Wie brotlos ist die Kunst?
Künstlerinnen im Doppelberuf
Nicht nur wirtschaftliche Gründe spielen eine Rolle, wenn sich Künstlerinnen ein zweites Standbein schaffen. Es liegt auch ein Hauch von Aufbruch und Abenteuer in der Luft. Wir stellen Frauen vor, denen der Doppelberuf mehr als Netz und Notnagel ist.
(aus: existenzielle 4/2008)
Ariane Erdelt hat gleich zwei Webseiten im Angebot. Auf der einen präsentiert sie sich als Schauspielerin, auf der anderen als Coach. „Ich habe lange überlegt, was ich machen könnte“, erzählt die Münchnerin. Nach einer Familienpause war der Wiedereinstieg als Schauspielerin schwierig. „Es ist mühsam, sich von einer Rolle zur nächsten zu hangeln.“ Die Schauspielerei aufzugeben war trotzdem kein Thema. „Nein!“ sagt Ariane Erdelt und schüttelt die rote Lockenmähne. „Ich liebe es einfach und könnte es nicht lassen.“ Gerade erst hat sie ein neues Demoband gemacht und steht im TamS-Theater auf der Bühne, einer Institution unter den Münchner Off-Theatern. Gleichzeitig treibt sie ihr zweites Geschäft voran. Die Initialzündung brachte ein – kostenloses – Coaching der Münchner Volkshochschule. „Was halten Sie denn von einer Coachingausbildung?“, fragte die erfahrene Beraterin. „Damit schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Das Thema Persönlichkeitsentwicklung hatte Ariane Erdelt immer interessiert. „Und es lässt sich natürlich wunderbar mit meinem Beruf als Schauspielerin verbinden.“ Sie machte Nägel mit Köpfen. Ausbildung im Systemischen Coaching, unternehmerisches Know-how beim Büro für Existenzgründung (BfE) und Akquise per Homepage, Flyer und Datenbanken – mit viel Einsatz und Energie baut sie sich seitdem unter dem Namen Coachingmobil.com ein zweites Standbein auf.
Die ersten Klienten haben schon den Weg zu ihr gefunden, viele aus dem künstlerischen Bereich. Bewusst wendet sich die Künstlerin an „ihre“ Branche, bietet auch ein Career-Coaching für Schauspieler an. „Das ist eine Welt, die mir vertraut ist“, stellt die Schauspielerin fest. „Und ich habe schon den Eindruck, dass sich diese Szene von mir besonders angesprochen fühlt.“ Manche Kollegen kamen, um eine kleine Szene zu gestalten, andere brachten eine Frage mit. Grundsätzlich ist Ariane Erdelt als Coach für alle Bereiche des Lebens offen. „Es ist ein gutes Gefühl etwas aufzubauen und nicht mehr zwanghaft darauf zu gucken, wo es ein Casting oder eine neue Rolle geben könnte.“ Ein IHK-Workshop für Jungunternehmen bietet ihr Rückhalt in dieser frühen Gründungsphase ihrer zweiten Existenz. In einer Dreiergruppe mit einer Eventmanagerin und einer frischgebackenen Geschäftsfrau tauscht sie sich regelmäßig über Wünsche, Vorstellungen und Fortschritte aus. „Es hilft mir sehr dabei, für mich ein Ziel zu entwickeln, auf neue Ideen zu kommen und konkrete Schritte zu gehen.“
Bei der Wortkünstlerin Ursula Neumann verlief die Entwicklung genau umgekehrt. Jahrelang arbeitete die Soziologin als angestellte Unternehmensberaterin, unter anderem für das Land NRW, und war für Gründungen, kleine Unternehmen und den Mittelstand aktiv. Gleichzeitig gehörte sie auch der Kölner Kleinkunstszene an. Nicht nur als Sängerin und Texterin der „Rheintöchter“, sondern auch mit unterhaltsamen Lesungen ihrer Lyrik, bei denen sie schon mal den Cocktailshaker schwingt. „Irgendwann wollte ich nicht mehr nur die Beraterin in Sachen Wirtschaftsförderung sein, die privat eigentlich ganz anders ist“, stellt Ursula Neumann fest. Die Dichterin in ihr forderte ihr Recht. Also reduzierte sie auf Teilzeit und gründete ein Beratungsunternehmen für Selbstständige in Freien Berufen, Kunst und Kultur. „Das ist alles ganz organisch passiert, weil in meinem Bekannten- und Freundeskreis gerade Beratungsbedarf bestand.“ 2007 beschloss die Kölnerin: „Jetzt machst du’s ganz!“ Seitdem widmet sie sich ausschließlich dem Coaching – und der eigenen Kunst. Aus ihrer langjährigen Arbeit bringt sie viele Kontakte mit, die ihr den Einstieg als Beraterin erleichterten. Sich in der Kunst einen Namen zu machen, ist dagegen ein langer Weg. „Das dauert.“ In diesem Jahr leistet sich die Wortkünstlerin den Luxus, sich verstärkt um ihre kreative Seite zu kümmern. Ende November 2008 geht das Kunstportal kxlnlyrik an den Start, auf dem sich Musiker oder Fotografinnen ebenso der Öffentlichkeit präsentieren können wie Theatermacherinnen oder Schriftsteller. „Ich kann mich als Lyrikerin nur schwer vermarkten“, erklärt die kxlnlyrik-Initiatorin das Ziel ihres Projekts. „Unter so einem gemeinsamen Dach lassen sich verschiedene Künstler unter einem Qualitäts-Label versammeln, die alle vom Lebensgefühl dieser lebendigen und bunten Stadt erzählen.“
