Im Garten des Semikolons

27.07.2010, 20:54 von Ilke S. Prick

„Ich weiß auch nicht, wieso das immer wieder passiert", sagt meine Freundin. „Ich habe die Mail durchgelesen, bevor ich sie abgeschickt habe, bestimmt fünfmal. Und trotzdem!" Sie kneift die Augen zusammen, was weniger an der Sonne als an ihrer Verzweiflung liegt. Wir sitzen auf meinem Balkon unter dem rotweiß-karierten Sonnenschirm. „So ist es nun mal mit dem Internet", versuche ich sie zu trösten. „Ein schneller Druck aufs Knöpfchen und, schwupps, ist die Post schon in die Welt hinaus. Das geht allen so." 



Ich schiebe ihr noch ein Stück ofenwarmen Rhabarber-Baiser auf den Teller. „Aber diesmal war es wirklich wichtig", jammert sie und versenkt die Gabel im Kuchen, „und dann stelle ich hinterher fest, dass zwei Kommas und ein S fehlen."

Die Fehlerteufel lauern überall. Sie setzen sich grinsend auf die Tastatur, sobald der Rechner läuft. Sie springen herum zwischen der Enter- und der Entfernen-Taste und immer ist es das Gleiche: Zehnmal Lesen und trotzdem ist hier ein h zu viel und dort ein Anführungszeichen zu wenig. Da kann man so lange Schauen und Korrekturlesen wie man will. Man schafft es nie wirklich, ALLES richtig zu machen, obwohl man sich bemüht.

Und auch wenn man die Fehler bei anderen sieht, macht das Entdecken nicht wirklich Freude. Ich kannte mal einen Lektor, der mir gestand, dass er kein Buch nur so zum Spaß lesen kann, weil sein suchender Blick immer auf fehlende oder zu großzügige Interpunktion gerichtet ist. Und mit meinem cineastischen Bekannten, der jedesmal mitten im Film rief: „Siehst du, da hängt jetzt das Mikro im Bild. Ha! Der dritte Fehler in 50 Minuten!!!", gehe ich schon lange nicht mehr ins Kino, denn Vergnügen sieht anders aus. Es geht nun mal nicht fehlerfrei - nur leider merkt man das meist erst, wenn alles fertig ist. Bei anderen und bei sich.

„Weißt du", sagt meine Freundin, „es wäre doch klasse, wenn es einen Ort gäbe, an dem Satzzeichen wachsen. Einen Garten, in dem man sich bedienen kann, wenn einem etwas fehlt. Die Punkte wären wie Cherrytomaten. Man pflanzt sie als Setzlinge, wenn man einen Text beginnt, und mit der Geschichte gedeihen auch die Pflanzen. Am Ende gibt es lauter kleine rote Punkte, die vom Strauch genau dorthin fallen, wo sie fehlen." Sie klatscht sich einen Nachschlag Sahne auf den Teller. „Und diese verflixten Kommas wären wie Erdbeeren", ergänzt sie nach Weile und deutet auf meine gehegten und betüdelten Ableger. „Aus denen könntest du dann Marmelade kochen. Ein ganzes Kellerregal voll. Du hättest immer genügend Kommas vorrätig, auch im Winter."

Erdbeermarmelade, Foto: Maren Beßler / pixelio.de„Möchtest du etwas Wasser?", frage ich sie mit besorgtem Blick, denn es ist vielleicht doch etwas heiß auf meinem Balkon. „Nein, danke", sagt meine Freundin und fabuliert einfach weiter: „Wenn du dann ein Manuskript verschickst und schon vorher weißt, dass du dazu neigst, mit den Kommas zu schlampen, legst du deiner Lektorin einfach ein Glas Komma-Marmelade mit dazu. Die kann sie notfalls auf das Manuskript streichen und gut ist's." Sie seufzt. „Gut ist es wahrscheinlich auch so", beruhige ich sie, „denn eigentlich sollte es reichen, wenn es gut ist. Perfekt muss es doch gar nicht sein."

