Kinder zu Unternehmern
Judith Wilske und ihr Kinder-Wirtschafts-Theater-Projekt
Projekte, die Kindern schon früh unternehmerisches Denken vermitteln wollen, gibt es viele. „Kinder zu Unternehmern“ der Hamburger Regisseurin und Ökonomin Judith Wilske ist anders.
(aus: existenzielle 2/2008)
„Wenn man das gekauft hat, kann man es schön verschenken und die Leute freuen sich!“, erklärt Özge begeistert und zeigt die bunten Paketchen. Das – sind sogenannte Überraschungskisten, gefüllt mit Süßigkeiten und Schmuck, den Özge, Yonca, Esmanur und Ebru gebastelt haben und nun gemeinsam unter dem Namen „WunderFlunder“ auf den Markt bringen wollen. Doch die Überraschungskisten sind nur ein Teil ihrer Angebotspalette. Selbstgemachte Bilderrahmen gehören ebenso dazu wie Party-Tassen und Teddyflaschen: Trinkflaschen in Teddybärenhüllen, die die neun- und zehnjährigen Mädchen aus Fellstoffen genäht haben.
„Was kann man denn hier machen?“
WunderFlunder ist eine der Unternehmens-Ideen, die sich im Rahmen des Projektes „Kinder zu Unternehmern!“ in Berlin entwickelt haben. „Globalisierung hat dazu geführt, dass viele kleine und mittelständische Unternehmen, die noch von Unternehmern selbst geführt werden, im Wettbewerb untergehen“, analysiert Judith Wilske, Hamburger Theaterregisseurin, diplomierte Ökonomin und Initiatorin des Projektes, die gegenwärtige Lage. Als Wirtschaftswissenschaftlerin hat sich Judith Wilske eingehend mit der Frage beschäftigt, wie ökonomische Prozesse die moderne Gesellschaft gestalten. Doch um die Welt zu begreifen ist das Theater für sie das bestmöglichste Mittel, auch um ökonomische Vorgänge zu verdeutlichen. „Theatrale Realität spitzt zu, kontrastiert oder führt zum Wahrnehmen von Handlungen.“ Dieses abstrakt-theatrale Statement wird konkret in Theaterprojekten wie „Why do you shop?“ oder ihrem Kinderbuch „Mein erstes Shopping Buch“. Jetzt ist Judith Wilskes neueste Unternehmung gestartet: In Anlehnung an Bertolt Brechts Theaterverständnis soll „Kinder zu Unternehmern!“ nun ein „neues Lehrstück“ werden.
„Was kann man denn hier machen?“, fragt das Mädchen, das vor dem Caravan aufgetaucht ist. Neugierig lugt sie ins Wageninnere. Das silbern glänzende „Kinder zu Unternehmern!“-Unternehmer-Mobil fällt auf. Jeweils zwei bis drei Tage steht es an unterschiedlichen Spielplätzen oder auf Schulhöfen. Die Tür offen, die Plakate leuchten weit. Unternehmerin werden? Wie geht das denn? Das Mädchen zieht die Nase kraus und überlegt. Gibt es eine Idee, die sie immer schon mal umsetzen wollte? Sie ruft ihre Freundin zu Hilfe. Hmm! Da wäre schon ein Gedanke, aber ... Einer der Spielleiter des „Kinder zu Unternehmern!“-Teams setzt sich zu ihnen an den Tisch, unterstützt bei der Klärung, ob die Idee, die da im Kopf herumschwebt, tatsächlich eine Unternehmensidee sein könnte, hört zu, fragt nach. Was möchtest du unternehmen? Was benötigst du, um es in die Tat umzusetzen? Wie wird dein Unternehmen anderen Menschen nutzen? Warum sollst du als Unternehmer ausgewählt werden? Die Antworten auf diese Fragen werden schließlich dokumentiert. Ob aufgeschrieben oder aufgemalt ist Geschmacks- bzw. Altersfrage.
Die Ideen der Kinder sprudeln
„Die Unternehmung entsteht durch den schöpferischen Akt“, zitiert Judith Wilske Erich Gutenberg, den Begründer der deutschen Betriebswirtschaftslehre. Und genau die Fähigkeit, sich darauf einzulassen, finde man kaum irgendwo so vorbehaltlos wie bei Kindern. Ob es darum geht, den Schnitt von Barbiepuppenkleidern so zu vergrößern, dass sie auch ganz normalen Frauen passen. Ob Papiertaschentücher mit Mustern und Ornamenten auf der Nähmaschine bestickt und als Kunstobjekte verkauft werden. Oder ob ein Weg gefunden werden soll, wie man Wolken anfassen kann. Die Ideen der Kinder sprudeln. Und alle haben ihren Raum im Caravan. Weil hier erst einmal alles möglich scheint und der Fluss nicht mit einem Das-kann-nicht-klappen-hochgezogene-Augenbrauen-Blick gestoppt wird. Wolken anzufassen wird ebenso als realisierbares Projekt an die Caravan-Wand geheftet wie die Idee vom eigenen Streetdance-Studio oder vom Tauchkurs mit Fischen. Wenn die Kinder das Unternehmer-Mobil verlassen, haben sie eine Aufgabe mit auf den Weg bekommen: Finde eine Möglichkeit, dich der Umsetzung deiner Idee zu nähern. In einem Unternehmer-Tagebuch sollen sie ihre Gedanken dazu festhalten, bis es in die zweite Runde geht.
