"... und von Huub Stevens, weil von dem ja auch Papa und Mama gestorben sind"
Wie Fußball beim Reden über Trauer hilft

In die Trauergruppen von Mechthild Schroeter-Rupieper kommen immer mal wieder prominente Menschen, die mit den Kindern und Jugendlichen über den Tod und die Trauer sprechen. Dass diese Gespräche mit den Fußballern vom FC Schalke 04 auch Kindern helfen können, die nicht dabei waren, das war der Trauerbegleiterin gar nicht bewusst. In einem Gespräch mit zwei östereichischen Jungs, deren Papa gestorben ist, hat sie es erlebt.
Letzte Woche Donnerstag bis Montag im Januar 2012 arbeitete ich für die Lehrerhochschule und das kath. Bildungswerk in Vorarlberg. Am Freitagmorgen lerne
ich Petra kennen. Sie ist als Spielgruppenleiterin und junge Witwe, Mutter
von zwei Jungs, sechs und acht Jahren, zum Vortrag erschienen. Ihr Mann ist vor
einem halben Jahr auf der Arbeit verunglückt, von zig Kilos Metall erdrückt
worden. Fehler auf beiden Seiten.
Sie berichtet, dass ihr ältester Sohn seit dem Todestag im September 2011 nicht
über den Vater, auch nicht über seine Trauer sprechen mag. Weil ich am Sonntag
hier frei habe, biete ich ihr an, dass sie mit den Jungs im Gasthof vorbeikommen kann.
Um 10.30 Uhr kommen die drei. Sebastian, der jüngere, kommt gleich auf mich zu. „Wohnscht hier? Wo ist dein Zimmer?", fragt er direkt. Er findet alles spannend. Simon sagt höflich „Hallo ...", obwohl er vorher seiner Mama gesagt hat, dass er nichts, aber auch gar nichts sagen wird. Wir gehen in die Gaststätte, haben einen Raum für uns. Wir bestellen Getränke, alle außer Simon. Genuss verweigert er ... wenn er schon „Hallo" sagen musste.
Ich erzähle kurz von mir und meiner Arbeit und frage dann die Jungs, was sie denn gerne machen. „Fußball spielen!" „Fußball? Kennt ihr Manuel Neuer?" Klar, den kennen sie. „Und woher?", frage ich. „Na, der spielt doch bei Bayern. Und früher bei Schalke. Und außerdem für Deutschland." Fachleute! „Papa war Schalke-Fan", sagt Simon, der Achtjährige. Da fahre ich als Gelsenkirchenerin nach Vorarlberg und treffe eine Familie in der Trauerbegleitung, die einen Bezug zu Schalke 04 hat. Es gibt keine Zufälle, oder? „Papa ist tot", sagt Sebastian, der Sechsjährige.
Ich erzähle ihnen von Manuel Neuer, dass er, sein Freund Sebastian und
Thomas von Schalke sich mit Jungs und Mädchen aus meinen Gruppen getroffen haben. ("Tränen können auch cool sein. Manuel Neuer zu Besuch bei den Kinder- und Jugendtrauergruppen") Dass auch demnächst einige Schalke-Spieler kommen werden, die sich trauen, mit
den Kindern über schwierige, aber auch gute Zeiten zu sprechen.
Dass Manuel erzählt hat, früher habe er auch nicht weinen wollen, auch nicht,
wenn es furchtbar traurig war. Aber jetzt würde er es machen, weil es normal
wäre und auch nicht peinlich. „Echt?" Simon ist sehr interessiert und sagt
direkt: „Bestimmt war er beim Spiel gegen Mönchengladbach auch sehr traurig ..."
Und dann kommen wir ins Gespräch, switchen immer zwischen dem Unfall von Papa, der Traurigkeit, über die Simon mit Mama „besser nicht" reden mag, meinen Fragen, Schalke 04 und Manuel Neuer hin und her.
