Ich kann ohne dich nicht leben!?
Gedanken zum Valentinstag

Gestern Morgen waren wir im Gottesdienst. Der Priester sprach über den Valentinstag. Den Tag für die Verliebten. Der Tag, an dem man sich zu seiner Liebe bekennt. Der Tag, an dem manche sagen: „Du bist mein Leben!" oder: „Ohne dich kann ich nicht leben."
Pam kommt mir in den Sinn, die ihren Mann, den kleinen Sohn und den Bruder bei einem Verkehrsunfall „verlor", die ich in dieser Woche kennen lernen durfte. „Ja, natürlich macht es mich immer wieder traurig. Ich vermisse sie. Aber ich weiß auch, dass der Verlust mit mir etwas gemacht hat. Mir etwas bewusst gemacht hat. Heute kann ich beten. Ich habe mich mit Karma auseinandergesetzt. Und ich spüre: Trotz des großen Verlustes: Ich liebe meine Töchter, ich liebe mein Leben. Ich kann wieder in meinem Haus tanzen. Und ich möchte das weitergeben. Ja, man kann wieder glücklich werden ... Aber, es bedeutet auch, zu trauern, zu arbeiten, sich - trotz alledem - zu mögen - und zu glauben: an einen Gott oder an eine Macht, ein Schicksal, eine Zukunft, einen Sinn. Denn ohne das wäre ich 'kaputt' gegangen."
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„Ohne dich kann ich nicht leben." Diesen Satz kenne ich aus meinem Alltag. Ich kenne ihn von meinen Kindern, nachdem eine große Liebe in die Brüche ging. Es war so traurig. Es schien so sinnlos. Ja, es fühlte sich hin und wieder so an, als könne man ohne die Freundin, ohne den Freund nicht weiterleben. Weil man mit großem Liebesverlust eine Weile keine Lebenslust spürt?
Ich kenne den Satz. Vor über 23 Jahren hat ihn der Freund meiner Arbeitskollegin zu ihr gesagt. Etwas anders allerdings: „Ohne mich bist du nichts." Na, er hatte Geld, kam aus einer bekannten Familie - „man" stellte was dar ... Die Arbeitskollegin blieb mit ihm zusammen, bis er dazu keine Lust mehr hatte. Sie fühlte sich wertlos, er sicher nicht seit dem „Schluss" der Beziehung.
Und ich kenne den Satz aus der Trauerbegleitung: „Ohne meinen Mann bin ich nur ein halber Mensch." „Mit meiner Frau ist ein Teil von mir gestorben. Ich fühle mich nicht mehr vollständig." „Ohne meine Tochter ist mein Leben nichts mehr wert."
Manchmal warte ich ab, manches bringt die Zeit. Aber manchmal frage ich nach: Wie war dein Leben vorher - bevor du diesen Mann, diese Frau, dein Kind „bekommen" hast?
Was hat dich ausgemacht? Was konntest/kannst du, was mochtest/magst du, was liebtest/liebst du, wovon hast du geträumt, was hattest du für Ideen, woran hast du geglaubt, an wen hast du geglaubt ...?
Es ist wichtig, zu wissen, wer ich selbst bin, was ich kann oder nicht kann, was mich ausmacht. Ob ich mal traurig oder glücklich bin, mich mal kleiner oder größer fühle, alleine oder vereint, ob ich an eine Idee, einen Sinn glaube oder einer Religion bewusst angehöre oder ...
Es ist wichtig, ICH zu sein. Mich als ICH, als MICH zu fühlen, egal wie.
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Würde eines meiner Kinder sterben und ich empfände: „Ohne mein geliebtes Kind bin ich nichts mehr?" Wäre ich in meinem Leben nur Mutter gewesen? ... und welche „Qualität" hätten meine übrigen Kinder?
Stürbe mein Mann und ich dächte: „Ohne ihn kann ich nicht leben ..." War ich nur die Frau an der Seite von ihm?
