Ich hatte einen Traum

05.02.2010, 09:25 von Ilke S. Prick

„Findest du das nicht ein bisschen dicke?", fragt meine Freundin, blickt von meiner Lesungsankündigung zu mir und rollt die Augen. „Warum?", frage ich zurück, als wüsste ich nicht, was sie meint. „Es ist gefühlig." Sie seufzt. „Es ist rührend." Tief. „ZU rührend!" Sie atmet so, als müsse sie gleich hyperventilieren, nur sicher nicht vor Rührung. „Aber es kommt von Herzen", versuche ich eine Ehrenrettung.



„Von Herzen?", wiederholt sie und schaut mich an, mitleidig, so wie man eine ABC-Schützin anschaut, die ihren Namen vor den Osterferien immer noch nicht richtig buchstabieren kann. „Das Herz ist nicht gefragt, wenn du professionell sein willst. Es sei denn", sie lächelt zynisch, „du schreibst einen Artikel über Kardiologie."
Natürlich weiß ich selbst, dass das mit dem Herzen eine Gratwanderung ist. Dass Profession und Passion keine eineiigen Zwillinge sind. Dass gerade Frauen immer wieder vorgeworfen wird, gefühlig anstatt professionell zu sein - und dass dieser Vorwurf manchmal leider seine Berechtigung hat. Natürlich weiß ich ebenfalls, was gefragt ist: Schnelligkeit, Biss und Humor. Für den Leser zwischen zwei U-Bahn-Stopps das Wesentliche auf den Punkt bringen. Und das noch mit Pointe. Klar weiß ich es. Was zählt sind neue Ideen, gute Recherchen und Distanz. Um Herzen geht es dabei wirklich selten. Und trotzdem ...

Zirkus Cabuwazi, Foto: Uwe Steinert/BerlinAls ich im Winter vor einem Jahr an meinem Zirkus-Roman gearbeitet habe, kam ich an eine Stelle, bei der mir klar war, dass mit den nächsten Sätzen die Handlung stehen oder fallen würde. Dass ich es irgendwie schon, naja, so einigermaßen hinbekommen könnte. Oder eben: wirklich gut. Für ‚wirklich gut' hätte ich aber mein Herz über den Zaun schmeißen müssen und meiner Hauptfigur sehr weh tun. Ich schätze, dass die wenigsten Autoren ihren Protagonisten gern schaden. Man verbringt dann doch viel Zeit miteinander und schätzt sich. Bei mir jedenfalls ist es so. Ich schlich also um meinen Computer herum. Machte Tee. Machte noch mal Tee. Suchte Kekse zum Tee. Suchte nach dem Lied von Georgette Dee, das mich beim Schreiben begleitete, seit mir klar war, dass wir beide, meine Hauptfigur und ich, nicht mit heiler Haut davonkommen würden. ... the way you lie so far away from all the spells of fairytales ... Ich sah es vor mir. Deutlich. Ja, ich müsste sie auf die Nase fallen lassen, ohne märchenhafte Unterstützung. Es ging nicht anders. Ich seufzte, setzte den Kopfhörer ab, machte noch einmal Tee, schmiss mein Herz über den Zaun - und schrieb.

„Du schickst die Einladung ja nicht nur an deinen engsten Kreis", bringt mich meine Freundin mit milder Krankenschwester-Stimme zurück auf den Boden. „Nein, tue ich nicht", nicke ich bestätigend. „Es gibt Dinge an denen das Herz hängt", zitiert sie den Text. „Glaubst du, das müssen alle wissen? Du musst dich echt nicht nackig machen. Angreifbar." Sie schüttelt den Kopf. „Du hast doch Routine. Für die anderen ist es auch nur eine Lesung im Zirkus." Nun bin ich es, die nach Luft schnappt.