In der Kölner Südstadt hat sich Ursula Neumann in einem Atelier eingemietet. Hier finden auf Wunsch Beratungen statt, aber auch für Proben ist der Raum bestens geeignet. „Jeder Bereich alleine wäre mir zu wenig“, stellt sie fest. „Aber es ergeben sich auch tolle Wechselwirkungen!“ Als Unternehmensberaterin und Künstlerin in einer Person spricht sie die Sprache einer Zielgruppe, die dem klassischen Consulting eher distanziert gegenübersteht. Viele Probleme, mit denen ihre Klienten in die Beratung kommen, kennt sie außerdem aus eigener Erfahrung. „In der Entfaltung als Künstlerin habe ich selbst Blockaden erlebt, ich weiß wie das ist.“ Doch bei allem Verständnis: Als erfahrene Unternehmensberaterin weiß sie auch, dass sich Künstler nicht selten unter Wert verkaufen. „Dieses Bild der brotlosen Kunst finde ich ganz furchtbar“, sagt Ursula Neumann. „Das nicht zu akzeptieren, ist die Aufgabe.“ Sie stellt immer wieder fest, dass einfach nicht genug gefordert wird. „Dann heißt es wieder ‚Kannste nicht mal für mich Geige spielen?’, so als Freundschaftsdienst – und fürs Catering wird bezahlt.“ Künstlerin sein und gleichzeitig Unternehmerin – diese Balance zu halten, gelingt ihr selber gut. Die Selbstständigkeit erlebte sie als Riesenbefreiung. „Ich bin heute näher dran an mir selbst und an der Rolle, die ich im Beruf spiele.“ Ihr Ziel: Sich zwei gleich starke Seiten zu schaffen.
Der Plan von Heike Beutel und Anja Niederfahrenhorst sieht anders aus. „Wir setzen darauf, dass die Agentur wächst und wir uns nach und nach ganz darauf konzentrieren können.“ Mit ihrer Eventagentur „Künstler à la carte“ bieten die Theaterfrauen ein umfangreiches Repertoire an musikalischen und literarischen Programmen, aus denen der Kunde wählen kann. „Wir schneiden Programme aber auch ganz individuell auf die jeweiligen Wünsche zu“, erklärt die Regisseurin und Autorin Heike Beutel. „Von der Konzeption bis zur Probe bieten wir das ganze Paket aus einer Hand.“ „Und genau das war die Marktlücke“, ergänzt die Schauspielerin und Sängerin Anja Niederfahrenhorst. „Wir haben ein großes Netzwerk an Schauspielern, Tänzern und künstlerischen Mitarbeitern und können sehr schnell ein Event oder Rahmenprogramm auf die Beine stellen.“ Beide arbeiten nach wie vor in ihren Herkunftsberufen und unterrichten auch als Dozentinnen an Kölner Schauspielschulen. „Darüber haben wir einen direkten Zugriff auf den künstlerischen Nachwuchs.“ Die Geschäftsidee ist bei einer gemeinsamen Tasse Kaffee entstanden. „Und wir sind drangeblieben.“ Beide kannten sich schon lange aus der Arbeit am Theater. Unabhängig voneinander war das Bedürfnis entstanden, beruflich nochmal etwas Neues anzupacken. „Aber ich wollte es nie alleine machen“, sagt Heike Beutel, die ihre Regietätigkeit ein bisschen zurückgefahren hat, um sich stärker um die Agentur zu kümmern. „Wir ergänzen uns sehr gut.“
Organisationstalent und Kreativität brachten die beiden Künstlerinnen mit. Rentabilitätsvorschauen, Businesspläne und Kundenakquisition waren ihnen dagegen fremde Welten.„Wir haben uns deshalb Unterstützung von außen geholt.“ Über das Amt für Wirtschaftsförderung erhielten die Gründerinnen sowohl Beratung als auch eine finanzielle Förderung für das erste Geschäftsjahr. „Vieles läuft über Empfehlungen, aber natürlich müssen wir immer wieder neue Wege gehen, um potenzielle Kunden anzusprechen.“ Mit Hilfe üppig verstreuter Blütenblätter zum Beispiel, als Farbklecks auf der Kölner Mittelstandsmesse. „Dieses nach außen gehen, um sich und sein Unternehmen zu präsentieren, das haben wir erst lernen müssen“, stellt Anja Niederfahrenhorst fest. Der Neustart mit „Künstler à la carte“ hatte für sie etwas von Aufbruch und Abenteuer. „Am Theater ist man komplett fremdbestimmt und erfüllt die Visionen der Regisseure.“ Als Unternehmerin sitzt sie selbst am Hebel. „Ich genieße es inzwischen sehr, anderen schöne Rollen zu verschaffen und dabei selbst die Fäden in der Hand zu halten.“
Autorin: Gunda Achterhold
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