Ich bin glücklich mit „unseren" Söhnen, mit „unserer" Pflegetochter, mit „meinem" Mann. Ja, ich glaube, ich habe mit den Fünfen so richtig Glück gehabt (wir haben auch alle miteinander Arbeit hinein gesteckt ... von nichts kommt nichts :-)), sie bereichern mein Leben, mit ihnen fühlt sich mein Leben wertvoll an.
Ich will sie nicht missen, aber wenn es eines Tages so sein sollte, dann möchte ich dennoch nicht verkümmern, weil ich mich halbiert, wertlos fühle, ohne einen von ihnen nicht leben will - leben kann.
Das Gefühl wird vielleicht da sein, das werde ich erst mal nicht steuern können. Das kann eine normale Trauerreaktion sein. Aber meine Lebenshaltung heute, jetzt, hier, wird mir auch in der Trauer eine Basis sein.
Doch, ich kann und muss ohne dich leben. Vielleicht eine lange traurige Zeit. Aber ich bin etwas ohne dich: zum Beispiel traurig oder alleine. Und ich bin dennoch Mechthild Schroeter-Rupieper - mit dem was mich grundsätzlich ausmacht, mit dem, was ich verloren habe.
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WER sagt mir, dass ich eine lange glückliche Ehe haben werde? Das meine Kinder, ich selbst, meine Eltern ein gutes Alter erreichen werden? WER hat mir das versprochen, vielleicht verkauft?
WER sagt mir: Deine Kinder werden immer bei dir sein - oder: Deine Kinder sind dein Besitz, verliere sie niemals. Ach ja, was bedeutet verlieren? Sterben oder nicht mehr miteinander reden können oder ... es gibt vielfältige Verluste.
Und ... habe ich das, was ich „verloren" habe, vorher besessen? War es mein Besitz?
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Es kommt mir das Gedicht von Kahlil Gibran in den Sinn:
Deine Kinder
Deine Kinder sind nicht deine Kinder,
sie sind Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch dich,
aber nicht von dir,
und obwohl sie bei dir sind,
gehören sie dir nicht.
Du kannst ihnen deine Liebe geben,
aber nicht deine Gedanken,
denn sie haben ihre eigenen Gedanken
Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele,
denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen ...
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Es ist mir die ganze Zeit der Priester von heute morgen im Sinn, der da sagte: Jeder Mensch braucht eine Quelle. Es ist wichtig, dass diese Quelle nicht irdisch ist, dass es der Spirit des Menschen ist, z.B. die Religion.
Ja, das spüre ich ebenfalls in meinen Alltags- und Arbeitsbegegnungen, auch in mir selbst. Eine Quelle, die nicht irdisch ist, ist, wenn es für mich die richtige Quelle ist, unerschöpflich und hilft den Alltag zu bestehen. Es gibt noch weitere Dinge und Menschen, die für mich Quelle bedeuten können. Aber diese Dinge und Menschen sind irdisch, vergänglich, sie können mir in der Materie verloren gehen. Der Spirit, der Geist nicht. Diese Quelle ist unerschöpflich. Und ich glaube auch, dass niemand ohne diese Quelle, diesen Spirit eine Beziehung reich, gemeinsam und doch für jeden einzelnen einzigartig leben kann.
Mein Partner, meine Partnerin darf nicht meine grundsätzliche Quelle sein, sonst verbrauche ich sie und „vertrockne" ohne sie. Werde abhängig.
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Falk, neun Jahre, kommt mir in den Sinn (der auch lesen will, was ich von ihm hier schreibe):
Sein Papa ist vor vier Jahren gestorben. Er überlegt mit seiner Mama gemeinsam, ob wohl irgendwann ein neuer Mann für Mama, ein Ersatzpapa für die Kinder kommen wird. Den Gedanken findet er nicht schlecht.
Seine Mama hakt noch einmal nach: „Und Falk, es würde dir nicht so viel ausmachen, mich mit jemand weiterem zu teilen?" „Ach Mama", sagt Falk. „Weißt du, ich glaube, ich teile dann gar nicht. Ich meine, Mama, ich gebe dann doch nichts ab. Und du doch auch nicht. Weißt du, ich glaube, wenn der nett ist, dann wird unser Herz einfach etwas größer."
Valentinstag - ... wenn das Herz größer wird.
