Ein Schirm mit Seele

Birgit Hollack leitet das Figurentheater-Kolleg Bochum

Aus ihrer Lust am Spiel hat Birgit Hollack einen Beruf gemacht. Für die Chefin des Kulturbetrieb ist Geldbeschaffung inzwischen genauso wichtig wie das Puppenspiel.



Birgit Hollack mit dem Jäger aus "Peter und der Wolf"(aus: existenzielle 1/2007)

Die gelbe Tasse spricht. „Wie heißt du?“ fragt sie, und wackelt hin und her. Ihr Henkel ist plötzlich kein Henkel mehr, sondern eine Nase. Und irgendwo im Schatten, den der Henkel wirft, müssen die Augen sein. „Keine Antwort, auch gut“, sagt die Tasse, und dreht sich beschämt zur Seite. Die Frau mit den langen Locken blickt von der Teetasse auf, die vor ihr auf dem Tisch steht. „Sehen Sie?“, sagt Birgit Hollack, und hält die Tasse hoch. „Auch das ist Figurentheater: Man kann Objekte mit seinem Blick beleben und spielen, als wären sie lebendig.“

Wir sind in Bochum, nicht in Hollywood. Und Birgit Hollack ist nicht verrückt, obwohl sie durch Tassen spricht. Sie leitet das Figurentheater-Kolleg Bochum, das einzige Weiterbildungsinstitut in Westeuropa, das sich auf Puppentheater spezialisiert hat. Zu ihr kommen Lehrerinnen, um Märchenerzählen zu lernen, und Feuerwehrmänner, die für ihre Theatergruppe neue Figuren schnitzen wollen. „Unsere Kursteilnehmer kommen aus ganz unterschiedlichen Sparten“, sagt Birgit Hollack. Viele aus dem pädagogischen Bereich, aber auch Schauspielschülerinnen, die sich auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiten oder Menschen, die als Klinikclown arbeiten wollen.

Von Akrobatik bis Zauberei reicht das Programm des Kollegs. „Das Herzstück ist natürlich die Ausbildung zum Puppenspieler, aber wir bieten auch Kurse aus allen künstlerischen Bereichen“, erklärt Birgit Hollack. Sie sitzt in ihrem Büro im zweiten Stock der denkmalgeschützten Schule im Bochumer Stadtteil Langendreer. Hier muss vor hundert Jahren einmal ein Hausmeister gewohnt haben. Seit 20 Jahren ist das Figurentheater-Kolleg in dem ehrwürdigen Backsteingebäude untergebracht, ein würdiger Rahmen für eine alte Kunst. Auch das Kolleg selbst blickt auf eine lange Geschichte zurück: In den fünfziger Jahren vom Bochumer Puppenspiel-Fan Fritz Wortelmann gegründet, wurde 1977 seine Gemeinnützigkeit anerkannt – der eigentliche Geburtstag für das Weiterbildungsinstitut, das deshalb in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert. Seither wird das Kolleg von einem Trägerverein getragen und von Land und Stadt gefördert. Hinzu kommen Spenden und Beiträge von jährlich 250 Kursteilnehmern.

„Ich kenne keine Institution, die sich im Rahmen der Weiterbildung selbst finanzieren kann, deshalb ist die Trägerschaft durch einen Verein die beste Lösung“, sagt Birgit Hollack. Gewinne darf der gemeinnützige Verein nicht erwirtschaften. Trotzdem – oder gerade deswegen – gleicht der Arbeitstag der Kolleg-Leiterin dem einer Managerin. Damit jeder Kurs stattfinden kann, die Räume zur richtigen Zeit frei sind und die – oft aus dem Ausland angereisten – Honorardozenten zur richtigen Zeit in Bochum sind, ist viel Organisationsarbeit nötig. „Am Vormittag sitze ich unten mit im Büro, weise die Besucher ein, führe Telefonate und überlege, welche Dozenten man für welche Kurse buchen könnte“, sagt Hollack, die neben zwei Halbtags-Bürokräften die einzige Festangestellte ist. „Zwischendurch habe ich einen Termin beim Kulturdezernenten, helfe, die Lichtanlage in der Studiobühne aufzubauen und suche nach Möglichkeiten, Gelder zu beschaffen.“ Geldbeschaffung sei ein immer wichtiger werdender Teil ihrer Arbeit. Denn die Beschäftigung mit dem Puppenspiel ist die eine Seite des Jobs. Die andere die Frage: Wie kriege ich den Laden ans Laufen?

Dass der Laden läuft, sieht man im ersten Stock. Es ist Montagnachmittag, und alle Räume des Schulhauses sind belegt. In einem Raum mit großen Fenstern üben Petra Boos und Desiree Baier ihr selbstgeschriebenes Stück. „Das Rätsel der Farben“. Hauptfigur ist ein grauer Regenschirm. Er ist die graue Königin, die in ihrem Land keine Farben erlaubt. Nebenan trainiert eine Kolleg-Studentin mit einer Handpuppe vor einem Spiegel. Und in der hauseigenen Studiobühne feilen Dozenten und Schüler gerade an einer Aufführung. „Im Moment proben alle für unser aktuelles ‚Lyric Project’“, flüstert Birgit Hollack und schließt die Tür. „Dabei werden Gedichte in Materialtheater umgesetzt und große Installationen im Raum ‚belebt’.“

Wenn Birgit Hollack Besucher durchs Kolleg führt, merkt man ihr die Freude am Spiel, das sie umgibt, an. Vorsichtig öffnet sie Türen, blickt neugierig und still in die Räume, um die im Spiel Versunkenen nicht zu stören. Hollack sagt, sie sei schon immer fasziniert gewesen von der Freiheit des Spiels. Vom Vater bekam sie Seppel und Teufel geschnitzt. Später, nach ihrem Religionspädagogik-Studium, leitete sie einen Abenteuerspielplatz für Kinder aus dem sozialen Brennpunkt. Schauspiel sei ein gutes Medium, um therapeutisch mit den Kindern zu arbeiten, sagt Birgit Hollack. „Im Spiel waren die Kinder freier. Dadurch haben wir Betreuer viel mehr über ihre Erlebnisse und Ängste erfahren, als wenn wir nur mit ihnen gesprochen hätten.“ Von 1978 bis 1981 ließ sich die gebürtige Gelsenkirchenerin dann selbst am Bochumer Kolleg weiterbilden. Seit 1981 leitet sie es.

Foto: Michael Aust

Birgit Hollack vor dem Figurentheater-KollegAus ihrer Lust am Spiel hat Birgit Hollack einen Beruf gemacht. Ob die Menschen, die bei ihr eine Weiterbildung zum Puppenspieler machen, dieselben Ziele haben? „Viele wollen einfach ihr kreatives Potenzial kennen lernen“, sagt sie. Aber es sei auch heute noch durchaus realistisch, die Puppenspielerei berufsmäßig zu betreiben. Allein aus dem Bochumer Kolleg seien 40 Bühnen entstanden, die noch heute durch die Lande touren. „Wenn jemand einen Traum hat, sollte er sich nicht von der wirtschaftlichen Situation abschrecken lassen“, sagt Birgit Hollack. „Das ist leicht gesagt, ich weiß wie schwer es vielen Teilnehmern fällt. Aber einige finden den Weg ins Profitum.“ Wahrscheinlich hat sie Recht: Wer Schirme und Tassen beseelen kann, kann auch Träume beleben. Man braucht dazu nur ein bisschen Fantasie.

Autor: Michael Aust



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