Geschäftsfrauen auf der Schokoladenwelle

Gaby Fürstenberger und Sabine Seidel

Hier ist alles Schokolade. Salz-, Pfeffer-, Limone- oder Rosmarinschokolode, Trinkschokolade, Schokoladencremes, Konfekt, Pralinen ... Die Chocolaterie Bitter & Zart beweist, dass Erfolg mehr als ein Trendprodukt ist.



Gaby Fürstenberger, Foto: Sabine Kristan(aus: existenzielle 3/2006)

„Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.“ Für Gaby Fürstenberger und Sabine Seidel war dieser Satz von Oscar Wilde das richtige Motto für ihre Geschäftsidee. Im Oktober 2003 eröffneten die beiden Frauen ihre Chocolaterie „Bitter & Zart“ in Frankfurt und damit die zweite in Deutschland, die erste hatte kurz zuvor in Berlin aufgemacht. Der Handel war den beiden nicht fremd, sie hatten vorher lange Jahre in der Möbelbranche gearbeitet. Doch Lebensmittel und gar solche Luxusprodukte, das war für beide Neuland. Ein eigenes Geschäft zu führen, diese Idee war nicht aus einer Unzufriedenheit mit dem bisherigen Beruf heraus geboren. „Aber es ist herrlich, die Idee, die man im Kopf hat, umsetzen zu können. Den Laden so einrichten zu können, wie wir beide dies wollen, die eigene Chefin zu sein – und zu merken, dass unsere Konzeption bei den Kunden gut ankommt“, sagt Sabine Seidel. Vielleicht habe bei der Gründung auch eine Rolle gespielt, dass beide im Jahr 2003 40 Jahre alt geworden sind – und diesen Termin als den richtigen Zeitpunkt empfunden haben, etwas Neues zu wagen.

Sabine Seidel, Foto: Sabine KristanNicht alleine der im Jahr 2000 in die Kinos gekommene Film „Chocolat“ sei Trendbereiter für eine Entwicklung zu Gunsten hochwertiger Chocolaterie-Produkte gewesen, auch Aufklärungskampagnen über Kakao und qualitativ hochwertige Schokolade, Bücher und Medienberichte hätten daran mitgewirkt, sagen die beiden Frauen.
Die Inhaberinnen von „Bitter & Zart“ sind sich sicher, dass der Höhepunkt der Schokoladenwelle noch lange nicht erreicht ist. Ihre Stammkundschaft setzt sich ganz gemischt zusammen, unabhängig von Beruf und Alter. Schließlich gebe es inzwischen ganze Schokoladenfangemeinden – so wie zu Wein- und Olivenöltestaktionen kämen Menschen am Wochenende zusammen, um Kakao und Schokolade testen.

Die Vielfalt im Laden ist entsprechend groß. Auf einer Fläche von 75 Quadratmetern werden etwa 300 verschiedene Produkte angeboten. Das reicht von ausgefallenen Geschmacksrichtungen wie Salz-, Pfeffer-, Limone- oder Rosmarinschokolode, über Trinkschokoladen, Schokoladencremes, Konfekt, Pralinen bis zu Geschenkideen in Form von Schokoladefondues oder klassischen Katzenzungen. Die süße Versuchung stammt aus Deutschland, Italien, Frankreich, Belgien und auch Schottland.
Dementsprechend gemischt ist auch das Sortiment der Hersteller. Gaby Fürstenberger: „Wir unterstützen kleine Familienbetriebe, beziehen aber auch bei internationalen Anbietern.“ Eine gründliche Recherche hauptsächlich im Internet vor der Geschäftsgründung hat den beiden die Kontaktaufnahme für die ersten Bestellungen mit den Händlern erleichtert. Mit dem Hause „Chocolat Bonnat“ haben sich so enge Geschäftsbeziehungen entwickelt, dass dieser Hersteller bereits vier Informationsabende in Frankfurt gestaltet hat. Themen waren zum Beispiel: Was ist eigentlich Schokolade? Wie wird sie hergestellt? Außerdem haben die Frauen von „Bitter & Zart“ zusammen mit dem Chocolatier Stephane Bonnat ihre erste eigene Schokolade kreiert: eine  Milchschokolade mit einem Kakaoanteil von 60 Prozent. Im vergangenen Jahr kam das zweite eigene Produkt dazu: eine Edelbitter Schokolade mit 70 Prozent Kakaoanteil, die zugunsten des Frauenhauses in Frankfurt produziert wird. 1000 Tafeln davon sind bereits verkauft. Bitter & Zart verdient nichts daran, führt aber 60 Cent pro Tafel an das Frankfurter Frauenhaus ab.

Das Geschäft läuft sichtlich gut. Mit einer Auszubildenden, zwei Festangestellten, drei festen und drei saisonalen Aushilfskräften – das Personal bei „Bitter & Zart“ ist ausschließlich weiblich und liebt Schokolade -, wirtschaften Gaby Fürstenberger und Sabine Seidel kostendeckend. Die beiden Geschäftsinhaberinnen können heute nicht mehr verstehen, wieso die drei Kreditinstitute, denen sie ihren Businessplan vor drei Jahren vorgestellt haben, ihnen keinen Kredit gewährten, zumal es sich dabei nur um eine Summe von 80.000 Euro handelte. So behalfen sie sich mit Krediten bei Familie und Freunden.
Dass sich die beiden Frauen nicht abschrecken ließen, hat sich gerechnet, schließlich wurden sie bereits kurz nach der Gründung mit dem Frankfurter Gründerpreis 2004 ausgezeichnet und konnten ein Preisgeld von 12.500 Euro in Empfang nehmen.

Von Anfang an haben Gaby Fürstenberger und Sabine Seidel großen Wert auf einen professionellen Auftritt gelegt. Für Arbeiten, die sie nicht selbst ausführen können, engagieren sie Profis. Geschäftspapiere kreierte eine befreundete Grafikerin aus Karlsruhe. Die Geschäftskleidung entwirft eine Kostümbildnerin aus Frankfurt.
Auf Werbekampagnen in Medien haben die beiden bewusst verzichtet – und gezielt auf Mund-zu-Mund-Propaganda gesetzt. Bereits am Eröffnungsabend war der Laden sehr gut besucht, das Geschäft wurde schon bald ein Geheimtipp in Frankfurt und darüber hinaus. Bestellungen werden auch per Internet angenommen, doch der meiste Umsatz wird im Laden erwirtschaftet. Sabine Seidel: „Einige Kunden kommen nur zu uns, um die Atmosphäre zu genießen.“ Auf Bistrostühlen im hinteren Teil des Ladens lassen sie sich den verführerischen Duft der nach Hausrezeptur hergestellten Trinkschokolade um die Nase wehen – unwiderstehlich die Versuchung.

Autorin: Jutta Perino








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