Und dann schweige ich. Und dann grübele ich. Und dann sehe ich ihn vor mir: den Garten der Interpunktion. Eine Hecke aus Anführungszeichen, ein Beet mit Doppelpunkten, gleich neben dem Kompost ein paar dornige Sträucher voll Fragezeichen und kurz vorm Gartenzaun eine ganze Allee von gut gewachsenen Ausrufezeichen. Besonders schön ist es, wenn sich die Klammer-Auf-Klammer-Zu-Blüten im Nachmittagswind wiegen und der Duft der Bindestriche leicht an Lilien und Muskat erinnert. Das würde gut zur Komma-Marmelade passen. „Aber was", frage ich nach einer Weile, „könnte wohl das Semikolon sein?" Ich schaue meine Freundin an, die versonnen lächelt: „Das Semikolon wäre natürlich sowas wie die Königin der Nacht. Selenicereus grandiflorus." Die Königin der Nacht. Ich nicke. Vermutlich hat sie Recht. Das Semikolon blüht im Dunkeln. Eine einzige Blüte, eine einzige Nacht. Denn wann braucht man schon ein Semikolon? So gut wie nie! Aber wenn man es dann mal benutzt ... Auch ich lächele.

„Siehst du", sagt meine Freundin, „nicht schlecht so ein Garten, oder?" Ich blicke auf meine verblühten Cosmea im Balkonkasten und die Kapuzinerkresse, von der ich mich schon lange trennen wollte, weil sie wie immer voller Blattläuse ist. Wie schön wäre es da doch mit Punkttomaten und einem Semikolon zur Nacht. Vielleicht ist das ja was fürs nächste Jahr.

 

Küchentipp der Woche: Wenn Sie nach dem Absenden von Briefen, Mails oder Manuskripten feststellen, dass da noch ein Fehler ist - ein vergessener Buchstabe, ein fehlendes Fragezeichen, verloren gegangene Anführungsstriche - reichen Sie dem Adressaten einfach den Link zu diesem Blogbeitrag weiter. Hier kann er sich nach Herzenslust an Satzzeichen und gern vergessenen Buchstaben bedienen:

 

,,,,,,,,,, ..... ; !!!! ?????? ---- ::: „" „" ssssss hhhhh nnnmmmm pbpbpbpb tttt dddd eeeeääää

 

Wenn Sie allerdings zu großzügig mit der Verteilung der Kommas und des Doppel-S gewesen sind, ist hier der Ort, an dem Sie selbst die überflüssigen Zeichen zur Weiterverwendung für andere deponieren können:






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19.08.2010, 12:12
genugda
kennnich!!! kennich!! kenich! *lach

10.08.2010, 14:35
Jutta Wendt
Ich hab grad schallend losgelacht!!!!!!!!!!!! *und viele übrige Rufezeichen in meiner Allee!!!* Grad heute passierte mir in einem - natürlich megawichtigen Mail! - auch so ein dummer Fehler. Über den ich erstmal entsetzt, dann wütend war. Und dann stolpere ich über den Artikel ... nun sitze ich nur noch grinsend da ... DANKE!

30.07.2010, 14:36
Pia Tischer
„Ohne unsere Fehler sind wir Nullen.“ sagte Arthur Miller (1915-2005) Ein dreifach donnerndes HOCH auf diese Kolumne!

28.07.2010, 15:58
Kai Heddergott
Hervorragend, ich habe sehr gelacht! So sieht's ja heute aus mit der Kommunikation... wobei ich mich immer noch wundere, warum die E-Mails immer noch fehlerhaft sind und sich daraus eine gewisse Geringschätzung ablesen lässt, obwohl doch alle E-Mail als ordentliches Instrument der Geschäftskommunikation akzeptiert haben und einsetzen... ist vermutlich eine tief verwurzelte Ablehnung des Elektronischen, die bricht sich dann unbewusst Bahn... ;-) Und hier noch mein Beitrag zum Mitgärtnern: ;;;;;;;;;----------.........:::::::: 's's's's's's


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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