie entworfen hat, das Fachbuch über Schokoladenmarketing, an dem sie gerade schreibt oder ein eigenes Restaurant-Konzept: Alles hat Hand und Fuß und erste Abnehmer. Bereits heute vermarktet Chocolate Blue eine Modelinie und eine eigene Hörbuch-Reihe. Zur Hochzeit bekommen Kunden eine Fontäne aus blauer Schokolade, zur Geburt eines Kindes einen blauen Babystrampler mit dem Schriftzug „Chocopups“.
Das kaufen auch Leute, die noch nie von Chocolate Blue gehört haben. Birgit Hass hat es geschafft: Sie hat ihr Leben zur Marke gemacht. Und ihr Motto zum Erfolg: „Man kann alles und jeden erreichen. Man muss nur wissen wie und wann.“

Autorin: Iris Hellmuth








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