„Ich könnte doppelt so schnell reden, ehrlich"
Die Autorin Katinka Buddenkotte
Katinka Buddenkotte ist aus Groll auf einen Ex-Freund auf die Bühne gegangen. Gewann einen Preis, schrieb und las weiter, seit kurzem kann sie von ihren Texten leben. Gegen Schubladen wehrt sie sich. Es sei denn, sie macht sie selbst auf.
(aus: existenzielle 4/2007)
Auf die Frage, ob sie ein paar alte Texte mitbringen könne, folgt eine ellenlange Mail. Ihr schwane nichts Gutes, schreibt Katinka Buddenkotte. Ihre Bühnenkarriere habe zwar mit Poetry-Slam-Wettbewerben begonnen, indes, damit verdiene man KEIN GELD, sie betrachte sich als Autorin und Bühnenkünstlerin, ein schiefes Bild von ihr möchte sie dringend vermeiden, sei ein gebranntes Kind. Sie führt das aus. Der Eindruck: nett, aber nicht einfach. Kontrolle scheint ihr wichtig. Eine Einordnung, die ihr gewiss nicht gefällt.
Wir treffen uns auf der langen Kölner Theaternacht. Katinka Buddenkotte liest in den Hallen eines Heizkraftwerks. Die Frau mit den tomatenroten Haaren, die ihre Augen noch blauer scheinen lassen, trägt vor, wie sie als Komparsin in eine Wissenschaftsshow gerät und die Sonne spielen soll, wie sie sich vorstellt, nun Fernsehstar zu werden, „der weibliche Ranga Yogeshwar", und am Ende der Show frustriert sinniert, sich „die Eierstöcke zulöten zu lassen". Ihre dunkle Stimme hallt mächtig durch das Kesselhaus, die Zuhörer reagieren amüsiert, aber nicht ausgelassen; einige Pointen scheinen zu subtil, um ganz durchzudringen. Nach der Lesung steht Katinka Buddenkotte im Nieselregen vor dem Gebäude. Sie raucht hastig, ihr Blick weicht nicht den Augen des Betrachters, die Stimme braust los, als gebe es kein Morgen. „Ein Ex-Freund ist der Grund dafür gewesen, dass ich schreibe und auf der Bühne stehe." Der Ex habe ihr vor sieben Jahren gesagt, „wir haben keine gemeinsamen Hobbys" und mit diesen Worten Schluss gemacht, sie habe in ihrer Wut einen Brief über diese lächerliche Begründung geschrieben und einer Freundin vorgelesen, die habe sich halb tot gelacht und gemeint: „Katinka, den musst du vortragen." Zwischen den Satzfetzen lacht Katinka Buddenkotte kurz auf, mal hell und warm, mal düster und sarkastisch. Den Poetry Slam, bei dem sie den Brief vortrug, hat sie gewonnen.
Keine drei Minuten sind vergangen, Katinka Buddenkotte erzählt jetzt von Jobs in Call-Centern und bei der Drogenhilfe, um sich über Wasser zu halten. Seit vier Jahren habe sie eine eigene Steuernummer und sei über die Künstlersozialkasse versichert. „Richtig selbstständig bin ich seitdem", sie ballt die Faust. Von den Tantiemen ihres Buches mit satirischen Kurzgeschichten habe sie dieses Jahr ganz gut gelebt. „Vielleicht zum ersten und letzten Mal?" Sie entlässt die Frage in die Kölner Nacht, tritt die Kippe aus, hält den Augen-Blick und versetzt: „Ich könnte doppelt so schnell reden, ehrlich, habe aber gelernt, mich ein bisschen zu zügeln, für die Bühne." Für Gespräche in den Pausen bleibt keine Ruhe. Viermal steht Katinka Buddenkotte an diesem Abend im Rampenlicht, dazwischen will sie ein bisschen runterkommen. Zweiter Eindruck: herzlich, aber etwas scheu. Auf der Bühne geht sie aus sich raus, selbst wird sie sich später als „Bühnensau" bezeichnen. Weil ihr dort keiner reinreden kann?
