Zimmer mit Aussicht

18.08.2010, 16:46 von Ilke S. Prick

„Ich habe sooo die Nase voll!", zischt meine Freundin, als sie ohne Ankündigung vor meiner Wohnungstür steht. Etwas verwundert schaue ich auf die Uhr, denn eigentlich hätte sie jetzt eine Verabredung. Hatte sie mir jedenfalls gestern noch gesagt. Und dass sie sich sehr freue, weil es eines dieser Kennenlern-Treffen sei, aus denen alles Mögliche entstehen kann. Berufliches und Privates. 



So ist das ja oft mit den Kreativen, in den besten Fällen zumindest. Man sieht sich, man ist sich sympathisch, man weiß noch nicht genau, was man miteinander anfangen kann. Man verabredet sich, tastet sich vor, klopft sich ab - Plauderei, Pläne, Projekte.

„Und wovon genau hast du die Nase voll?", frage ich also vorsichtig, während ich den Wasserkessel auf den Herd stelle und schon mal prophylaktisch in die Regalecke mit den Keksen für besondere Notfälle greife, denn so wie das Kinn meiner Freundin bebt, scheint dies hier ein ziemlich schwerer Notfall zu sein. „Wir saßen gerade mal eine halbe Stunde zusammen und haben uns eigentlich recht gut verstanden", sagt sie, als ich ihr die Kekse rüberschiebe, „da meinte sie plötzlich, dass wir mal zum Punkt kommen müssten. Sie hätte nur ein Zeitfenster von 13.15 bis 14.00 Uhr." Meine Freundin verdreht die Augen. „Ein Zeitfenster? Von 13.15 bis 14.00 Uhr? Für ein Treffen, wo es eigentlich noch keinen Punkt gibt, auf den man kommen kann?", frage ich irritiert. „Ja", nickt meine Freundin und krallt sich einen Keks: „Ich kann es langsam echt nicht mehr hören."

Foto: massgeschneidert / pixelio.deEs - das sind diese kleinen Worte, die wir immer wieder voll Verwunderung zur Kenntnis nehmen. Worte wie Zeitfenster. „Seit niemand mehr Zeit hat, gibt es nur solche Fenster", stellt meine Freundin fest. „Als ich damals Momo gelesen habe", seufzt sie, die wie ich mit den Geschichten von Michael Ende aufgewachsen ist, „dachte ich, das ist Fiktion. Aber da gab es ja auch noch Zeit ohne Fenster. Bin ich wirklich schon so alt, dass ich mich innerlich gegen sowas wehre? Dass ich mich frage, was das heißt: Zeitfenster? Ob man von draußen der Zeit ins Fenster schaut oder die Zeit von drinnen heraus?" Sie schnauft und nimmt sich den nächsten Keks.

Unweigerlich muss ich lächeln, denn ich kann nicht anders: ich stelle sie mir vor - die Zeit - wie sie jeden Morgen aufsteht, wenn ihr Wecker klingelt. Nie geht er vor oder nach, sodass es nie zu früh oder zu spät ist, sondern immer rechtzeitig. Die Zeit gähnt, rollt sich auf die Bettkante und wackelt mit den Zehen. Sie weiß noch nicht, was sie mit dem Tag anfangen wird. Sie lässt sich überraschen. Und das kann sie auch, weil sie das Wichtigste hat: Zeit. Sie schiebt die Vorhänge zur Seite, dünnes Leinen mit gelben Streublümchen, und öffnet ihr Fenster. Davor steht ein großer Apfelbaum, der blüht und Früchte trägt, alles gleichzeitig. Die Zeit lächelt in die Sonne und die Sonne lächelt zurück. Dann geht die Zeit ins Bad zum Zähneputzen.

„Was grinst du denn so blöde?", fragt meine Freundin, weil ich vermutlich gerade wirklich blöde grinse. Wenn ich nicht schreibe, spielen meine Synapsen einfach mit allem herum, was sich so an Reizen bietet - und das Bild von Frau Zeit, die in rosanen Badeschlappen zur Dusche wackelt, gefällt meinen Synapsen anscheinend sehr gut. Das Bild einer Zeit, die nicht nur Fenster hat, sondern ganze Räume - Zeiträume - und die ein Haus bewohnt, in dem man sie besuchen kann. Es riecht dort nach Sommer und frischem Gras, denn Frau Zeit lüftet sehr gern. Ihre Fenster sind weiter und länger geöffnet, als man sich gemeinhin vorstellt. Sie hat sogar eine Veranda und lädt jeden auf ein Stück Torte ein, der sich Zeit für sie nimmt.

Jetzt ist es meine Freundin, die auf die Uhr schaut. „Ich glaube, ich sollte dann mal wieder", sagt sie zögernd. „Warum?", frage ich. „Ich dachte, du hast außer dieser Verabredung heute nichts Wichtiges vor." Ich schaue sie an und sie zuckt unschlüssig mit den Schultern. „Habe ich auch nicht. Aber du doch sicher." Sie deutet auf meinen Laptop, der schon lange vom Pausenbild auf Standby umgeschaltet hat. „Hast du nicht übermorgen einen Abgabetermin?" Sie hat Recht. Natürlich. Habe ich. Ich nicke. Ich zögere. Dann lächle ich breit. Übermorgen ist übermorgen. Zwei Abende, zwei Nächte, anderthalb Tage. Zeit genug. „Wir waren lange nicht mehr zusammen am See", sage ich und der Blick meiner Freundin erhellt sich. „Stimmt!", nickt sie. Strahlend. Und bevor wir uns auf den Weg machen, öffne ich noch schnell meine Fenster. Lüften soll ja nicht das Schlechteste sein.

 

Küchentipp der Woche:
Wann haben Sie eigentlich zuletzt der Zeit nicht nur ein Fenster, sondern die ganze Tür geöffnet? Sperrangelweit ...






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05.10.2010, 23:39
Natalia
Wie geht\\\'s weiter mit Frau Zeit? Ich würde gerne mehr davon lesen! Und wo gibt\'s so eine super klasse Uhr?? :)

05.10.2010, 23:37
Natalia
Wie geht's weiter mit Frau Zeit? Ich würde gerne mehr davon lesen!

26.08.2010, 09:23
Martina Henn-Sax
....oh ja, wie oft ertappe ich mich beim "UND wie wollen wir nun verbleiben?".... Wie schön eines der Zeitfenster mit dieser schönen Geschichte zu füllen:-)

20.08.2010, 20:30
karin klug
danke für diese wunderschönen bilder, hab ich schon in mir abgespeichert ... für alle zeit :) karin

20.08.2010, 11:05
Jutta Wendt
Ich liebe diese kleinen Geschichten in der existenzielle und dafür findet sich immer ein kleines Zeitfensterchen :-) Vermutlich hab ich ähnlich blöde gegrinst, nur das mit dem See klappt heute nicht. Nicht weil es da kein Zeitfensterchen, gibt. Es ist zu kalt :-) Herzlichen Dank für diese schöne Geschichte und liebe Grüße Jutta Wendt


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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