„In Deutschland", erzähle ich, „haben fast alle Jungs und Mädchen Angst,
nachdem ein Papa gestorben ist, könnte die Mama auch noch sterben. Dass so
etwas wirklich geschieht, das ist zwar ganz ganz selten, aber wenn dir einmal
so etwas passiert ist, weiß jedes Kind genau: Der Tod kann jedem und überall
passieren. Ich weiß gar nicht, ob in Österreich die Kinder ähnlich denken."
Simon überlegt nicht lang. „In Österreich denken das die Kinder auch ..." „Und,
hast du das der Mama schon mal gesagt?" Ein Blick zu Mama, verlegenes Lachen ...
„Nein, das sagt man besser nicht." „Ok, aber jetzt weißt du, dass das fast alle bedenken und wenn
die Mama es jetzt weiß, dann könnt ihr doch überlegen, was ihr dann tun würdet,
wenn es wirklich mal geschehen würde." Der sechsjährige Sebastian blickt von
seinem Buch hoch, sagt: „Dann gehen wir zu Oma und Opa!" Simon nickt, dann
überlegt er noch mal und sagt: „... oder zu meiner Cousine, oder zu den Freunden
oder doch zu Oma und Opa ..."
Nun ist seine Sorge vorbei, die er seit September
hatte. Die Kinder bekommen von mir den Auftrag, gleich im Anschluss an unser
Gespräch die Großeltern zu fragen, ob sie für sie sorgen würden, falls Mama mal
nicht mehr da wäre. Ja, das wollen sie tun. Familien gibt es nicht nur in
Notfällen die Sicherheit, dass für sie gesorgt wird, wenn ein Unglück
geschieht. Es lebt sich damit leichter.
Was Simon und Sebastian machen, wenn sie traurig sind?
Sebastian geht zu Mama, weint etwas und kuschelt mit ihr. Simon hat nur bei der Beerdigung
geweint. Traurig sei er schon, aber da redet er ja nicht drüber, auch nicht mit
Mama. „Ja, aber jetzt tust du es, weil ich dir so viele Fragen stelle. Weißt
du, das ist ja mein Job, den Leuten Fragen zu stellen oder ihnen zu erzählen,
was andere denn so machen." Er nickt ...
„Kann man damit Geld verdienen?" interessiert ihn sofort. „Mit den Besuchen in den Familien nicht so viel, aber mit den Fortbildungen für Lehrer oder Ärzte, das ist schon gut." Simon grinst: „Ist ja cool."
„Mein Papa ist jetzt ganz platt!", kommt plötzlich wieder ein Kommentar von Sebastian, dem Sechsjährigen. „Hast du ihn gesehen?", frage ich. „Nein, aber da ist ja das ganze Eisen auf ihn drauf gefallen. Und jetzt ist er platt." „Nein", sagte die Mutter ganz ruhig. „Papa war nicht platt. Ich habe ihn ja gesehen. Da war auch nur etwas Blut zu sehen, Papa ist an den Verletzungen in seinem Körper gestorben." Und sie beschreibt, wie Papa danach aussah. Die Jungs hören gespannt, aber ruhig zu. Ah, Papa sah trotz des schlimmen Unfalls fast normal aus. Ein gutes Bild für den Kopf ... erst recht, wenn man bedenkt, dass die Kinder ein halbes Jahr ein Fantasiebild von einem zerquetschten Papa vor Augen hatten. Die Mama dazu nicht befragten, weil sie diese und sich selber nicht an das Unglück erinnern wollten.
Simon hat da noch eine Frage: Wie er denn auch mal nach Gelsenkirchen kommen kann, damit wir weiter reden können und er auch dabei sein kann, wenn Benedikt Höwedes, Lars Unnerstall und Ralf Fährmann die Kindertrauergruppen besuchen kommen, interessiert ihn. Dazu ist der Weg natürlich zu weit, aber wir vereinbaren, dass wir per Mail im Kontakt bleiben. Ca. alle zwei Wochen sende ich ihm eine Frage und er schreibt daraufhin zurück. Oder er schickt mir eine Frage, einen Gedanken zu. Dafür darf er auch an Mamas PC. Und ich würde zurück in Gelsenkirchen mal schauen, ob ich ihm einige Autogramme besorgen kann.
