„Mutter, nun wein doch nicht. Und zieh' mal was anderes an!"

Trauernde aushalten lernen

03.03.2010, 18:11 von Mechthild Schroeter-Rupieper

Manchmal verschlägt es einem die Stimme oder den Appetit. Manchmal kann die Kleidung nur noch schwarz sein und die Tränen fließen immerzu. "Ich weiß, ich soll nicht mehr so viel weinen", sagt die alte Frau in der Trauer um ihren Mann. Das finden auch die Kinder. Aber Trauer braucht einen Ausdruck. "Achten Sie darauf, immer genügend Taschentücher dabei zu haben."



***

Frau Patzke ist 83 Jahre alt, seit 2 Monaten Witwe. „Plötzlich und unerwartet" verstarb ihr 83-jähriger Mann. Plötzlich und unerwartet für Frau Patzke, da ihr Mann sein Leben lang gesund war. Über 60 Jahre waren sie miteinander verheiratet gewesen. Jede Nacht stand er auf, ging zur Toilette und anschließend in die Küche, um etwas Süßes zu naschen.

Frau Patzke hatte ihm jeden Abend einen kleinen Teller fertig gemacht. In der tragischen Nacht erlitt Herr Patzke eine Hirnblutung und stürzte auf den Küchenboden. Er war nicht mehr ansprechbar. Seine Ehefrau rief die Feuerwehr, die ihn in das nächstgelegene Krankenhaus brachte. Dort starb Herr Patzke vier Tage später, ohne das Bewusstsein zurück erlangt zu haben.

***

Frau Patzke trauerte. Sie weinte bitterlich um ihren Mann, sie zog schwarze Kleidung an und musste ununterbrochen an ihn denken. Sie hatte keinen Hunger mehr und nahm an Gewicht ab. Dazu hatte sie Bluthochdruckprobleme mit Herzrasen, außerdem litt sie unter Heiserkeit.

Foto: pixelio/ Albrecht E. ArnoldIhr Hausarzt führte die Krankheitssymptome auf die akute Trauer zurück und riet der alten Dame, in der nächsten Zeit nicht den Friedhof aufzusuchen. „Sie sind im Moment psychisch instabil, es wird ihnen nicht gut tun, das Grab aufzusuchen." Frau Patzke hielt sich an diesen Rat mit der Gewissheit, der Arzt wisse, was für sie gut sei.

***

Der Sohn von Frau Patzke kümmerte sich liebevoll um seine Mutter. Er telefonierte mit ihr mehrmals am Tag, holte sie, wenn es ihm möglich war, in seine eigene Familie zu Besuch. Auch die Schwiegertochter und Enkelkinder waren besorgt um die Oma.

„Mutter, nun wein doch nicht! Du hast doch uns!", sagte ihr Sohn besorgt und in manchen Stunden hilflos zu ihr. Er brachte sie auch zur Hals-Nasen-Ohren-Ärztin, als ihr - ohne dass es sie schmerzte - die Stimme versagte.

Die HNO-Ärztin erklärte Frau Patzke, dass sie nach einer gründlichen Untersuchung vermute, die Ursache der schweren Heiserkeit, des Versagens der Stimme habe die Ursache in ihrer großen Trauer. „Manchmal verschlägt es einem die Stimme", sagte sie.

Noch am gleichen Tag vereinbarten Mutter und Sohn einen Termin mit der Trauerbegleitung.

***

„Ich weiß, ich soll nicht so viel weinen", flüsterte die alte Frau. „Aber ich kann doch nicht anders ..." „Mutter", fügte ihr Sohn hinzu, „vom Weinen wird doch alles viel schlimmer. Vater hätte das gar nicht haben wollen." Zu mir gewandt, meinte er: „Wissen Sie, wir haben Mutter schon gesagt, sie soll sich auch nicht mehr schwarz anziehen. Das macht sie doch nur trauriger." Die Mutter nickte dazu, weinte leise in ihr Taschentuch.

Im folgenden Besuchsgespräch ging es darum, deutlich zu machen, dass das Weinen, die Appetitlosigkeit, die Heiserkeit normale Reaktionen der Trauer seien.

„Sie dürfen weinen, so viel sie möchten, so lange ihnen danach ist. Achten Sie nur darauf, immer genügend Taschentücher dabei zu haben, um die Tränen abzuwischen und die Nase putzen zu können.
Kleiden Sie sich weiterhin, wie Sie sich gerne anziehen möchten. Und, wenn Ihnen nach Schwarz ist, weil Sie so fühlen oder es für angemessen halten, dann machen Sie das so. Auch der Hunger wird wiederkommen. Dass er jetzt nicht da ist, ist auch normal. Ihr Körper macht Ihre Sehnsucht deutlich: „Warum soll ich essen und damit stark werden, wenn ich nur noch vermisse, sehne, traurig bin ... bei ihm sein möchte ..."

***

Frau Patzke traf ich zwei Tage später wieder. Wir hatten uns für einen gemeinsamen Friedhofsbesuch verabredet. „Ja, was soll ich denn anziehen?" hatte sie mich vorher gefragt. „Ziehen Sie die Kleidung an, in der Sie sich wohlfühlen ... oder worin Ihr Mann Sie immer gerne gesehen hat."

