Lust auf rote Nase?

Clowninnen sind Expertinnen für menschliche Abgründe

Sie bringen Menschen zum Lachen und manchmal zum Weinen. Sie tragen eine rote Nase und doch die Seele nach außen. Drei Frauen aus der "Clownsarmee".



(aus: existenzielle 4/2008)

 „… wer die Trauer nicht verdrängt“

Die schweizer "Clownerin" Gardi Hutter

Gardi Hutter, Foto: Adriano Heitmann"Seit 33 Jahren arbeite ich als Clownerin, meine Geschichten sind eigentlich Alpträume. Waschfrau Hanna  ist stur, sie kämpft und strampelt und am Ende stirbt sie fast immer, zur Gaudi des Publikums. Sie stürzt in einen Waschtrog und ertrinkt, weil ihre Jeanne d´Arc-Rüstung sie hinunter zieht. Meiner Theatersouffleuse hingegen stößt das Schlimmste zu, das einem Menschen zustoßen kann: Sie wird vergessen.

Warum das lustig ist? Der Übertreibung wegen. Aber auch deshalb, weil Komik und Tragik zusammen gehören. Freude kann nur empfinden, wer die Trauer nicht verdrängt. Freude und Trauer sind ja im Körper nicht geschieden, sie haben ein gemeinsames emotionales Gefäß. Der Humor setzt dann ein, wenn man aus der Krise gefunden hat. Er braucht die Distanz. Mag sein, dass ich als Künstlerin Gefühle intensiver lebe, die Freude, aber auch die Krisen. Ich selbst kann nur lachen, wenn ich auch berührt bin. Clownstücke leben von der Emotionalität.

Meine Clownsfigur ist immer lustvoll bei der Sache, sie hat Freude am Dasein, und weiß um den Tod. Einer der wenigen Sätze, die sie überhaupt spricht, lautet: ‚Ich will nicht sterben!’ Den sag ich immer in der Landessprache und überall finden die Zuschauer diese Existenzkämpfe urkomisch. Zugleich rühr ich ihr Mitleid und spüre ihre Erleichterung, es besser zu haben als ich.

Mir tut es noch immer gut, Clownerin zu sein. Der Clown ist Erfinder seiner selbst, etwas ganz Eigenes, das finde ich sehr anziehend: diese unabhängige, freie Figur ohne Zwänge, ohne Anstandsregeln, ohne Moral, die auf naive Weise grausam sein kann, aber niemals bitter, vorwurfsvoll oder frustriert. Ob ich als Clownerin alt werden kann? Natürlich! Das ist ein sehr altersfreundlicher Beruf. Ich finde alte Clowns spannender als junge, sie haben eine verdichtete Ausstrahlung. Charisma.“

 

Ein Zirkuskind im Bauwagen

Sophie Bömer macht eine Ausbildung zur Clownin und Jongleurin

Sophie Bömer, Foto: Friederike Becker„Clownerie – das ist für mich auch etwas Politisches. Klinikclowns rütteln ja unter anderem an den starren Strukturen der Krankenhäuser, Clowns ohne Grenzen durchbrechen nationale Grenzen, die Clownsarmee spiegelt Obrigkeiten, ein Clown kann politische Themen ansprechen und durchspielen. Ich bin ein politischer Mensch. Als Clownin war ich bei Castortransporten und G8 Gipfeln unterwegs – all das hat mich sehr beschäftigt. Meine Eltern haben vor achtzehn Jahren den Kinder- und Jugendzirkus Barbarella gegründet und waren seither immer wieder mit Zelt und Bauwagen auf Tournee. Ganz oft stand ich auf unserer Bühne, während der Schulzeit habe ich eine Zirkuspädagogikausbildung gemacht.

Mit 16 Jahren war ich für drei Monate in Ghana, um Land und Leute kennen zu lernen und auch Zirkusworkshops zu geben. Inzwischen wohne ich sogar in einem Zirkuswagen, auf dem Wagenplatz der Uni Mainz, er ist rostrot, hat eine kleine Veranda und ist ziemlich geräumig, mein Freund Andi und ich haben genug Platz darin. Nach meiner Vollzeitausbildung zur Clownin werde ich bestimmt studieren, Politik und Pädagogik, um diese Bereiche in Workshops und Theaterarbeit zu verbinden. Bis dahin entwickle ich meine Clownsfigur. Strahlend, liebevoll, aufgeregt habe ich sie angelegt. Das ist ein sehr spannender Prozess, viel persönlicher als beispielsweise das Jonglieren vor Publikum. Man steht da manchmal nackt und verletzlich auf der Bühne, mit seiner ganzen Persönlichkeit. Ich glaube, sich zu zeigen, das macht stark für die Welt da draußen. Mein professionelles Hobby soll die Clownerie werden, vielleicht auch mehr. Auf keinen Fall will ich mal als Clownin vorm Autohaus stehen und Luftballons drehen, um Geld zu verdienen. 
Mein Freund Andi macht auch gerade seine Ausbildung zum Clown. Kann gut sein, dass wir irgendwann als Clownduo auftreten. Jetzt mach ich erst mal meinen LKW-Führerschein, damit ich meinen Zirkuswagen ziehen kann.“

