Ein Theater ohne Zeigefinger

Barbara Kemmler und das cactus Jugendtheater

Jugendtheater ist mehr als Schauspielerei. Wenn Jugendliche auf der Bühne stehen, dann geht es immer auch um ihr eigenes Leben – das ist Programm im cactus Jugendtheater der Regisseurin Barbara Kemmler.



"Ein Kleid, das passt", cactus Jugendtheater Münster(aus: existenzielle 4/2008)

Zwei junge Frauen sitzen zusammen gekauert einander gegenüber, die eine schwarz, die andere weiß. Beide erzählen sie – gleichzeitig, die eine auf Deutsch, die andere auf Französisch. Sie erzählen von ihrem Lieblingskleid. Es ist zerrissen. Sie reden davon, wie sie allein auf einer dunkeln Straße gehen. Sie fühlen sich allein. Langsam kommt die Wahrheit zu Tage, es geht um mehr als das Kleid mit den Pailletten am Saum. Es geht um häuslichen Missbrauch. Schließlich brechen beide in Tränen aus. Ein beklemmender Moment.
Doch am Rand der Bühne sitzt eine, die lächelt, ja geradezu strahlt. Barbara Kemmlers helle Augen funkeln vor Freude und Stolz. „Wenn ich merke, dass meine Schätzekes Freude bei dem haben, was sie tun, dann bin ich glücklich“, sagt die Gründerin des Cactus Jugendtheaters in Münster und Regisseurin des Stücks „Ein Kleid das passt“. Die Schätzekes, das sind zwei deutsche und fünf kongolesische junge Frauen, die auf der Bühne über ihr Leben und ihre Lebensentwürfe sprechen, singen, tanzen. Sie alle stellen sich dieselbe Frage: Was passt (zu) mir?

Das Stück vom maßgeschneiderten Leben kommt daher wie ein Flickenteppich aus Szenen. Da sind Frauen aus Kultur, Wirtschaft und Politik, die von ihrem Werk und ihrem Leben berichten, man darf dem Gespräch zweier Frauen über Polygamie und Polyantri lauschen, um im nächsten Moment mitgerissen zu werden von dem rhythmischen Gesängen und Tänzen vom Volk der Luba und danach zu Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ dahinträumen. So bunt und verschieden diese Frauenthemen sind, alle Fäden laufen zusammen im Atelier von Madame Muamba, der Maßschneiderin. Welcher Ort könnte geeigneter sein, um über die Suche nach dem richtigen Leben nachzudenken als dieser? Am Ende haben alle ihr Kleid gefunden. Die Schauspielerinnen stellen sich vor, sie sprechen von ihrem Kleid und ihrem Leben. „Ein Kleid, das passt“, die bunte Collage aus Gesang und Tanz zwischen Kongo und Deutschland, ist kein alltägliches Stück und genau so ungewöhnlich ist auch seine Entstehungsgeschichte.

"Ein Kleid, das passt", cactus Jugendtheater Münster2007 reiste Barbara Kemmler mit drei jungen Schauspielerinnen und Kollegen nach Lubumbashi in den Kongo, um ein Theaterprojekt ins Leben zu rufen. Lange schon unterhält das Jugendtheater aus Münster gute Kontakte zu dem Verein für Straßenkinder „Mutoto Lubumbashi“, der Akrobatikgruppe „Mutoto Chaud“ und der auch dort ansässigen sozialen Einrichtung „Balou e.V.“ Nun sollte ein Theaterstück entstehen. Die deutschen Gäste führen Interviews mit Frauen und Mädchen in Lubumbashi, sie sprechen mit ihnen über ihr Leben, sie recherchieren, sammeln und tragen zusammen. Schließlich entsteht das Stück „Une robe à moi“, das in Lubumbashi vor insgesamt 600 Zuschauern aufgeführt wird. Als Barbara Kemmler wieder aus dem Kongo abreist, hinterlässt sie eine funktionierende Theatergruppe. Im August 2008 inszeniert sie das Stück in Deutschland neu und geht mit den Schauspielerinnen und Musikern aus Deutschland und dem Kongo auf Deutschlandtournee. „Es war eine harte, intensive und schöne Arbeit“, sagt Barbara Kemmler.

