Ich gehe ins Gericht

26.07.2010, 11:39 von Monika Goetsch

Zur Zeit besuche ich einen Prozess. Es gibt nichts Spannenderes als große Kriminalprozesse. Also sitze ich dort in einem mäßig klimatisierten Saal, höre zu und tippe. Ich tippe den ganzen Tag, immer andere Texte, bis ich mich gegen vier für eine Variante entscheiden muss, die ich an die Redaktion schicke. Der Prozesstag ist dann noch nicht zu Ende. 



Aber der Redaktionsschluss erlaubt es nicht, noch länger abzuwarten. Zum Gericht gehe ich darum mit dem unguten Gefühl, etwas Halbes zu machen, nicht etwas Ganzes. Noch schlimmer aber ist: Ich gehe, besser gesagt: hühnere mit diesem Gefühl auch durchs Leben.

Denn wenn ich im Gericht bin, kann ich nicht einkaufen. Ich kann keine Wäsche waschen und nicht mal nebenbei den Müll runterbringen. Gegen Mittag ruft mein Sohn an. Er will wissen, ob ich ihm helfen kann, den Ranzen, die Gitarre und den Sportsack von der Schule nach Hause zu schleppen. Nein, ich kann ihm nicht helfen. Auch meinen kleineren Sohn kann ich nicht abholen. Der große muss das tun. Ich werde nicht zum Abschiedsgottesdienst der Schule gehen, werde das Schulsommerfest erst am Spätnachmittag besuchen, bin beim Fußballturnier nicht dabei und beim Isargrillen erst am Abend. Geschweige denn, dass ich mit den Kindern ins Schwimmbad ginge.

Foto: Edith Ochs / pixelioIch bin kaum zu Hause. Und wenn ich zu Hause bin, tippe ich an der letzten Variante und bin unausstehlich. Das ganze Adrenalin ist da noch in mir. Weiterarbeiten, sagt das Adrenalin. Im Internet surfen. Mails beantworten. Nicht locker lassen. Heute morgen war kein Obst in der Schale. Das Brot selbst war nur noch ein Knust. Geradeso habe ich noch ein bisschen Joghurt und ein paar Müsliriegel gefunden, für die Brotzeiten der Kinder. Im Gericht esse ich Leberkässemmeln und trinke Apfelschorle, bis ich platze. Ich weiß ja, dass andere Mütter jeden Tag bis vier Uhr arbeiten. Das klappt. Nur wie? Man muss Strukturen schaffen, raten meine Lebensberatungsbücher. Delegieren lernen. Den Partner einbinden. Aber muss man wirklich gleich richtige Strukturen schaffen, wenn man für ein paar Tage zu einem großen Prozess geht?

Die Kinder sehen all das offenbar ein bisschen anders. Heute waren sie mit einer großzügigen Nachbarin am See. Gestern haben sie lange mit Freunden im Hof gebolzt. Vorgestern saß mein Sohn in meiner Abwesenheit mehrere Stunden an meinem Computer. Normalerweise darf er kaum an den Computer. Wenn ich weg bin, ist es nicht ganz einfach, ihm das zu verbieten. „Schon?" hat er gefragt, als ich endlich aus dem Gericht zurück war. Brav hat er dann den Computer abgestellt und  sein unschuldigstes Gesicht gemacht. „Wie oft gehst du eigentlich noch ins Gericht?", wollte er wissen.

„Nicht so oft wie du hoffst", habe ich gesagt.






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26.07.2010, 18:09
CSpiegelhalder
Die Antwort auf die Frage des Sohnes finde ich gut. Zum einen reimt sie sich, zum anderen ist sie treffend. Das schlechte Gewissen ist immer dabei. Ändern kann frau dies kaum. Schöne Grüße CSpiegelhalder


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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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