Worte gegen Torte

19.02.2010, 08:32 von Ilke S. Prick

„Sag mal", säuselt meine Freundin und sieht mich an, „was macht eigentlich deine Homepage?" Die letzten Töne ihres Satzes schrauben sich unsanft in mein Ohr. „Homepage, ach ja", sage ich gedehnt und: „willst du noch einen Tee?"



Sie hält mir die Tasse hin und lächelt. Wie immer, wenn sie glaubt, mich ertappt zu haben. „Und?" Ihr Lächeln wird breiter, was nicht nur daran liegt, dass sie genüsslich einen Schokomuffin in ihren Mund schiebt. Sie hat mich ertappt. „Vielleicht dazu noch Kekse?", murmele ich und überlege, heimlich Unterschlupf in der Speisekammer zu suchen, was natürlich unhöflich wäre. Einfach die Tür von innen schließen, während der Besuch draußen auf die Beantwortung seiner Frage wartet. Allerdings beantwortet sich der Besuch die Frage schon selbst: „Wusste ich's doch - nichts macht sie, deine Homepage!" Meine Freundin schmatzt zufrieden.

Seit mehreren Monaten erzähle ich immer wieder, dass es sicher ganz wichtig wäre, wenn auch ich ... dass der Stellenwert des Internets in den letzten Jahren ja eindeutig ... dass da aber leider ganz viele andere Dinge ... Ich höre mir dabei selbst zu und streiche mir mitleidig über den Kopf, weil mir jedesmal, wenn ich sowas sage, klar wird, wie viel gute Ideen ich habe, aber wie schwer es doch ist, die auch alle umzusetzen, weil sich so viel anderes auf dem Tisch stapelt. Und darum komme ich auch gar nicht dazu, die Texte für meine Homepage zu schreiben.

„Du weißt aber, dass eine Internetpräsenz enorm wichtig ist?" Meine Freundin tupft mit der Fingerspitze Schokokrümel vom Teller. Ich nicke. „Dass das in der heutigen Zeit eine ganz elementare Art von Eigenwerbung ist?" Sie schielt auf die Mandeltaler, entscheidet sich dann aber doch für den Ingwerkeks. Ich nicke wieder. „Und dass du echt einpacken kannst, wenn du dich dem nicht stellst?" Sie nippt an ihrem Tee. Ich nicke erneut. „Wer nicht zu googeln ist, ist nicht vorhanden. So ist das heute nun mal. Nicht existent. Aus die Maus. Und basta."

Ich seufze. Natürlich weiß ich das. Und natürlich weiß ich auch, dass ich schon viel zu lange darüber rede, anstatt mich endlich dranzusetzen. Doch was bedeutet das: eine eigene Web-Präsenz? Ich habe doch schon genug Schwierigkeiten, mich in meinem realen Zuhause für eine passende Wandfarbe zu entscheiden. Obwohl das in meinem richtigen Leben bei weitem weniger Leute sehen als im weltweiten Netz. In meinem Internet-Zuhause ist das also noch viel komplizierter. Da kann ich nicht durch den Spion gucken, wen ich über die Türschwelle lassen will und wen nicht. Da klingelt niemand. Die kommen einfach alle rein, ohne Vorankündigung. Das will also überlegt sein. Mit den Tapeten. Mit den Farben. Mit dem ganzen Rest. Und überlegen kann ich gut. Gut und lange. Nun ja - vor allem lange.

„Das kann doch nicht so schwierig sein", sagt jedoch meine Freundin, für die nie etwas schwierig ist. Jedenfalls nichts, was mit mir zu tun hat. Bei ihr hingegen - aber das wäre ein anderes Thema. „Schließlich hast du das mit den Werbe-Texten doch auch schon für andere gemacht." Sie sieht mich herausfordernd an. „Schreiben, das ist doch dein Job!" Sie beißt in den Ingwerkeks und ich die Zähne zusammen. Schreiben ist mein Job - und genau das ist in diesem Fall das Problem.

Klar habe ich das für andere ganz gut hinbekommen. Habe die Historie von öffentlichen Einrichtungen fürs Netz hübsch in Worte verpackt wie Christo den Reichstag, Konzerte angekündigt und literarische Neuerscheinungen beworben, Künstlerbiografien für Webseiten aufgerüscht. Oh ja, und ich weiß auch, dass es genug Wege gibt, in einer biografischen Darstellung unter den Tisch fallen zu lassen, wie viele Studiengänge der Beschriebene NICHT abgeschlossen hat und das Ganze trotzdem so rüberzubringen, als hätte er Doktortitel. Zumindest einen. Aber bei meiner eigenen Biografie?

„Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich zu viel über mich weiß", seufze ich und gebe mich geschlagen. Ich starte eine lange Aufzählung der Dinge, die ich auf keinen Fall erwähnen möchte, obwohl sie vielleicht zu einer Vita gehören. Und dann folgt eine zweite Aufzählung der Dinge, die ich eigentlich gar nicht kann, obwohl ich sie können müsste, weil ich darüber ein Zeugnis, eine Bescheinigung oder ein Zertifikat habe. Als ich die nächste Aufzählung starten will, die den Titel „Gescheiterte Anläufe und wirkliche Misserfolge" tragen könnte, stoppt mich meine Freundin: „Wenn du so mies bist, warum um Himmels willen glaubst du, dass es Leute gibt, die deine Bücher kaufen?"

Sie sieht mich ernst an. „Aus Mitleid?", frage ich.
„Du bist unmöglich!" sagt sie und holt tief Luft: „Pass auf!" Und dann startet sie ihre Aufzählung. All die Dinge, die sie an mir schätzt. All die Dinge, die ich bisher gemacht habe. All die Dinge, die ich kann, auch wenn ich dafür vielleicht kein Zertifikat habe. Aus ihrem Mund hört sich das alles sehr gut an. So, wie mein Leben auch sein könnte. Wie es auch ist. Jedenfalls dann, wenn ich es nicht selbst beschreiben muss. „Ähm", räuspere ich mich, obwohl ich meine Freundin in ihrer Aufzählung nur sehr ungern unterbreche, „könntest du mir das vielleicht auch..." Ich wage nicht den Satz zu Ende zu bringen. „Schriftlich geben?", lächelt sie.

„Natürlich, gern! Also deine Vita und eine Auflistung deiner Qualitäten?" Sehr süß lächelt sie und ich nicke begeistert. „Soll ich auch erwähnen, wie gut du backen kannst?" Sie sieht mich unschuldig an. „Warum?", frage ich irritiert. „Naja", sie lächelt immer noch, „weil ich, wenn ich das für dich schreibe, nicht dazu komme, selbst für meinen Geburtstag zu backen. Schon gar nicht diese äußerst leckere norwegische Torte mit dem Baiser obendrauf und der Sahne-Vanille-Füllung, die du so gut kannst." Sie lächelt zuckergusssüß. „Erpressung", stöhne ich. „Ich würde eher sagen: Austausch von Fähigkeiten", korrigiert sie mich. „Und wenn wir schon dabei sind: Bitte eine Torte pro Text."

 

Küchentipp der Woche: Wenn Sie Schwierigkeiten haben, einen Text über sich und Ihre Qualitäten zu schreiben, fragen Sie eine Person Ihres Vertrauens. Der fällt dazu bestimmt etwas ein. Vielleicht können Sie ja auch backen oder sind ein Profi in der Urlaubsbetreuung neurotischer Katzen. Das muss nicht unbedingt in den Text, aber wenn die Person Ihres Vertrauens ihre Ideen für Sie auch noch schriftlich auf den Punkt bringt und demnächst Kuchen für ihre Geburtstagsfeier braucht - greifen Sie zu! Eigenwerbung heißt nicht, dass Sie alles selbst machen müssen. Worte gegen Sahnetorte. Warum denn nicht?

 

www.daswortlabor.de






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Geschichte wird zwar auf der großen Weltbühne aufgeführt – vorbereitet und geschrieben wird sie aber meist woanders: am Küchentisch. Zwischen Zitronenhuhn und Apfelkuchen werden Pläne geschmiedet und die Zukunft entworfen. Hier werden Zwiebeln geschält und Tränen getrocknet, Beziehungen und zerbrochenes Geschirr geklebt, Unternehmen gegründet, Quittungen sortiert, Einkommenssteuer- und andere Erklärungen gemacht, Pechsträhnen bejammert, Glückskekse geknackt, nächste Schritte besprochen und Erfolge gefeiert. Küchentische sind der Ort, an dem die kleinen Geschichten geschrieben werden, aus denen später große Geschichte werden kann.

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