Dazu hat er auch schon eine Vorstellung:
1. Huntelaar, 2. Raul und 3. Huub Stevens, weil von dem ja auch Papa und Mama gestorben sind.
Und danach alle anderen Spieler, die Reihenfolge sei dann aber
egal.
Am nächsten Morgen erhalte ich eine SMS von der Mutter. „Vielen Dank für deine Zeit und dein Gespräch", schreibt sie. „Für Simon bist du jetzt eine coole Frau, die ‚nur' mit Reden Geld verdient, viel über Tote weiß, auch noch was von Fußball versteht und Superstars kennt ...! Ich konnte mit den Jungs gestern endlich über ihren Papa reden und ihnen abends ein Trauerbuch vorlesen. Herzlichen Dank für deine mitgebrachte Zuversicht, freue mich auf ein Wiedersehen - irgendwann, irgendwo ... Lieber Gruß und guten Rückflug, Petra"
Foto: Sonja Winzer / pixelio.de
![]()
Nachgedanke ...
Es ist den Fußballspielern, die unsere Gruppen besuchen, auch den Verantwortlichen im Vorstands- und Pressebereich sicher nicht bewusst gewesen, welche gewaltige Auswirkung diese Treffen für die Kinder und Jugendlichen haben, die „live" den Kontakt miteinander erleben. Auch für mich war das neu, und die weitere Wirkung auf betroffene Jungs und Mädchen, denen ich von diesen Begegnungen „nur" erzähle, sind so enorm, dass ich das hier mal dazu aufschreiben musste.
Ebenfalls die Besuche im Fußballstadion haben in der Trauerarbeit neben dem Sportereignis fast immer therapeutische Wirkung. Jubeln, aufstöhnen, sich die Augen zuhalten, sich in die Arme fallen, aufspringen, auf den Sitz runtersacken ... hier werden Emotionen frei gesetzt, die im Alltag - nicht nur bei Trauernden - so oft unter Kontrolle gehalten werden und hier gut sein und raus dürfen.
Danke an Schalke 04 und die Manuel Neuer Kids Foundation für die vielseitigen Möglichkeiten von Kontakten miteinander!
Tweet
zurück
19.02.2012, 20:31
Petra Schatzer
Die eigene Geschichte in einem offiziellen Trauerforum zu lesen, hat wirklich etwas besonderes...........die Begegnung mit Mechthild Schroeter-Rupieper war was besonderes............ So traurig es auch ist, wie verzweifelt und einsam ich seit dem Tod meines geliebten Roland bin, der im Alter von 46 Jahren von ca. 3,6 Tonnen im stehen erdrückt wurde, aber darüber zu reden und zu schreiben befreit meine Seele, die Worte die ich schreibe bringen mich lauthals zum Schluchzen, der Druck weicht von meinem Herzen.....und doch kommt die Einsamkeit wieder - wir waren doch 28 Jahre zusammen, sind durch dick und dünn gegangen, haben viel zusammen erreicht, haben uns gestritten und uns innigst geliebt, unsere Ehe war ein Abenteuer, nie langweilig, sehr spontan treu und scharf - er war die Würze in meinem Leben.......... und ohne die Würze, ist es nun ganz fad und einsam.......keiner mehr da, der dich innigst umarmt, keiner mehr da, neben dem du mit zerzaustem Haar und Wollsocken aufwachen kannst, keiner mehr da, der dich innigst küsst, dich liebt und mit dir "streitet", keiner mehr da, mit dem du neue verrückte Ideen, Ziele und Träume austauschen, diskutieren kannst...........es ist keiner mehr - Roland ist nicht mehr da!!! Dehalb schreib ich, denn es befreit meine Seele!!! Danke dir Mechthild und allen, die meine mails lesen und mit mir meien Traurigkeit fühlen und erleben!!! PETRA aus Vorarlberg
13.02.2012, 00:52
Sabine
Alle Kinder in Österreich und Deutschland und anderswo trauern ähnlich und brauchen hin und wieder Unterstützung von außen. Mütter und Väter und viele andere auch. Danke, Frau Schroeter-Rupieper, für ihre Gedanken und Anregungen! Ihre Sabine Sandner