Ein paar Tage später in einer Kneipe in Köln-Ehrenfeld. Ihre Haare sind genauso rot, die Augen genauso blau. Zum Glück ist es recht früh am Morgen: Katinka Buddenkotte ist nicht ganz so wach. Sie redet deshalb nicht ganz so schnell.
Schriftstellerin wollte Katinka Buddenkotte schon werden, als sie neun war. Sie habe geträumt, in einem Schloss in Schottland zu leben, zu schreiben und ihre Goldmünzen zu zählen. Zehn Jahre später ging sie dann davon aus, den Rest des Lebens am Strand zu verbringen. Sie hatte sich in einen Typen aus Los Angeles verliebt und wollte heiraten. „Zum Glück hat das nicht geklappt." Zurück in Deutschland, war sie 21 und fühlte sich „viel zu alt für alles". Sie begann nach einem Praktikum in Hamburg als Werbetexterin in Düsseldorf. Ein Jahr sei das gut gegangen, im zweiten habe sie gedacht „das, was ich hier in zehn, zwölf Stunden mache, könnte ich auch in zweien". Von der Sinnsuche erlöste sie der Freund, der über die fehlenden gemeinsamen Hobbys sinnierte. Dem ersten Poetry Slam folgten Dutzende weiterer Lesungen, in der Szene sprach sich der Name Buddenkotte rum.
Ihre Texte hält Katinka Buddenkotte persönlich bis intim, damit schütze sie sich vor Nachahmern, sagt sie; andererseits weiß man in ihren Geschichten nie, was ihrem Leben entnommen ist und was der Fantasie. Auch dadurch schützt sie sich. „Ich will ja nicht so einen komischen Seelenstrip hinlegen."
Der erste Milchcafé ist geleert, Katinka Buddenkottes Wortstrom fließt schneller. Ihr Selbstbewusstsein stockt, als sie keinen Verleger für ihren ersten Roman findet. Dabei habe sie auf der lit.Cologne gelesen, Lektoren hätten ihr Debüt in den Himmel gelobt. Katinka Buddenkotte hat die Absagen in einem wütenden Text verarbeitet, der in ihrem Erstling „Ich hatte sie alle" erschienen ist. Damals, sagt sie, „war ich am Boden". Aus dem Meer aus Zweifeln und Selbstmitleid zog ihre Mutter sie mit dem Satz: „Du darfst nicht erwarten, dass dein Toaster dir applaudiert, wenn du morgens aufstehst." Das Leben der jungen Frau als Künstlerin blieb holprig. Bloß nichts vom Toaster erwarten, sagte sie sich oft.
Als vom Geld die Rede sein soll, ein ungewohntes Bild: Katinka Buddenkotte denkt lange nach, bevor sie antwortet. „Gut, wenn man genug hat, um die Miete zu bezahlen, schlecht, wenn man es braucht, um sich Zeit zu kaufen, für sich oder für andere", sagt sie schließlich. Bis vor zwei Monaten hat die Frau in einer Kölner Musikkneipe für die dort auftretenden Bands gekocht. Im Moment verdiene sie mit ihren Auftritten (im Schnitt zwei bis drei pro Woche) und dem Buch genug, um sich auf die Kunst zu konzentrieren. „Das ist wunderbar", sagt sie, ihrem Drang nach Unabhängigkeit komme das entgegen. Andererseits entsprängen aus Gelegenheitsjobs skurrile Geschichten. So enden wie der Autor von „Fightclub", der nach seinem Beststeller ein Buch über seine Begegnungen mit Stars schrieb, wolle sie nicht. „Mir war es schon peinlich, als mein Bruder eine Frau kennengelernt hat, die meinen Namen kannte und wissen wollte, ob wir Geschwister sind."
