Humor ist eine Erfolgsstrategie
Ein Gespräch mit Jumi Vogler über Humor in deutschen Unternehmen, die Strategien der Charmanzen und Lachen als Erfolgsstrategie
Jumi Vogler lässt es bei Vorträgen schon mal rote Nasen regnen. Schließlich gehört das Accessoire zur Grundausstattung für ein humorvolles Leben. Sie ist davon überzeugt: Humorvolle Menschen und Unternehmen sind erfolgreicher. Denn sie akzeptieren ihre Unvollkommenheit.

existenzielle: Frau Vogler, ich trage jetzt gar keine rote Nase.
Jumi Vogler: Oh, das ist aber schlecht, da kann ich gar nicht mit Ihnen reden.
Ich hatte keinen Eierkarton zur Hand, um mir schnell eine zu basteln. Wäre die rote Nase denn hilfreich für unser Gespräch?
Nein. (lacht) Wir reden ja über ein ernstes Thema.
Wir wollen über Humor reden ...
In Deutschland ist das ein ernstes Thema, weil es neu ist. Ich rede über Führen mit Humor, über die Steigerung des Unternehmenswertes durch Humor. Wenn Sie das in einem deutschen Unternehmen sagen, dann fragt der ein oder andere: Wie soll das denn gehen?
Die irritierte Rückfrage der Humorlosen?
Nein, das ist tatsächlich keine Frage des Humors, sondern hat mit der europäisch-deutschen Kommunikationskultur zu tun und noch mehr mit dem Charakter der Unternehmen in Europa und Deutschland. Dass Leistung und Spaß zusammengehören, davor hat der Deutsche Angst.
Wie kommt der Humor ins Unternehmen?
Dazu muss ich zunächst erklären, was Humor eigentlich ist. Wenn ich verstehe, dass Humor ein philosophisches Konstrukt ist, dann wird ganz schnell klar, dass es nicht um Entertainment oder ums Witzeerzählen geht, sondern um eine Art, die Welt zu sehen. Ein Zitat von Albert Camus bringt das wunderbar auf den Punkt: „Die Fantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind." Darum geht es: Die Welt so zu sehen, wie sie ist, ihr aber mit einer größeren Toleranz und Fehlertoleranz, mit mehr Kreativität zu begegnen. So entsteht eine wertschätzende Haltung.
Auf ein Unternehmen übertragen?
Wenn ich mir vergegenwärtige, dass die Mitarbeiter mein höchstes Gut sind, dann gehe ich mit ihnen wertschätzender um, dann entwickle ich Merkmale, die das Arbeiten vergnüglicher machen. Deutsche Unternehmen funktionieren immer noch nach den Prämissen der Lonesome Woolfs, wie Wendelin Wiedeking, der sagte: „Wer bei mir Leistung bringt, der darf auch Humor haben." Das ist diese alte männliche Haltung: Arbeit darf keinen Spaß machen, man muss Menschen kontrollieren. Unternehmen funktionieren aber nicht mehr als statische vertikale Hierarchien, Unternehmen haben z. B. in Projekten oft matrixähnliche Organisationsform, die flexiblere Kommunikation und Motivation benötigen.
Und humorvolle
Führungskräfte, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie führe ich mit Humor?
Wertschätzend, aber nicht weich, motivierend, überzeugend,
offen, mit Vergnügen. Der Mensch im Mittelpunkt eines Unternehmens will mehr
als nur Geld für seine Leistung. Er will Sinnhaftigkeit und Spaß an der
Leistung. Da kommt man um die eigene Haltung nicht herum.
Zu Eigenschaften wie rationale und emotionale Intelligenz, Führungsstrategien
und Kommunikationsfähigkeiten kommt dann der Humor als Interventionstool.
Paradox oder nicht.
Humorvoll kann jeder sein?
Eine zentrale Frage in meinen Vorträgen lautet: Welchen Humor besitzen Sie? Und um die zu beantworten, machen wir unterschiedliche Übungen: Motivieren Sie einen anderen Menschen ohne Worte. Sie dürfen ihn auch zum Lachen bringen. Oder: Erklären Sie Ihre Biografie aus einer Schwäche heraus. Was wir dabei entdecken: Humor besteht aus Biografie und Charakter. Das ist bei Personen nicht anders als bei einem Unternehmen. Humor ist eine Wachstumsstrategie.
Humor ist doch auch ein Geschlechterthema. Wenn ich über Humor in Unternehmen nachdenke, fallen mir Begegnungen ein, in denen Männer sich gegenseitig auf die Schulter klopfen oder Witze erzählen, über die Frauen nicht lachen können. Welche Strategien haben Frauen denn: So tun, als ob und mitlachen oder nicht mitlachen und als humorlos gelten?