Routine, klar. Routine kann ich. Ich habe routiniert über Migration berichtet und ebenso routiniert über grinsende Gebärmuttermünder fabuliert. Ich habe wissenschaftliche Analysen über Adoleszenz verfasst und durchaus professionell über Erotikshops geschrieben. Ich habe das alles gern gemacht. Ich habe Brotjobs erledigt, Abgabetermine eingehalten und fertige Texte sogar noch mal Korrektur gelesen. Natürlich kann ich Routine. Aber da ist auch noch etwas anderes im täglichen Einerlei. Etwas, das ähnlich ist wie ein Bernsteinleuchten am Strand. Und ebenso rar. Herzensprojekte.

Seit ich an jenem Abend das zehnte Kapitel beendet hatte und danach wieder den Kopfhörer aufsetzte, um noch einmal Inverness zu hören, träumte ich davon, es wirklich und real zu erleben: Das Zirkuszelt, die Kostüme, den hohen Handstand, den Augenblick auf der Kippe. Die Geschichte lebendig machen - davon träumen viele Autoren. Nur leider gehen Träume zwischen Brot-Texten und Steuererklärung, zwischen Professionalität und Unangreifbarkeit immer wieder verloren. Manchmal aber, in seltenen, guten Momenten, passen Dinge plötzlich zusammen, öffnen sich Türen, bieten sich Möglichkeiten. Dann beginnt das Herz zu hüpfen, vor Freude, vor Aufregung. Weil man genau das machen wird, was man machen will. Weil man einen Traum hatte. Und weil dieser Traum auf einmal Hände und Füße bekommt. Herzensprojekte - ohne sie wäre der Alltag, auch wenn man seine Arbeit gern und gut macht, auf Dauer ziemlich eintönig. Das Hüpfen des Herzens ist eine gute Kompassnadel. Und schließlich spricht ja nichts dagegen, auch Herzensprojekte professionell anzugehen.

„Du kommst doch trotzdem?", frage ich meine Freundin, obwohl ich ihre Antwort kenne. „Okay, na gut", sagt sie so cool wie möglich, „ich mach's für dich. Schließlich hängt dein Herz dran. Und außerdem", sie grinst breit, „muss dir ja irgend jemand die Packung Taschentücher reichen, wenn du vor lauter Rührung wegfließt." Ich nicke stumm und lächle heimlich, denn ich weiß genau, dass ich keines ihrer Tempos bekommen werde, weil sie spätestens dann, wenn das Licht ausgeht, nur die Scheinwerfer leuchten und aufgeregte Fünfjährige akrobatisch über Schaumstoffmatten purzeln, selbst an der Packung nestelt.

 

Küchentipp der Woche: Glauben Sie an Träume, rechnen Sie mit Wundern. Routine ist wichtig und gesund wie Vollkornbrot. Aber was wäre das Leben ohne Zuckerwatte? Auch der Arbeitsalltag braucht manchmal Konfetti und Zauberei. Erlauben Sie ihren Gedanken, einen traumhaften Salto zu vollführen, denn der Schwung, den sie dabei bekommen, wird nicht nur ihre Traumprojekte beflügeln.

 

Anm. der Redaktion (weil das literarische Ich und die Autorin in diesem Text viel gemeinsam haben):
Die Zirkus-Lesung von Ilke S. Prick findet wirklich statt
Am 28. Februar 2010, 16.00 Uhr im Zirkus Cabuwazi, Wiener Straße 59h, 10999 Berlin (Kreuzberg) gibt es eine zirzensische Lesung mit Seiltanz, Akrobatik und Zauberei.
Zum Schnuppern vorab zum Zirkus Cabuwazi

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10.02.2010, 09:12
Petra Schuseil
Liebe Ilse Prick, ich freue mich mit Ihnen über Ihr Herzensprojekt. Ja so soll es passieren, dass Träume zur Realität werden. Berufung, Beruf, Träume, Zufälle - liegt alles so nah beieinander. Wir müsssen nur die Augen und Ohren aufmachen. Ich bin gerührt und leider nicht in Berlin am 28.2. Viel Spaß.


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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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