Ich gehe ins Kino

13.10.2011, 21:21 von Monika Goetsch

Zu den schmerzlichen Opfern einer berufstätigen Mutter gehört der Verzicht auf Kultur. Kommt ein Kind, ist der Kulturverzicht schon besiegelt. Theater, Konzerte, Kino: passé.  Müdigkeit, Häuslichkeit, Pflichtgefühl und Familiensinn verschlingen alles. Man steckt zurück. Und vergisst allmählich, dass es da draußen noch etwas Anderes, Aufregenderes gibt als das richtige Leben.



Früher ging ich morgens, mittags und abends ins Kino. Zweimal täglich. Mehrere Tage hintereinander. In ein und denselben Film fünf, sechs Mal. Das ist ziemlich lange her. In den vergangenen zehn Jahren habe ich es sehr selten ins Kino geschafft. Manchmal nach Vorabsprachen. Samstags, wenn mein Mann zu Hause ist.

Inzwischen sind die Kinder größer. Nicht groß genug, um abends allein zu bleiben. Fast schon zu groß für einen Babysitter. Groß genug aber, finde ich, um am Nachmittag ausnahmsweise allein vor sich hinzuspielen, während ich, nun ja, total spontan zur Kultur hin verschwinde.

 

„Ich bin jetzt mal ein bisschen weg!", hab ich gesagt. „Hmmm ...", machten die Kinder hinter ihren Comics. „Ihr passt aufeinander auf!" „Hmmm ..." machten die Kinder. „Ich bin auch bald zurück." „Hmmm ...", machten die Kinder.

Ich hab mich aufs Fahrrad gesetzt. Drei Uhr Nachmittag. Helllichter Tag. Lars von Triers „Melancholia". Lars von Trier kenne ich von früher. Regisseure, die ihren Durchbruch zwischen 2000 und 2010 hatten, haben bei mir keine Chance. Wer selten ins Kino geht, braucht vor allem eins: Satisfaction guaranteed. Lars von Trier, dachte ich, war schon immer und ist darum auch heute für mich: Satisfaction guaranteed.

Foto: Clemens Mirwald/pixelio.de

Foto: Clemens Mirwald / pixelio.deDer Film dauert 135 Minuten. Ein bisschen lang für „bald zurück".  Zehn Minuten Werbung vorab. Noch länger also. In einem Kurzfilm kriegt ein Mann eins auf die Nuss, weil sein Handy im Kino klingelt. Ich mache mein Handy aus. Knappe 145 Minuten Unerreichbarkeit. Plus weiter zehn Minuten Fahrradfahrt. Kein schönes Gefühl. Vorne Wagnermusik, eigenartig statische Bilder. Ich werde nervös. Ein bisschen schneller, finde ich, könnte der Film schon einsteigen, schließlich sind die Kinder allein zu Hause. Lars von Trier sah das wohl ähnlich. Kurz darauf zieht der Film an. Geradezu rasant. Handkamera. Fliegende Einstellungen, über die Schulter geschossen, rauf runter seitlich, ein Hochzeitsfest. Runter rauf seitlich. Seitlich rauf runter. Runter rauf seitlich rauf runter seitlich.

Ich mache das mit. Dann wird mir schlecht. Sehr schlecht. Ich denke an meinen Sohn, dem im Auto immer schlecht wird und weiß jetzt, woher er das hat. Eine Fahrt durch die Berge ist nichts gegen einen skandinavischen Handkamerafilm. Ich haste aus dem Kino. An der Luft geht es langsam besser. Der Magen beruhigt sich. Blöder Lars von Trier. Blöder, alter Magen. Den Film, denke ich dann, guckst du irgendwann auf DVD, im Bett, mit einem Schlechtkaugummi deines Sohns im Mund. Ist ohnehin gemütlicher.

 

Um 15 Uhr 50 bin ich wieder zu Hause. 15 Uhr 50, denke ich erleichtert. Du warst nur minikurz weg. Du kannst den Kindern Kakao machen, an den Computer gehen, Mails checken, ein Interview vorbereiten ... satisfaction guaranteed.

„Ich bin wieder daaaaaa!", rufe ich in die Wohnung hinein.

„Hmmmm ...", machen die Kinder.

 

www.monikagoetsch.de






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Kinder haben und berufstätig sein: das passt nicht ganz so gut zusammen wie Pommes und Ketchup. Kinder patschen auf der Tastatur herum, schreien, wenn Mama telefoniert und werden grundsätzlich krank vor wichtigen Terminen. Sind sie größer, belauschen sie jedes Telefonat, linsen einem beim Tippen neugierig über die Schulter und stellen anspruchsvolle Fragen: „Was arbeitest du eigentlich, Mama? Du sitzt doch immer nur am Computer herum!" Kinder sind nun mal lustige Zeitgenossen, die einem mehr übers Leben und Lieben verraten als so mancher Erwachsene. Und das Beste ist: Sie mischen den Laden nicht nur gut auf. Sondern sind bisweilen sogar ziemlich inspirierend.

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