Kannst du mal eben?
Wie aus Freundschaftsdiensten ein Geschäft werden kann
Drei Uhr morgens – „Nachricht erfolgreich versendet“, meldet Sabines E-Mail-Programm. Pünktlich wird ihr Kommilitone beim Aufstehen die Power-Point-Präsentation im Postfach finden, damit dürfte er seine Abschlussarbeit erfolgreich verteidigen können. Es war die dritte Präsentation diese Woche, die dritte durchwachte Nacht, aber müde fühlt sie sich nicht – eher elektrisiert. Was, wenn ihr Freund Recht hat, und sie für diese Hilfsdienste tatsächlich Geld nehmen könnte?
Power Point – ein Segen für anschaulichen Unterricht, falsch eingesetzt ein Fluch: Die erste Präsentation erstellte Sabine für eine Freundin, die das Programm gar nicht kannte. Bald sprach sich herum, dass sie nicht nur das Programm beherrschte, sondern auch wusste, worauf es bei Präsentationen ankommt. Immer mehr Kommilitonen fragten nach Hilfe – und so machte die Mundpropaganda sie zur Power-Point-Expertin.
Nachdem letzte Woche ein Dozent angefragt hatte, sagte ihr Freund: „Der kann ja aber dafür wohl mal was springen lassen! Schließlich bist du nicht seine Hilfskraft!“ Sie hat sich nicht getraut, ihn zu fragen. Aber seitdem grübelt sie ständig: Hätte er gezahlt? Und wenn ja – wie viel?
Viele Existenzgründer – besonders, wenn sie ihr Hobby zum Beruf machen – unterschätzen den Wert ihrer Arbeit. Ich mache es doch gern, es macht mir Freude, sagen sie sich. Mit der Einstellung aber werden sie nie davon leben können. Genau hier jedoch ist der Ansatzpunkt für eine Preisberechnung: Was brauche ich zum Leben? Welche Steuern, Abgaben, Kosten kommen auf mich zu? Wie viele Stunden möchte ich arbeiten, um dieses Geld zu verdienen?
In der Gründungsberatung hat Sabine ihre Idee durchgerechnet und ist fast vom Stuhl gefallen: 50 Euro müsste sie pro Stunde nehmen! Sie rechnet durch, wie lange sie an einer Präsentation sitzt und stellt fest: Das können sich ihre Kommilitonen niemals leisten! Idee gestorben? Auf keinen Fall! Wer seinen Stundensatz nicht bekommt, hat nicht den falschen Preis, sondern den falschen Kunden: Sabine weiß, für ihre Kommilitonen kann sie nicht arbeiten. Aber was ist mit den Dozenten? Sie könnten zahlen … Werden sie? Eine Woche später ruft sie ein Dozent einer anderen Uni an: Er hätte die Präsentation eines Kollegen auf dem Kongress so toll gefunden, ob sie auch seine übernehmen könne?
Sabine atmet tief durch: Jetzt oder nie! „Natürlich, das mache ich gern. Mein Stundensatz beträgt 50 Euro. Wenn Sie mir genau erklären, worum es geht, schicke ich Ihnen einen Kostenvoranschlag“, sagt sie. Ihr Herz klopft laut. Die Sekunde bis zur Antwort scheint sich endlos zu dehnen. Dann kommt die Stimme aus dem Hörer: „Sehr schön. Ich verbinde Sie mit meiner Sekretärin wegen der Kontaktdaten.“ Sabines Knie werden weich.
Weitere Aufträge folgen. Wieder durchwachte Nächte – aber diesmal wird jede Minute bezahlt! Ein tolles Gefühl – nur für ihre Kommilitonen hat sie nun keine Zeit mehr. Nach einem Seminar tippt einer von ihnen sie an: „Könntest du nicht einen Kurs geben zu Präsentationen? Ich hab ein paar gefragt, dafür würden wir unser Geld zusammenkratzen …“ Und Sabine lernt eine weitere wichtige Lektion: Das Angebot entscheidet über die Zahlungsbereitschaft.
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