Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?

Trauern und (neu) lieben

26.08.2010, 13:48 von Mechthild Schroeter-Rupieper

Heute Nachmittag fuhr ein Auto vor mir her. Auf der Heckklappe war ein Satz auf einem Aufkleber der Lebenshilfe zu lesen: „Es ist normal, verschieden zu sein." Eine Aussage, die sofort mein „Genau!" als Bestätigung  folgen ließ. Weil es stimmt! Auch in der Trauer. 



***

Gestern Vormittag war eine Frau Mitte 40 bei mir in der Praxis. Ihr Mann starb vor drei Monaten. Ein Mann, den sie geliebt hat - so wie Liebe gelebt wird. Aufregend, normal, spannend, verliebt, genervt, verärgert, überglücklich, mit Zärtlichkeit, mit Wut, gelassen, mit Sicherheit und Unsicherheit ...

Und diese Frau hat ihren Mann über Monate in seiner Krankheit gepflegt, sie hat Wochen mit ihm im Krankenhaus verbracht. Sie hat ihn dort gewaschen, beim Essen geholfen, sie hat mit ihm gesprochen, geweint, Mut gemacht. Als der Mann stirbt, ist sie mit dabei. Sie wäscht ihn und kleidet ihn an.

Gemeinsam gehen wir noch einmal in die Leichenhalle. Der Sarg ist geschlossen. In einem Ritual, das Erinnerungen aufleben lässt, verabschiedet sie sich dort noch einmal, bevor am nächsten Tag die Beerdigung ist.

***

Zehn Wochen später, also gestern Vormittag, sitzen wir bei einer Tasse Kaffee in den Praxisräumen zusammen. Gut sieht sie aus, hat wieder etwas zugenommen. Schminke und Frisur - es passt. Ich sehe, sie nimmt sich Zeit für sich. Sie sorgt für sich selber. Das ist gut.

„Ja, es geht mir gut - trotz des Todes meines Mannes", sagt sie. „Ich bin traurig, aber ich kann trotzdem lachen. Manchmal will ich alleine sein, besuche ihn auf dem Friedhof - und manchmal brauche ich jemanden zum Reden, über ihn, aber auch über alles andere. So: Gott und die Welt. Und ich merke: Mit seinem Tod ist eine Tür zugegangen. Und gleichzeitig ist eine andere aufgegangen. Ich bin nicht nur traurig. Es geht mir auch gut. Und ich bin jung, ich will ja auch leben. Mit der Traurigkeit, sicherlich. Aber auch mit dem, was mir gut tut. Na, und jetzt bin ich schon von den Hausnachbarn rechts und links angesprochen worden. Wie es mir ginge? Sie hätte mich draußen bei der Wirtschaft sitzen sehen. Das hat sie irritiert. Oder meine Freundin wird gefragt, warum ich denn nicht so traurig sei?"

***

„Und", sagt sie, „die werden noch mehr staunen! Weil ich nämlich jemanden kennengelernt habe, der mir total gut tut. Mit dem ich reden kann, bei dem ich weinen kann, der mich aber auch in den Arm nimmt. Bei dem ich Zärtlichkeit und Sinnlichkeit erlebe, wie selten zuvor. Was glauben Sie, was bei mir bald in der Nachbarschaft los ist?"

Ja, doch. Das kann ich mir vorstellen. Man wird darüber reden, urteilen. „Das macht man doch nicht!" „Das ist doch nicht normal!"

Haben Sie als Leserin auch schon einen Gedanken dazu im Kopf?
Das, was diese Frau erlebt, ist vielfältig. Es ist ihre Zeit der Trauer. Es ist normal. 

***

Sie erlebt gute Gedanken der Erinnerung, sie schließt aber in ihrer Erinnerung auch die schwierigen Zeiten der Beziehung nicht aus.

Eine normale Beziehung. Einfach klasse und manchmal kompliziert.

Oder gibt es jemanden, der bestimmt, was normale Ehe ausmacht? Ist normale Ehe nur glücklich oder nur schwierig oder kann es auch beides und noch viel mehr sein?

Sie hat ihren Mann gepflegt, hat ihn, nachdem er gestorben war, gewaschen. Ihn danach angezogen. Würdevoll verabschiedet.

