Auszeit für Unternehmerinnen

Interview mit Gabriele Schwind-Sauer über ihr Sabbatical und den Mut zur Arbeits-Pause

05.08.2010, 16:07 von Andrea Blome

Entschleunigung, Offline sein, Pause machen - das sind aktuell die Themen auf den Covern der Magazine und Zeitschriften. Ein paar Wochen Ferien in der Urlaubszeit? Das reicht nicht immer. Danach geht's oft im gleichen Takt weiter. Ein Sabbatical - eine längere Auszeit zum Kraft tanken, Atem holen, zur Neuorientierung - ist für Angestellte in modernen Unternehmen eine attraktive Möglichkeit. Und bei den Unternehmerinnen? Können die es sich leisten, ein Jahr lang von der Bildfläche zu verschwinden? Gabriele Schwind-Sauer aus Idstein hat es ausprobiert.



Gabriele Schwind-Sauer ist Gründerin und Inhaberin des KIG-Instituts, Kreativ - Institut - Gestalt in Idstein. Jahrelang hat sie als Coach und Beraterin gearbeitet. Von Oktober 2008 bis Oktober 2009 machte sie ein Jahr Pause, durch eine Krankheit wurden es dann noch ein paar Monate mehr. „Insgesamt war ich 19 Monate nicht für Kunden ansprechbar", sagt sie und macht Mut zum Abschalten.

 

Kann sich eine Unternehmerin ein Sabbatical leisten?

Ja, wenn sie über den nötigen finanziellen Spielraum verfügt und ein Jahr lang auf Einnahmen verzichten kann. Sei es, dass sie Rücklagen gebildet hat, ihr Unternehmen auch ohne ihre Anwesenheit weitergeführt werden kann, einen Bankkredit zur Verfügung hat oder sie einen Partner hat, der sie finanziell unterstützt. So war das bei mir. Bei den Kosten eines Sabbaticals gibt es natürlich auch Unterschiede. Wer eine Zeit lang in einem Kloster lebt, wird keine zusätzlichen Kosten haben, außer für Essen und das braucht man sowieso.

Wie sind Sie zum Sabbatical gekommen?

Der Auslöser war ein 40-Tage-Money-Attraction-Seminar bei Monika Birkner. Danach stand fest: Nein, ich mache so nicht weiter. Ich hatte schon lange das Bedürfnis nach einer Auszeit gehabt und mir gewünscht, mal keine Termine zu haben, keinen Druck zu haben Geld einnehmen zu müssen. Wir haben in diesem Seminar viel über Finanzielles und Zahlen gearbeitet und mir wurde klar: Ich muss gar kein Geld verdienen! Für meine Rente und meinen Lebensabend ist gesorgt. So begann das Sabbatjahr.

Was haben Sie in diesem Jahr gemacht?

Ich hatte in den neun Jahren zuvor in der Selbstständigkeit unglaublich viel gearbeitet und brauchte Zeit, das zu reflektieren.

Sind Sie weggegangen?

Das Bedürfnis zu reisen hatte ich nicht. Ich war viel im Privathaus mit der Familie, habe meine Kinder besucht, Kontakte zur Großfamilie intensiviert. Meine älteste Tochter hat in dieser Zeit geheiratet, ich bin Oma geworden. Viel Ungeplantes ist passiert, das war wunderbar.

 

Arbeit gibt dem Alltag Struktur, Aufträge von Kunden sind Bestätigung.

Wie ist das, wenn das alles weg ist? Wie fühlt sich das an?

Das war ein Wechselbad der Gefühle. Die Zeitstruktur war total weg. Manchmal war das wie ein leeres Loch, manchmal Freiheit. Ich habe meinen Alltag neu strukturiert, so wie ich das von meinen inneren Impulsen her wollte. Was ich erfahren habe: Allein dadurch, dass ich lebe, habe ich Arbeit - seien es praktische Dinge im Alltag, seien es Bücher, die ich lese ...

Was würden Sie Frauen raten, die eine Auszeit planen? Welche Vorkehrungen sollten sie für ein Sabbatical treffen?

Am wichtigsten ist der finanzielle Rahmen. Auch für die Zeit des Wiedereinstiegs. Dann sollte sie in sich hineinspüren, ggf. mit Hilfe eines Coaches: Wie will ich diese Zeit nutzen? Sie sollte sich für so genannte innere Lochzeiten oder Leerzeiten im November oder Februar, „Stimmungsinseln" suchen. Wo sind meine kleinen Freuden? Ich hatte eine Liste von 5-Sterne-Freuden. Das können ganz banale Dinge sein: die Katze streicheln, Barfuß gehen, ein Lied singen, einen Cappuccino trinken ...

Ich habe mein Sabbatjahr mit einer Reise in die Schweizer Berge und einem Abschlussritual einschließlich Selbst-Reflexion beendet. Altes loslassen war mir wichtig, damit Neues entstehen kann.

