Siegeszug auf dem Kopf
Dieses Jahr ist die Mütze ein modisches Accessoire und nicht nur ein Wärmespender
An ihren Mützen werdet ihr sie erkennen: nicht unbedingt, denn sie ist zurück und viele tragen sie. Die Mütze ist das Accessoire in diesem Winter und wandelt sich vom ungeliebten Nutzgegenstand zum modischen Liebling. Oder brauchen wir doch noch etwas Zeit, um voll und ganz zu ihr zu stehen?
Im letzten Winter habe ich mir geschworen, dass ich damit aufhöre. Als ich die fünfte Mütze in kurzer Zeit kaufte und meine Mutter fragte: „Was, schon wieder eine? Kauf' dir doch mal einen Pullover“, wusste ich, dass ich meinem Mützenwahn ein Ende setzen musste. Doch nun gerät mein Entschluss schon wieder ins Wanken, denn überall, wo ich hingehe, sehe ich sie: Mützen. Die Mützen haben das Stadtbild erobert. Was sich letztes Jahr schon zaghaft andeutete, bricht diesen Winter mit voller Wucht durch. Beim letzten Stadtbummel habe ich mal aus Spaß gezählt.
In den ersten zehn Minuten kreuzten sechzig Mützenträger meinen Weg.
Wobei die Männer gar nicht so schwer ins Gewicht fallen, die trugen wie jedes Jahr praktisch orientiert schwarze Eierwärmer auf dem Kopf, in Fachkreisen Dockermütze genannt, und sehen auch sonst aus, als ob sie auf eine Winterexpedition aufbrechen.
Wie in fast allen modischen Bereichen bringen die Frauen die Vielfalt ins Stadtbild und da hat sich an der Mützenfront einiges getan. Nahezu in jeder erdenklichen Form, Farbe und jedem Material kann man Mützen in freier Wildbahn beobachten. Neben der klassischen Strickmütze, die eng am Kopf liegt, haben sich die breiteren, manchmal fast sackartigen Baskenmützen etabliert. Die gibt es mit grobem Strick, feinem Strick, mit Bommel, ohne Bommel, mit Muster und ohne – kurz, jeder kann die passende Mütze für seinen Hinterkopf finden, denn da werden diese Exemplare getragen, die Teil des Boho-Chics (von Bohemien) sind, der sich in den letzten Jahren immer mehr durchsetzt.
Aber neben der Boho-Mütze hat sich auch eine, sagen wir mal, Außenseiter-Mütze in die Mitte des Mainstreams durchgekämpft: Die Lappland-oder Norwegermütze. War sie bisher immer nur Kopfbedeckung für Fans des Rentierpullis und wurde von der breiten Masse wegen ihrer ebenso breiten Ohrenklappen belächelt, wissen dieses Jahr erstaunlich viele die Wärme der Pudelmütze im skandinavischen Stil zu schätzen.
Überhaupt sind Mützenmodelle nur schwer zu kategorisieren und gehen in Form und Farbe fließend ineinander über. Aber wo wir gerade bei Pudelmützen sind: der exzentrische Klassiker ist auch mit neuem Glanz zurück und wird dieses Jahr von vielen in einem ebenso auffälligen Lila (der unvermeidlichen Trendfarbe des Jahres 2009) getragen.
Doch woher rührt diese plötzlich aufkeimende Liebe zur winterlichen Kopfbedeckung? Kältere Winter sind keine probate Erklärung. Da muss der Grund in den Köpfen der Leute zu finden sein.
Sind Mützen nicht in den meisten Generationen als der Frisurkiller schlechthin bekannt und lernen wir nicht in Kindertagen schon früh: Wer eine Mütze trägt steht auf der Abschussliste des allgemeinen Spotts?
Ich habe Mützen als kleines Kind gehasst. Sie kratzten am Kopf und man sah dumm aus. Da meine Mutter allerdings nicht auf Wärme an meinen Ohren verzichten wollte, einigten wir uns auf ein Stirnband, was modisch gesehen auch mehr als fraglich war, dennoch erklärt das weder meine neue Liebe zur Mütze, noch die der vielen anderen Frauen da draußen.
Tatsächlich ist der Schlüssel zu meinem Mützenherz die Boho-Mütze gewesen. Sie sitzt praktisch am Hinterkopf, ist freundlich zu Hochsteckfrisuren und in einer Vielfalt erhältlich, dass mein Accessoire-Wahn ungeahnte Möglichkeiten hat. Und schließlich passen Mützen immer.
Eine Frau, die ich in der Stadt um ein Foto von ihrer außergewöhnlichen violetten Pudelmütze (mit einem grandios flauschigen Bommel oben drauf) bat, weigerte sich. Und als ich sie nach ihrer Verweigerung fragte, ihre Mütze sei doch schließlich so schön, antwortete sie: „Ja, finde ich auch. Aber das braucht ja auch kein anderer zu wissen.“
Das erstaunte mich. Ist die Mütze als Relikt aus Kindertagen tatsächlich doch ein geliebtes Hassobjekt, ein Vergnügen mit Gewissensbissen, was wir heiß und innig lieben und uns doch ein wenig dafür schämen? Dieses Jahr kann eigentlich alles anders sein, denn dieses Jahr sind wir alle die Kinder auf dem Schulhof, deren Mama auf eine Mütze bestanden hat. Dieses Jahr können wir aus einer regenbogenbunten Reichhaltigkeit auswählen, wie wir unser Haupt wärmen und schmücken wollen. Gerade hat es angefangen zu schneien und ich werde mir meine sechste Mütze kaufen gehen, vielleicht in rot. Und Sie?
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