Lassen Sie mich mit den Charmanzen antworten. In meinen Potenzialentwicklungen für Frauen in der Führung mit Humor heißt das Ziel: Werden Sie zur Charmanze! In einer Welt, in der von Frauen in Führung noch immer erwartet wird, sich anzupassen, ihren Mann zu stehen und als Frau nicht weiter aufzufallen, hat eine Charmanze begriffen, dass die Welt von Männern geprägt ist und dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Wenn ich das verstanden habe, habe ich schon eine Menge Humor bewiesen.
Wie das?
Weil es weh tut! Mir tut es weh zu sehen, dass ich als Frau nicht die gleichen Chancen habe wie ein Mann. Wenn ich sehe, wie die Welt ist, dann tut das meistens weh. Sie brauchen Humor, um die Welt zu sehen wie sie ist und dennoch gern zu leben und an die eigene Selbstwirksamkeit zu glauben.

Was bedeutet das konkret im Unternehmen?
Wenn Sie Mitarbeiter entwickeln wollen, dann geben Sie ihnen
die Möglichkeit, selbstverantwortlich zu sein, an die eigene
Gestaltungsfähigkeit zu glauben, selbst zu denken. Das können nicht nur
Comedians, das kann jeder. Unternehmen, die humorvoll sind, machen die
inoffizielle Kommunikationskultur offen, sie lassen zum Beispiel zu, dass über Vorgesetzte
gelacht wird.
Sie brauchen Humor bei allem, was schwierig ist, überall da, wo sie Fehler
machen können, damit Sie Distanz bekommen und nicht so einen hohen
Stresspegel haben. Und damit Sie es
besser machen können. Aus Fehlern muss man lernen dürfen. Humorvolle Menschen
sind fehlertoleranter mit sich selbst, deswegen können sie auch aus Fehlern
lernen. Humorvolle Menschen können Angreifern gelassener begegnen. Wer gelernt
hat, in einer Situation zu lachen, die Perspektive zu wechseln, beweist
Flexibilität und wird letztlich erfolgreicher sein. Das ist mein Credo: Erfolg
lacht!
Wie lernt man das?
Ich mache in meinen Trainings viele unterschiedliche Übungen.
Wie gehen wir mit unseren Stärke um. Wie mit unseren Schwächen? Besitze ich Mut? Erlaube ich mir ein
Alleinstellungsmerkmal und wie sieht es
aus? Wie konfliktfähig bin ich? Wie gehe ich mit Dominanzstrategien um? Wie
funktionieren meine Fantasie und Kreativität? Wir machen Schlagfertigkeits- und Kommunikationsübungen
mit Humor. Humor kann auch als paradoxe
Intervention in der Führung angewandt
werden. Im Coaching. In der Kommunikation allgemein. Humors ist übrigens ein
anerkanntes therapeutisches Tool.
Dazu gehört auch, die rote Nase
aufzusetzen - imaginär oder in Wirklichkeit. Sie ist das Symbol dafür, die Welt
zu sehen wie sie ist und in heitere Distanz zu gehen. Das schafft Souveränität
und eröffnet Handlungsspielräume. Ich
habe meine rote Nase immer dabei, in jeder Tasche ist eine. Und auch meinen
Klienten schenke ich in der Regel eine rote Nase, die sie fortan bei sich
tragen.
Ein Beispiel: Eine Klientin lag im Dauerstreit mit ihrer Gartennachbarin. Als
diese wieder einmal über das Laub von deren Bäumen auf ihren Beeten meckerte,
setzte meine Klientin ihre rote Nase auf und sagte stoisch (mit Heinz Erhard):
„Das Reh spring hoch, das Reh springt weit. Warum auch nicht, es hat ja Zeit."
Sie hat ihr Ziel erreicht, die Nachbarin lässt sie jetzt in Ruhe.
Interview: Andrea Blome
existenzielle 4/2012
Zur existenzielle-Rezension von Erfolg lacht!
Jumi Vogler ist Humorexpertin und
Expertin für die Steigerung des Unternehmenswertes.
Sie arbeitet als Speakerin, Autorin und Trainerin. Sie war als
Theaterwissenschaftlerin und mit einer Schauspielausbildung an verschiedenen
Theatern in der Künstlerischen Leitung tätig. Als ehemalige
Personalentwicklerin kennt sie Wirtschaftsunternehmen von innen. „Erfolg lacht! Humor als
Erfolgsstrategie" ist ihr erstes Buch.
www.jumivogler.de
Humorblog: http://erfolg-lacht.blogspot.com
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