 

Clownin für ungelebte Träume

Ulrike Simon ist Valentina Nappoletta

Ulrike Simon als Valentina Nappoletta, Foto: Ulrike Dammann„Valentina nimmt sich Dinge heraus, die ich niemals wagen würde. Sie ist keck und unbefangen und steht gern im Mittelpunkt, sie träumt davon, ein Opernstar zu sein, sie singt Arien. Sie rührt die Menschen an, so wie sie dasteht und singt, sie erinnert sie an ihre ungelebten Träume. Das ist das Besondere an der Clownerie: In einer Gesellschaft, in der das Scheitern nicht angesagt, bringt der Clown seine Unvollkommenheit auf die Bühne. Natürlich ist Valentina Nappoletta eine Kunstfigur, aber eine, die sehr viel mit mir und meinem Leben zu tun hat. Es war ein langer Prozess, diese Figur zu finden. Dazu gehört auch, schonungslos mit sich selbst zu sein, an die eigenen Grenzen zu gehen, das eigene Drama auf die Bühne zu bringen und es so zu übertreiben, dass andere darüber lachen können. Mit Valentina erlebe ich einen Teil von mir, der sich sonst so nicht entfaltet hätte.

Clown zu sein, ist kein leichtes Geschäft. Ich trete in Altenheimen und Kliniken auf, begleite Kinder-Clownstheater und stehe auf der Bühne. Ich würde nichts davon lassen wollen, aber mir schon eine andere Gewichtung wünschen, hätte gern mehr Zeit für die rein künstlerische Arbeit und die Entwicklung neuer komischer Figuren. Elvira Schraeder zum Beispiel ist eher zufällig entstanden. Die Auftraggeber brauchten für ihr Programm eine Putzfrau. Elvira ist verheiratet, Ende 40, sie arbeitet sehr ordentlich und würde auf keinen Fall schwarzarbeiten, das macht sie nicht – ihre Nerven geben das nicht her.

Ich bin eine Clownin, die die Nähe zu Menschen sucht, die Kontakt aufnimmt, die auch mal jemanden zum Tanzen auffordert. Nicht immer geht es darum, die Leute zum Lachen zu bringen. Sie zu berühren ist mir wichtig. Sie dürfen auch weinen, wenn ihnen danach zumute ist. Das war ein wichtiger Lernprozess für mich: Dass Heiterkeit und Nachdenklichkeit so eng zusammen gehören.“

Protokolle: Monika Goetsch



Frauen Wirtschaft News

Wa(h)re Freizeit

Business-Frauen in der Fitness- & Wellness-, Gesundheits- und Tourismusbranche sind am 9. Oktober zur 8. Women's Jobbuiling eingeladen. Schwerpunkt der internationalen Karrierekonferenz in diesem mehr...


Sternschnuppe für Birgit Palzkill

Der Inge-von-Bönninghausen-Preis wird am 10. September 2010 in Köln verliehen. Die diesjährige Preisträgerin ist die Sportsoziologin Birgit Palzkill. mehr...


Kredite für Unternehmerinnen? Im Internet geht's besser als bei der Bank

Frauen haben auf Internet-Kreditmärkten mindestens so gute Kreditchancen wie Männer - oft sogar bessere. Im Gegensatz dazu werden Frauen als Geschäftskundinnen von Banken noch immer mehr...


ANZEIGE



Neues von unseren Beraterinnen

Intensität und Macht mit Venus im Skorpion

Ab 8.9.10: Jetzt mit Leidenschaft, Herzblut und Intensität seine wirklich, wahren Ziele umsetzen mehr...

Gute und schlechte Nachrichten

Das ändert sich bei den Steuern mehr...

Kannst du mal eben?

Wie aus Freundschaftsdiensten ein Geschäft werden kann mehr...

Neu auf dem Marktplatz

Heidrun Lutz

4plus-marketingservice
Profil ansehen...

Birsel Küppers

Fuchs & Consorten Unternehmensberatung GmbH
Profil ansehen...

Cornelia Neumann

CoN-sultant Coaching & Controlling
Profil ansehen...