Die Angst davor, dass nach einem Jahr die Kunden weg sind, ist die begründet?

Ich habe mich bei meinen Kunden, NetzwerkpartnerInnen verabschiedet und ich war sicher, die Menschen sind alle noch da, wenn ich zurückkomme.

Bei denen hat sich vermutlich weniger geändert als bei Ihnen ...

Das stimmt. Es ist eine Herausforderung, mit einem gewandelten Selbst beruflich wieder anzuknüpfen. Andererseits: In Wirtschaft, Institutionen, Familien, findet immer Wandel statt.

Wie machen Sie jetzt weiter?

Auf die Frage reagiere ich momentan sehr gereizt. Das hat mir zuletzt meine älteste Tochter bestätigt. Ich kann diese Frage noch nicht beantworten. Ich arbeite zurzeit am Profil für meine weitere Freiberuflichkeit. Ob es ein „Welthaus der Kreativität" wird, weiterhin ein virtuelles Institut mit dem Schwerpunkt „Selbst-Coaching" bleibt oder doch wieder ganz klein mit eigener Beratungspraxis und neuem Schwerpunkt beginnt, das ist ganz offen. Für meine zukünftigen Kunden muss bald ganz klar sein, was jetzt kommen kann.

Ich bekomme im Moment viele E-Mails, in denen Frauen sich entschuldigen, dass sie nicht sofort geantwortet haben, weil sie im Urlaub waren. Auf Ihrer Website steht unter Aktuelles „Urlaubszeit". Sie entschuldigen sich nicht mehr?

Freiberuflerinnen steht genauso viel Urlaub zu wie Angestellten. Ein Grund, um sich selbstständig zu machen, war auch bei mir die Zeitsouveränität. Zeit zu haben für individuelle Anliegen, für die Dinge, die ich als wichtig für mich erkannt habe, ist mir ein großes Bedürfnis. Ich nehme mir weiterhin die Freiheit von Auszeiten.

 






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30.08.2010, 15:53
Gabriele Schwind-Sauer
Liebe Frau Hümbs, ich antworte spät, aber doch. Ich befinde mich zur Zeit in einer dreiwöchigen Heilfastenkur und arbeite nicht so viel am PC wie sonst. Ja, Auszeiten sind lebensnotwendig. Ich freue mich, dass Sie ähnliche Erfahrungen in Ihrer Studien- und Erholungsphase gemacht haben. Inzwischen klärt sich einiges bei mir. www.schwind-sauer. de ist entwickelt worden. Auszeiten bringen Klarheit und Mut zu Neuanfängen. Loslassen von allen Sorgen über die Zukunft war ein Punkt. Und ich bin aktiv für die Menschen in Pakistan, in meinem kleinen Rahmen und doch ... ein kleiner Stein kann Wellen produzieren ... Ich schau mich mal auf Ihrer Webseite um;-).

20.08.2010, 11:43
Agnes Hümbs, www.ethikconsult.de
Liebe Frau Schwind-Sauer, vieles von dem, was Sie sagen, kann ich bestätigen. Mein Sabbatical war fand zwar wegen einer lebensbedrohlichen Erkrankung gezwungenermaßen vor 5 Jahren statt. Den Mut, es mir ohne diesen Grund zu genehmigen, hätte ich nicht gehabt. Ich hatte befürchtet, dass mir KundInnen und AuftraggeberInnen abspringen - und es ist (bis auf einen Fall) nicht passiert. Mein Mann hat mich bei eigenen Entbehrungen über die lange Zeit des Verdienstausfalls gerettet. Meine an sich gute Krankentagegeldversicherung hatte ich für den Monate langen Ernstfall nicht konzipiert. Ich habe während der Zeit sehr viel und intensiv gelesen und habe die vielen Monate - trotz aller krankheitsbedingten Ängste - als paradiesische Studien- und Fortbildungserholung in Erinnerung. Und wegen dieser schönen Erfahrung nehme ich mir wie Sie auch \\\\\\\\\\\\\\\"weiterhin die Freiheit von Auszeiten\\\\\\\\\\\\\\\". Danke für das Interview! Entspannte Grüße Agnes Hümbs


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Eine andere Öffentlichkeit für selbstständige Frauen, darum geht es der existenzielle. Frauen führen große, meistens aber kleine Unternehmen. Einzelunternehmerinnen und Freiberuflerinnen wissen: Ich bin mein Unternehmen. Erfolg ist für sie viel mehr als (nur) das wirtschaftliche Wachstum. Sie sind Frauen mit Ideen und Leidenschaft - und  könnten doch gelegentlich etwas größer denken!
10 Jahre lang ist existenzielle als Magazin gedruckt erschienen. Mit der Online-Plattform beginnt ein neues Experiment. Der Blog ist dabei wie eine regelmäßige Hausmitteilung - über das Experiment "Online", über Unternehmerinnen-Kultur und ihre Bilder in den Medien.

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