Die Regisseurin hat ihr eigenes Kleid längst gefunden: „Ich bin ständig überarbeitet“, sagt sie, „aber ich bin im richtigen Leben und das ist heute ein Luxus. Ich lebe in meiner Arbeit, sie passt einfach zu mir.“ Barbara Kemmler hatte mal einen anderen Lebensentwurf: Sie studierte Deutsch und Philosophie auf Lehramt. Nebenbei begann sie Theater zu spielen, wurde Mitglied einer Frauentheatergruppe und stellte nach einigen Workshops fest, dass Theater einfach besser ist. „Heute kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass ich Lehrerin geworden wäre. Das geht gar nicht.“ Sie spielte in vielen Projekten mit, experimentierte mit Tanz und Theater und gründete bald mit anderen Kollegen eine Theaterinitiative, aus der in Münster das Theater im Pumpenhaus hervorging, inzwischen ein renommiertes und international anerkanntes freies Theater.

Die Arbeit mit Jugendlichen entdeckte sie 1992. Barbara Kemmler erinnert sich noch genau: „Nach der Wende gab es jede Menge Rassismus. Das Thema war überall. Deshalb kam ich auf die Idee, das Stück ‚Katzelmacher’ von Rainer Werner Fassbinder mit Jugendlichen aufzuführen. Ich wollte kein Zeigefingertheater machen, sondern etwas, was die Jugendlichen aufmerksam macht.“ Das neue Projekt ging auf Tournee durch Deutschland. Was für Barbara Kemmler eigentlich als einmaliges Projekt gedacht war, entwickelte sich weiter. Als die Tournee vorbei war, wollten die Jugendlichen nicht, dass auch das Theaterspielen ein Ende fand.
Das war die Geburtsstunde des Cactus Jugendtheaters in Münster. Seit dieser Zeit inszeniert Barbara Kemmler Stücke mit Jugendlichen. „Wir wollen ihnen eine professionelle Umgebung schaffen, um Theater spielen zu können. Vor allen Dingen aber muten wir ihnen zu, dass sie Kunst machen können, aber auch, dass Erwachsene erkennen, dass Jugendliche Kunst machen können.“

"Ein Kleid, das passt", cactus Jugendtheater MünsterSzenenwechsel: „Luciana, Marten, Jacky, Alban ...“, die Jugendlichen stehen im Kreis, immer wieder sprechen sie sich mit ihren Namen an, tauschen die Plätze, drehen sich im Kreis. Es ist ein Singsang und eine verworrene Choreographie, die doch immer wieder aufzugehen scheint. Fast glaubt man, dass gleich ein Schlagzeug aus dem Hintergrund ertönt und den Rhythmus der Worte unterstützt. Jetzt mischen sich unter die Namen auch noch Farben, was das Geflecht aus Klang und Bewegung noch komplexer macht: „Jacky, pink, Luciana, türkis, grün ...“. Das Zuschauen ist verwirrend und langsam sieht man jedem einzelnen in der Gruppe Konzentration und Anstrengung an.
Es ist Montagabend und offenes Theatertraining. Teilnehmen kann jeder, der Lust am Theater hat, heute haben sich acht Jugendliche eingefunden. Alban Renz, Theaterpädagoge und Co-Leiter des Cactus Theaters, leitet das Training.
Jetzt ist der Ringelreim vorbei, alle atmen auf, lachen fröhlich und entspannen sich. Viele ähnliche Spiele folgen in den nächsten zwei Stunden. Erst zum Schluss üben die Jugendlichen an ihren Szenen, die sie gemeinsam einstudieren.