Erfolg? Wieder hängt sie ihren Gedanken hinterher. „Gute Sache, man sollte sich aber nicht länger als ne Minute drauf ausruhen." Verkaufte Bücher seien ihr als Erfolgsindikatoren zu abstrakt. „Wenn ich von der Bühne gehe, das Gefühl habe, es gut gemacht zu haben und die Leute honorieren das, das ist für mich Erfolg." Um jeden Preis? Auf keinen Fall! Da fällt Katinka Buddenkotte die Geschichte ihres Kurzgeschichtenbuchs ein, das sich über 13.000 Mal verkauft hat, seit es im Dezember 2007 in der Sendung „Was liest du?" mit Jürgen von der Lippe vorgestellt wurde. Plötzlich hätten auch jene Verlage wieder angeklopft, die das Buch zuvor abgelehnt hatten. Als ein Verlag ein „himmelblaues Cover wollte" und noch ein paar Änderungen vorschlug, hat Katinka Buddenkotte abgelehnt. Mit Doppelzüngigkeit kommt sie nicht klar. „Mit Kritik kann ich mittlerweile einigermaßen umgehen - wenn sie fundiert ist."
Ein Rezensent hat die Münsteranerin als „Fräuleinwunder der Underground-Literatur" gepriesen. Ein dickes Lob, das für Katinka Buddenkotte einen kleinen Beigeschmack hat. In die Schublade für Frauenliteratur will sie nicht gesteckt werden. Ihre Schubladen möchte sie sich bitteschön selbst aussuchen. „Wenn ich höre, dass es ja ganz toll sei, dass ich eine Frau bin, denke ich: Oh Gott, bitte nicht!"
Wut? Diesmal kommt die Antwort schneller. Wütend ist Katinka Buddenkotte oft. Sie erzählt jetzt wieder von Verlagen, die wirtschaftlich denken müssten und daher Skripte nach oberflächlichen Kriterien auswählten. Viele talentierte Künstler bekämen dadurch erst gar keine Chance. Soziale Ungerechtigkeit ist ein ewiges Thema für sie. Nicht nur, weil viele ihrer Freunde arbeitslos sind oder nicht von ihrer Kunst leben können. Sie habe mal einen ganzen Abend über Hartz IV gelesen. „Was passiert, wenn ich dem Essensplan folge, der das Hartz-IV-Geld nahe legt? Wie lebe ich in einer Wohnung der vorgegebenen Größe? Da haben die Fakten fast gereicht." Die Frau guckt jetzt angriffslustig, arbeitslos gemeldet war sie am Anfang ihres Künstlerlebens selbst mal für ein Jahr. „Ich möchte mich nie wieder so ausgeliefert fühlen, lieber setz' ich mich bei Lidl an die Kasse." Medien, die über „die so genannte Sozialschmarotzer" berichteten - statt über die Abertausenden, die sich Mühe gäben, die jobbten, nach dem Studium Praktika machten und dennoch nicht von ihrer Arbeit leben könnten - findet sie „zum Kotzen".
Ihre Wut will Katinka Buddenkotte nicht nur aufschreiben und rausbrüllen. „Ich bin ja hier nicht auf ner Demo, ich suche nach Lösungen." Wenn Menschen ihr dabei zuhörten, wie sie ihre Wut kanalisiert, wie sie satirisch eine oberflächenfixierte Welt beschreibt und von einer besseren träumt, dann gehe es ihr gut, sagt Katinka Buddenkotte. Texte anderer Autoren lesen, für ein Stück auf der Bühne stehen, dass ein anderer geschrieben hat? Die Antwort kommt kugelschnell: „Ginge gar nicht. Ich bin ein Kontrollfreak, der immer bestimmen muss, was abgeht. Merkt man das nicht?"
Autor: Uli Kreikebaum
Zur Person:
Katinka Buddenkotte, geboren in Münster, lebte in Berlin, Hamburg, Los Angeles und Düsseldorf, bevor sie vor sieben Jahren nach Köln zog, um sich fortan als freie Autorin und Bühnenkünstlerin zu verdingen. Ihr zweiter Kurzgeschichtenband „Mit leerer Bluse spricht man nicht" erscheint im Januar 2009 im Muschel-Verlag. Ihr Debüt „Ich hatte sie alle" wird im nächsten Jahr von einem größeren Verlag neu aufgelegt. Folgen soll ihr erster veröffentlichter Roman - einen Verleger wird sie finden.
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