Ganz normal für eine feste Beziehung. Normal für jeden? Seinen Mann/seine Frau waschen, lebendig oder tot? Zu küssen, lebendig oder tot?

Sie geht zum Friedhof, sie will alleine sein, sie sucht Gemeinschaft, sie trinkt ein Bier. Mit ihrer Freundin draußen in der Kneipe.

Ganz normal. Oder wer bestimmt an dieser Stelle, dass man in Trauer, egal zu welcher Zeit nur enthaltsam und traurig sein soll, keine öffentlichen Stellen aufsucht, kein Bier trinken solle?

Sie lernt durch Zufall einen Mann kennen, der ihr gut tut.

Normal, oder? Und ein Glück vielleicht dazu! Oder wer bestimmt, ab welchem Zeitraum man wieder nach neuer Partnerschaft schauen darf? Darf man das überhaupt?

***

Wer will bestimmen und sagen, was hier normal ist? Die Norm ist. Gesetz ist. Etwas, was jeder tun, woran sich jeder halten muss?

Ist diese Witwe normal?

Ja, das ist sie!

Denn sie lebt ihre Trauer in ihrem Leben. Sie ist nicht nur betrübt, sie erlebt gleichzeitig viele verschiedene Emotionen und Gedankengänge. Bekannte und unbekannte Situationen kommen auf sie zu. Und in dieser gefühlvollen Zeit ist sie vielleicht besonders empfänglich für Zärtlichkeit. Hat auch was mit Leidenschaft zu tun. Spannender Begriff, oder?

Eine Liebe, auch wenn sie vielleicht in dieser Trauerzeit nur vorübergehend ist, kann auch großes Glück bedeuten (so lange man nicht gedankenlos Partner „gebraucht", um sich abzulenken).

Wie viele Menschen fühlen sich in Krisenzeiten alleine, einsam. Vermissen Körperkontakt, Wärme, Zuwendung. Wie viele Menschen suchen nach einiger Zeit, Monaten, Jahren oder Jahrzehnten nach neuer Partnerschaft ... und finden niemanden? Ist es nicht ein Glück, wenn man in der Trauerzeit jemanden trifft, der einem mehr als gut tut? Ist es nicht normal, sich auch zu dieser Zeit in einen Menschen zu verlieben oder den man nur hin und wieder zum Reden trifft oder dass man Verabredungen erst mal gar nicht mag?  Oder mit dem man eine „Wartezeit" abspricht, um dann später zusammen zu kommen? Ist nicht alles normal?

***

Und, überlegen Sie weiter: wenn Sie jemanden kennen, der über die guten Gefühle anderer Menschen urteilt ... Ist das ein glücklicher, zufriedener und ausgeglichener Mensch? Oder jemand, der gute Gefühle, Zärtlichkeit, Leidenschaft gar nicht kennengelernt hat oder nie leben durfte? Schauen Sie mal genau hin, wenn Sie auf Menschen treffen, die die Norm-Bestimmer sein möchten.

Die Lebenshilfe sagt zu einem Leben mit behinderten und nicht behinderten Menschen: „Es ist normal, verschieden zu sein." Das gleiche gilt überall dort, wo Menschen miteinander leben. Bis hin zur Trauer.

Und noch ein Nachsatz: Wie würde „man" urteilen, die 46-Jährige wäre ein Mann gewesen?

Welche Normen gelten dann? Und wer legt die fest?

 

www.familientrauerbegleitung.de






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Plötzlich und unerwartet ... So sind Abschiede auch dann, wenn sie sich lange ankündigen. Plötzlich und unerwartet ... stellen sich Gefühle ein, die wir so nicht kannten. Plötzlich und unerwartet ... kommt ein tröstendes Wort, eine helfende Hand. Wie ist das mit dem Trauern? Wie mit dem Weiterleben, wenn Menschen gegangen sind - mit dem Tod oder einer schmerzhaften Trennung. Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. In ihrem Blog schreibt die Freiberuflerin von ihrer Arbeit, vom Trauern, vom Sterben, vom Trösten. Wann immer sie von Menschen erzählt, die sie begleitet hat, sind diese mit der Veröffentlichung einverstanden. Ihre Namen wurden geändert.

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