Die Freiheit, fantastisch sein zu dürfen
Für den Berliner „Kinder zu Unternehmer!“-Workshop im April haben Judith Wilske und ihr Team insgesamt 11 Projekt-Ideen ausgewählt. 22 Kinder-Unternehmer treffen sich im Theater Hebbel am Ufer, das im Rahmen des Festivals „Palast der Projekte – zum Verhältnis von Theater und Ökonomie“ mit „Kinder zu Unternehmern!“ kooperiert. Die jüngsten Teilnehmer sind 7, die ältesten 12 Jahre als. Antonia mit den Barbiekleidern ist ebenso dabei wie Jaklina mit dem Traum, Streetdance zu unterrichten. Der Wunsch nach Wolken zum Anfassen hat sich leider in Luft aufgelöst. Zwei Wochenenden sollen die jungen Unternehmer an ihren Ideen arbeiten. Informationen werden gesammelt, Konzepte ausgefeilt: Wer ist meine Zielgruppe? Gibt es Interesse für mein Projekt/Produkt? Wie trete ich auf? Will ich Einnahmen machen? Und wenn: In welcher Höhe? Gelernt wird im Prozess und voneinander, nicht aus Fachbüchern. Was brauche ich an Material? An Räumlichkeiten? Die anderen Kinder sind Unterstützung und Anregung. Der Business-Plan kann warten, denn es um die Schöpfung. Um Kreativität. Um die Freiheit, phantastisch sein zu dürfen.
Ist es Theater? Ist es ein Spiel? Sind die Kinder Mitspieler? Schauspieler? Oder richtige Unternehmer? Klar ist das nicht. Geplant war zunächst, den Kindern in Anlehnung an die Initiative des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus Kleinkredite für ihre Projekte zu bewilligen. Doch auch Projekt-Finanzierung scheint Prozessen unterworfen zu sein. Wirtschaftsfördertöpfe haben sich der Idee „Kinder zu Unternehmern!“ verschlossen. Unterstützung kommt aus dem Kunst- und Kulturbereich. Den Kindern ist das egal. Sie kümmern sich nicht um Fragen und Vorbehalte, die auftauchen, wenn es nicht um Monopoly-Geld geht, sondern „echtes Geld“ ins Spiel kommt.
Treten Kinder aus ihrer Konsumentenrolle heraus, werden schnell Vokabeln wie Geschäftsfähigkeit und Volljährigkeit laut. Zwar dürfen Comic-Hefte oder Fußball-Sammelbilder gern von Kindern selbst gekauft werden, manchmal auch der neuste MP3-Player, „aber schon wenn ein Kind einen Lolli kauft, ist das der Abschluss eines Kaufvertrages“, sagt Judith Wilske. „Nur wird hier natürlich niemand nach Geschäftsfähigkeit fragen.“
Doch Kinder als ernst zu nehmendes Gegenüber jenseits der Konsumentenrolle? Als Unternehmer? Geht das nicht zu weit? Oder könnte gerade kindlicher Ideenreichtum gesellschaftlichen Stillstand verhindern? Ist das der Weg, der beschritten werden muss? Oder ist das die theatrale Realität, die zuspitzt und die Wahrnehmung schärft? Auch das kümmert die Kinder nicht. Sie sehen sich als potenzielle Unternehmer, ganz klar!
Unternehmer werden – ein Kinderspiel?
Nach den zwei Wochenenden heißt es dann: Vorhang auf! Im Scheinwerferlicht des Hebbel am Ufer sind Messestände aus Kartons aufgebaut. In einer Ecke schweben Barbiepuppen in Ballkleidern an der Decke, darunter steht Antonia mit ihren Entwürfen. Marcos Papp-Haifisch, der über seinem Stand „Tauchen mit Fischen“ installiert wurde, wirft einen bedrohlichen Schatten an die schwarze Bühnenwand. Dazwischen die Zuschauer des Lehrstücks – Eltern, Geschwister, Lehrer, Neugierige, Interessierte. Flanierend von Stand zu Stand. Der Schritt vors Publikum ist notwendig, um eine Idee auf den Weg zu bringen. Ein wichtiger Schritt für Schauspieler. Aber auch für jeden Unternehmer. Egal ob erwachsen oder nicht. Anton steigt mit dem Verkauf seiner bestickten Taschentücher gleich vor Ort ins Geschäft ein. Pablo steht ihm mit seinen Postkarten in nichts nach. Er hat sogar Briefmarken dabei. Die Kinder zeigen, erklären, begeistern mit ihrem Enthusiasmus. Sie sind heute in diesem Theater keine Schauspieler, sondern wirklich Unternehmer. Authentisch. Präsent.
Wie wird es weitergehen? Im Sommer wird das Unternehmer-Mobil mit Unterstützung des Kampnagel Theaters in Hamburg seine Runden drehen. Auch Münster steht auf dem Plan, hier in Kooperation mit dem Theater im Pumpenhaus. Die Projekt-Betreuungen in Berlin sollen in dieser Zeit weiterlaufen, erste Unternehmensgründungen im Herbst stattfinden. Dafür werden noch Sponsoren gesucht, die die Kinder unterstützen: finanziell, ideell oder handfest mit Material. Zwei Nähmaschinen für Antonias Barbiekleider sind bereits gespendet. Wie gesagt: auch das ist ein Prozess.
Mit ihren sprudelnden Ideen ist Judith Wilske selbst vielleicht das beste Beispiel für schöpferisches Unternehmertum bei „Kinder zu Unternehmern!“. Denn Schöpfung will mehr. Will sich weiterentwickeln. Vielleicht zu einem Kinder-Unternehmer-Haus? Oder zu einer Bank für Kinder?
Was würde Brecht dazu sagen? „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ So könnte es dann am Ende des Projektes stehen. Oder am Anfang des nächsten. Unternehmer werden – ein Kinderspiel? Vielleicht.
Autorin: Ilke S. Prick
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