„Theater hilft koordinieren“, erklärt Barbara Kemmler. Theatertraining übt Disziplin,  Kommunikation und Interaktion in der Gruppe. „Die Jugendlichen lernen sich gegenseitig zuzuschauen, sich aneinander zu freuen und sie lernen: Ich bin wichtig. Hier hat jeder seinen Platz.“ Dass das nicht nur Utopie ist, wird sofort klar, wenn man der kleinen Gruppe um Alban Renz zuschaut. Alle haben ein freudiges Glühen auf den Gesichtern, sie schreien laut, springen herum, machen verrenkte Gesten, keiner hat hier Angst, sich vor dem anderen zu blamieren
„Bei Cactus vergisst man die Grenzen und die Unterschiede“, das ist Barbara Kemmler, die auch das interkulturelle Training leitet, sehr wichtig. „In erster Linie mache ich Theater“, sagt sie über diese Arbeit, „aber natürlich bin ich auch für die Jugendlichen da.“ Dann besorgt sie ihnen Praktika, redet mit Eltern oder der Schule. Theater als Mittel zu Integration und zur Förderung des Interkulturellen? Alban Renz sieht das mit gemischten Gefühlen: „Dass Kunst, Tanz und Theater alle Fragen der Erziehung lösen können, halte ich für zu viel erwartet. Die Jugendlichen müssen schon Interesse am Theater mitbringen, sonst hilft ihnen das nichts.“ Aber denen, die es interessiert, bringt das Theaterspielen scheinbar mehr, als nur die reine Hobbyfreude. Barbara Kemmler und Alban Renz beobachten, dass die Jugendlichen mit der Zeit oftmals besser mit ihrem Leben und der Schule klarkommen, zufriedener und koordinierter sind: „Ich denke, das kommt daher, dass Theater Mut macht. Es regt zur Auseinandersetzung mit sich und der Welt an“, sagt Alban Renz, „Konflikte können auch Stärken sein. Wenn ich lerne, mich mit ihnen auseinander zu setzen, dann gewinne ich. Ich lerne mich selber besser kennen und lerne, auf mich stolz zu sein.“ 
Dabei ist diese Konfliktarbeit nicht immer einfach, weder für die Theatermacher noch für die Jugendlichen: „Manchmal muss ich auch mit den ihnen kämpfen“, sagt Barbara Kemmler. „Es ist manchmal leichter, das Opfer zu spielen und seine Stärken zu verstecken, als seine Talente offen zu zeigen und sich das zu zutrauen.“ Da kommt es auch schon mal vor, dass sie mit den Jugendlichen über Szenen heftig diskutiert: „Mir ist es wichtig, dass jeder damit einverstanden ist, was wir machen.“ So entstehen Collagen. Da kann schon mal HipHop-Tanz neben klassischem Schauspiel stehen, alles ist hier erlaubt. „Ich fange mit vielen kleinen Bruchstücken an und setze sie zusammen“, sagt die Regisseurin. „Ich schmeiße mich in diesen Prozess und schaue, wo er mich hinführt. Früher dachte ich, dass das Schreiben und Inszenieren von Stücken logisch sein müsste, aber das ist es eben nicht.“

Heute im offenen Training wird zwar an keiner Theatercollage gearbeitet, aber trotzdem mit viel  Enthusiasmus gespielt. Die acht jungen Leute haben sich in Gruppen aufgeteilt und besprechen aufgekratzt, wie sie eine Szene, die sie gemeinsam erarbeitet haben, aufführen wollen. Es wird wild geschnattert, gestikuliert und dann wieder nachdenklich geschwiegen.
Die Trainings sind sozusagen die Talentschmieden von Cactus, wer sich hier durch besonderen Eifer und Talent hervortut, wird gefragt, ob er an einem der nächsten Stücke teilnehmen will. Aber nicht jeder, der mitmachen möchte, hat die Disziplin, es durchzuhalten. „Wenn wir mit zehn Leuten anfangen, dann können wir froh sein, wenn uns am Ende fünf bleiben“,  lacht Alban Renz. Auch Barbara Kemmler bestätigen das: „Man muss für das Theaterspielen schon infiziert werden, sonst hält man das nicht durch. Man muss Kritik und man muss die Konfrontation aushalten können.“

Ein dreiviertel Jahr oder auch länger dauert es, bis ein Stück schließlich auf der Bühne zu sehen ist. In der Zeit schreiben und proben Barbara Kemmler und Alban Renz mit den Jugendlichen mehrmals wöchentlich, in den Ferien und kurz vor der Aufführung sogar täglich acht Stunden lang. „Natürlich sagen wir den Jugendlichen, was sie erwartet und wir fordern sie auch“, erklärt Alban Renz und nennt damit wohl einen Grund, warum die jungen Cactus-Schauspieler und -Schauspielerinnen, die meistens noch zur Schule gehen, ihre Produktionen mit großer Professionalität und spürbarem Selbstbewusstsein auf der Bühne präsentieren.