Frau Patzke trug ein schwarzes Kostüm mit einer weißen Bluse darunter. Wir suchten in der Gärtnerei Gerberas aus. Blumen, die ihr Mann ihr immer mitgebracht hatte. Eine Kerze hatten sie von zuhause mitgebracht. Als wir uns dem Grab näherten, machten wir unterwegs eine kleine Pause auf einer Bank. Zum Erzählen und Ausruhen. An der Grabstelle fing Frau Patzke feste und bitterlich an zu weinen, um dann das Vater Unser laut zu beten. Wir beteten gemeinsam und sie sprach mit ihrem Mann. Sie erzählte mir von der Beerdigung. Wir sahen das Sonnenlicht, das durch einen großen Baum glitzerte. Es war - trotz der Traurigkeit - ein schöner Ort, an dem ihr Mann beerdigt worden war. Als wir gingen, hatte Frau Patzke schon den Gedanken, am kommenden Sonntag mit einer Freundin den Mann zu besuchen und hinterher im kleinen Café gegenüber des Friedhofs eine Tasse Kaffee zu trinken.

„Ja, es ist traurig", sagte sie. Und so war es auch.

***

Das  nächste Mal besuchte ich Frau Patzke drei Wochen später. Ihre Stimme hatte sich normalisiert, sie trug ihre schwarze Kleidung. Nein, die Fotos habe sie von ihrem Mann noch im Schrank liegen, die könne sie sich noch nicht anschauen. „Aber wenn ich sie raushole, dann stelle ich eine Kerze davor." Zwei Kilo hätte sie wieder zugenommen, das Essen falle ihr nicht mehr so schwer. „Und wissen Sie, ich muss immer noch weinen. Aber das darf ich ja."

Regelmäßig traf sie sich im Seniorencafé mit anderen älteren Frauen und Männern. Diese Treffen waren ihr in dem Alleinsein wertvoll geworden. „Aber manchmal bin ich froh, wieder alleine in der Wohnung zu sein, um nachdenken zu können und meine Ruhe zu haben."

Auch ihr Sohn und die Schwiegertochter waren gelassener geworden. Ein wenig gefühlte Verantwortung der Trauerbegleiterin abgeben und selber festzustellen, dass der Mutter tatsächlich durch das Weinen nichts „Schlimmes" passiert.

... und: mit der „Erlaubnis" zu weinen, weint man in der Regel weniger und setzt sich keinem oder kaum einem inneren Druck aus.

Probieren Sie das aus, wenn Sie mal in so einer Situation sind ... und gestehen Sie es auch anderen zu.

 

www.familientrauerbegleitung.de






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29.05.2010, 23:31
Mechthild
Liebe Monika es tut mir leid, dass es dir schlecht geht, weil dein Mann gestorben ist. Egal, ob du sagst, er war gut für dich oder auch manchmal sehr schwierig...ich glaube dir, wenn du sagst, so oder so - fehlt er dir! Das wird auch so sein, und wie gut, dass es die Tiere gibt. Manchmal braucht man jemanden, bei dir sind es die Tiere, die einen in der Situation erst mal überleben lassen. Liebe Monika, wenn du magst, schreib eine E-Mail an mich unter info@familientrauerbegleitung.de. Dann können wir weiter austauschen, ja? LIeber Gruß, Mechthild Schroeter-Rupieper

18.05.2010, 09:56
monika weelinck@googlemail.com
mein name ist monika mein lieber mann ist vor einen halben jahr gestorben ohne meine tiere wäre ich lange nicht mehr da habe meinen mann jahre gepflegt obwohl er sehr aufbrausend war und ungerecht war seine 3frau keiner hat seine art ertragen ich habe es hingenohmen über 20 jahre und er fehlt mir werde immer dünner 45kilo bei 1meter 65 körpergrösse mag nicht mehr aber muss wegen hund und 2kater bin alle 3tage auf den friedhof nun gut wollte es nur mal loswerden gruß monika

02.04.2010, 18:20
Agnes Hümbs, Ethik Consult
Liebe Frau Schroeter-Rupieper, Sie schreiben wunderbar entspannte Texte. Ich glaube, wenn der erste akute Schmerz gegangen ist, dass Trauer dann entspannen kann. Übrigens habe ich die Beobachtung gemacht, dass Menschen, die z. B. an Krebs erkrankt sind, in ihrer Rekonvaleszenz ebenfalls Trauerprozesse durchmachen. Für alle Trauernden ist es oft hilfreich, sich unter ihresgleichen eine Auszeit zu nehmen. Eine gute Adresse dafür ist "Zwischenzeitreisen". Sie nehmen nur Menschen in schwierigen Lebenssituationen mit und bieten passende Workshops und Seminare an. Beste Grüße Agnes Hümbs, Ethik Consult www.ethikconsult.de www.gesund-mit-krebs.de


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Plötzlich und unerwartet ... So sind Abschiede auch dann, wenn sie sich lange ankündigen. Plötzlich und unerwartet ... stellen sich Gefühle ein, die wir so nicht kannten. Plötzlich und unerwartet ... kommt ein tröstendes Wort, eine helfende Hand. Wie ist das mit dem Trauern? Wie mit dem Weiterleben, wenn Menschen gegangen sind - mit dem Tod oder einer schmerzhaften Trennung. Mechthild Schroeter-Rupieper ist Trauerbegleiterin. In ihrem Blog schreibt die Freiberuflerin von ihrer Arbeit, vom Trauern, vom Sterben, vom Trösten. Wann immer sie von Menschen erzählt, die sie begleitet hat, sind diese mit der Veröffentlichung einverstanden. Ihre Namen wurden geändert.

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