26.02.2010, 07:57
Mechthild Schroeter-Rupieper
Danke für die Rückmeldungen - Rückmeldungen freuen und interessieren mich immer. Diese "Quelle" war auch in der letzten Woche Thema, als ich Seminare zum Thema "Scheidung - Trennung" angeboten habe. Scheidungstrauer hinterlässt ähnlichen Schmerz wie Trauer beim Tod - und auch Sinnfragen. Eine Teilnehmerin erzählte dann noch von einem Einbruch, bei dem Familienschmuck gestohlen wurde, an dem viele Erinnerungen hingen. Heute hängt sie ihren Schmuck an der gleichen Stelle auf wie vor dem Einbruch. Ihr Mann hinterfragte das, aus Sorge, die Einbrecher könnten wieder kommen und die gleiche Stelle aufsuchen. Auch die Seminarteilnehmer waren überrascht. Die Frau stellte klar:" Ich habe nach dem Einbruch begriffen, dass ich mein Herz nicht an den Schmuck hängen darf. Diese gegenstände sind verlierbar, auch durch Diebe. Aber die Erinnerungen lasse ich mir nicht stehlen. Und meine Gewohnheiten und Lieblingsplätze, wo und was ich aufbewahre, auch nicht." Das fand ich an dieser Stelle auch noch bemerkenswert - schön, dass es den Platz für Kommentare gibt, auch für die Blogautorin. :-)
19.02.2010, 21:29
Christel Illmer
Liebe Frau Schroeter-Rupieper, Ihre Gedanken haben mich in meiner Meinung sehr gestärkt. Ich bin seit vielen Jahren in der Frauenarbeit tätig, und es ist immer wieder Thema: Ein eigenständiger Mensch sein! Frauen haben Schwierigkeiten sich nicht an den anderen, den sie lieben, zu verschenken und zu verschmelzen. Ein Abschied und ganz besonders ein Trauerfall wirft diese Menschen oft über lange Jahre aus der Bahn. Ich erlebe aber auch, dass Menschen alles festhalten wollen, nie bewußt das Loslassen üben, oft noch nicht einmal in kleinen Dingen. Loslassen heißt für mich heute auch Kontakt mit der Schöpfungskraft zu bekommen und Neues zuzulassen. Im Mai 2006 erfuhr mein Mann dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Im Februar 2007 ist er verstorben. Auf der Todesanzeige hatten wir einen Gedanken aus dem blauen Delphin: Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen, jemanden gehen zu lassen, wissen, wann es Abschied nehmen heißt, und nicht zuzulassen, dass unsere Gefühle dem im Wege stehen, was am Ende wahrscheinlich besser ist für den, den wir lieben. Ich habe Losgelassen, weil ich weiß wo meine Quelle ist. Ich habe auch einige Freunde/Ehepaare losgelassen, weil mein Leben heute mit Ihrem Leben nicht mehr übereinstimmt. Durch das Loslassen habe ich neue liebe Menschen gefunden. Alles hat seinen Sinn! Der göttliche Plan ist nicht immer mit meiner Planung eins, wichtig ist aber, dass ich mich von dieser Kraft getragen weiss. Liebe Grüße Christel Illmer
19.02.2010, 12:38
Beatrice
Liebe Frau Schroeter-Rupieper, herzlichen Dank für diese mich sehr nachdenklich stimmenden Gedanken. Ich habe vor 1 Jahr meine geliebte Mutter verloren und die auch gleichzeitig meine beste Freundin war. Mich hat es daher sehr berührt, wenn Sie schreiben, dass jeder eine "spirituelle" Quelle braucht und dass man niemanden besitzt. Obwohl es eben gerade beim Verlust der Mutter keine "Zeit davor" gibt, sondern eben nur diese ganz besondere Verbindung, die seit der Geburt besteht. Werde darüber weiter nachdenken, dass ich ja aber trotzdem nicht nur Tochter bin. Ich hoffe sehr, dass ich als FRAU wieder diese Lebenslust entdecken kann von der Pam spricht. In diesem Sinne danke ich Ihnen für die guten Impulse. Herzlichst Beatrice aus Wien