Eine, die an diesem Montagabend mit besonders viel Motivation und Energie auffällt, ist  Luciana. Sie spielt auch in einer der neuen Produktionen von Cactus mit, in der es um Angst geht. Luciana kommt aus Buenos Aires, hat braune raspelkurze Haare, nur am Hinterkopf sprießt keck ein kleines Zöpfchen. Die Argentinierin ist dreißig Jahre alt und erst seit einem guten Jahr in Deutschland. Wenn Luciana sagt, dass sie sich in Deutschland einsam fühlt, weil die Menschen nicht so offen und kontaktfreudig sind wie in ihrer Heimat, dann wirkt sie ein wenig eingeschüchtert. Das ändert sich, sobald sie vom Theaterspielen redet. In  Buenos Aires habe sie auch schon gespielt. „Theaterspielen ist für mich mehr als ein Hobby, es ist eine Leidenschaft“, lacht Luciana. Wenn sie hier spiele, dann seien alle Alters- und Sprachunterschiede egal, dann gäbe es keinen Unterschied zwischen ihr und ihren deutschen, jüngeren Mitspielern.

Die Regisseurin Barbara Kemmler (re.)Luciana ist das beste Beispiel dafür, dass Barbara Kemmlers Arbeit funktioniert. Eine Arbeit, die neben der künstlerischen und interkulturellen Seite natürlich auch eine finanzielle hat. Cactus bekommt keine Regelförderung aus dem kommunalen Etat, die Arbeit lebt vom Anträge schreiben – und zwar in Hülle und Fülle. Wo auch immer es Förderprogramme gibt, die die interkulturelle Theaterarbeit mit Jugendlichen finanzieren, ist Cactus mit Anträgen dabei, denn je nach Produktion können die Kosten in die Zehntausende gehen, das bedeutet ca. fünf bis vier Anträge pro Produktion und das Werben von Sponsoren. Bei drei bis fünf Produktionen im Jahr kommt da schon einiges an Akquise- und Schreibarbeit zusammen. Wie viel ein Stück genau kostet, will man bei Cactus nicht sagen, dass hänge ganz von der Art und Größe der Produktion ab. Geld und Anträge – nicht das liebste Thema von Cactus und ein sensibles Thema allemal, darauf angesprochen macht Barbara Kemmler sich Luft: „80 Prozent meiner Arbeit verbringe ich mit Organisieren und dem Schreiben von Anträgen. Das ist eigentlich ein Skandal! Ich mache das wirklich gerne, es ist wichtig und wir brauchen das Geld auch. Aber manchmal wird es mir zu viel.“ Auch wenn das Anträge schreiben sogar helfen könne, die eigenen Stücke besser zu verstehen, da sie diese immer wieder beschreiben muss, die Wut über den enormen Zeiteinsatz ist zuweilen groß. „Ich kann nämlich zufällig auch richtig gut inszenieren und Theatermachen“, scherzt Barbara Kemmler, aber der aggressive Ton in der Stimme bleibt.
Die Leitung eines Jugendtheaters ist ein Fulltime-Job, für Barbara Kemmler immer ein Balance Akt zwischen Künstlerin und Geschäftsfrau: „Ich würde gerne noch mehr tun. Mein Wissen weitergeben auch über Cactus hinaus, vielleicht im interkulturellen Bereich. Für mich als Künstlerin ist es nicht leicht, wenn ich ein spannendes Projekt sehe und dann nichts machen kann, weil mir das Geld und die Zeit fehlen.“

Das Stück ist zu Ende, das Publikum klatscht, immer wieder johlt eine afrikanische Frau, die in der Menge sitzt. Die Darstellerinnen verbeugen sich und eine von ihnen weist immer wieder mit dem Arm in den hinteren Teil des Raumes. Barbara Kemmler sitzt nicht mehr am Bühnenrand, sie hat sich hinter das Publikum verzogen. Wenn man den Kopf reckt, dann sieht man wieder wie sehr sie strahlt. Dieser Moment ist voller Freude, nichts von Stress, Anträgen und Geldmangel ist hier zu finden. Bald ist der Applaus vorbei, das Publikum strömt aus dem Saal und Barbara Kemmler auf die Bühne. Es ist bereits 23 Uhr und es muss noch abgebaut werden, essen will man heute Abend auch noch und es wartet noch die Fahrt nach Hause. Anstrengung hat sich wieder in die Gesichtszüge von Barbara Kemmler geschlichen. „Ich lebe das eben intensiv. Das muss man nicht so machen, aber ich habe mich dazu entschieden“, sagt sie und zwar in einem Ton, der keinen Widerspruch provoziert.

Autorin: Julia Nüllen








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